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Sagen aus Schwaben

: Sagen aus Schwaben - Kapitel 168
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Die Wurmlinger Kapelle

Graf Anselm von Kalw hatte angeordnet, daß man ihn, sobald er gestorben sei, in seinem Sarge von zwei »ungewohnten Ochsen«, die noch nie einen Wagen gezogen hätten, sollte fortfahren lassen, und zwar ohne Kutscher. Wo die Ochsen dann stillstünden, dort solle man eine Kapelle bauen und alljährlich den Stiftungstag durch eine heilige Messe und durch ein großes Festessen, das er selbst genau vorgeschrieben hatte, feiern. Dieses Fest wurde später stets am Dienstag nach der großen Kirchweih abgehalten.

Der letzte Wille des Grafen wurde genau vollführt. Zwei junge Ochsen fuhren allein mit seiner Leiche von Kalw ab und standen erst auf dem jetzigen Remigiusberge bei Wurmlingen still. Dort wurde dem heiligen Remigius zu Ehren eine Kapelle erbaut, die zwar im Dreißigjährigen Kriege von den Schweden niedergebrannt, später aber wieder hergestellt wurde.

Heute ist sie allgemein bekannt durch das Gedicht von Uhland: »Drohen stehet die Kapelle.«

Auf dem Heimenstein im Neidlinger Tal hauste einst der Riese Heim. Als er eines Morgens aufgewacht war und sein zottiges Haupt zur Höhle hinausstreckte, bekam er plötzlich Lust, auf einem Felsen auf der anderen Talseite ein Schloß zu erbauen. Mit einem einzigen Riesenschritt erreichte er den Felsen an der gegenüberliegenden Talwand. Von dort aus rief er mit dröhnender Stimme ins Tal hinab: »Ihr Menschenzwerglein, wer von euch arbeiten will, der soll zu mir heraufkommen und mir mein Schloß bauen helfen!«

Da erschienen Maurer und Zimmerleute, Steinhauer und Schlosser und nahmen die Arbeit freudig auf. Denn der Riese hatte Gold in Fülle und versprach reichlichen Lohn. Bald stand das Schloß fertig da und schaute stolz vom Reußenstein ins Tal hinab. Bald zeigte sich auch der Riese und beschaute das Werk. Alles war in schönster Ordnung, es gefiel ihm über die Maßen. Nur außen am obersten Fenster im höchsten Turm fehlte noch ein Nagel. Unwillig erklärte er: »Keiner soll seinen Lohn bekommen, ehe der letzte Nagel eingeschlagen ist.« Aber niemand wagte es, die schwindelnde Höhe zu erklimmen und den Nagel einzuschlagen. Schließlich versprach der Riese dem Mann, der dies wage, noch besonders reichen Lohn.

Da war ein armer junger Schlossergesell aus Neidlingen, der liebte heimlich seines Meisters Tochter. Der Meister wollte sie ihm aber nicht geben, weil ihm der Junge nicht vermögend genug war. Darob brach diesem schier das Herz, und das Leben war ihm verleidet. Da dachte er: »Du solltest doch den Nagel einschlagen, vielleicht gelingt es dir; stürzest du hinab, nun dann ist dein Herzeleid vorüber.« So meldete sich der Schlosser bei dem Riesen.

Als dieser den mutigen Burschen auf den Turm steigen und ans Fenster treten sah, um hinauszusteigen und den Nagel einzuschlagen, hatte der Riese seine herzliche Freude an ihm, packte den Gesellen fest beim Genick und hielt ihn mit Riesenkraft in die Luft hinaus, so daß der Bursche die Hände frei hatte und unbehindert arbeiten konnte. Als das Werk getan war, lobte der Riese den wagemutigen Gesellen:

"Zwerg, das hast du brav gemacht!" und beschenkte ihn reichlich, so daß er nunmehr um seines Meisters Tochter werben konnte und sie zur Frau bekam.

 


 

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