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Sagen aus Schwaben

: Sagen aus Schwaben - Kapitel 161
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Die goldene Windfahne auf der Güssenburg bei Giengen

Nicht weit von Giengen, der einst reichsfreien, jetzt württembergischen Landstadt, erheben sich auf einem Hügel die Trümmerhaufen der Güssenburg, deren dreizehn Schuh dicke Mauern noch heute von ihrer einstigen Stärke zeugen. Besonders im Glanze der Abendsonne sind die Reste der Burg gar malerisch anzusehen.

Herr dieser Zwingstätte war im fünfzehnten Jahrhundert Hans Güß von Güssenburg, im Volke ,Mordhans, genannt, und wie dieser Beiname sagt, ein böser und gefährlicher Kumpan. Seine größte Freude war, Kaufleute und Reisende, die ihr Weg an der Burg vorbeiführte, zu überfallen, auszuplündern und gefangen in sein Raubnest zu schleppen. Nur gegen bedeutendes Lösegeld öffnete sich ihnen die Tür des Kerkers wieder, wenn sie dem Ungemach der Gefangenschaft nicht vorher erlegen waren.

Die benachbarten Handelsstädte gaben sich alle Mühe, den Bösewicht in ihre Gewalt zu bekommen; doch vergeblich. Zwar war es den Ulmern schon einmal gelungen, ihn gefangenzunehmen, aber der Burgvogt von Güssenburg schickte den Kopf eines zugleich mit mehreren andern Ulmern gefangenen Kaufmannes in die Reichsstadt und ließ dem Rat kundtun, wenn sein Herr nicht binnen achtundvierzig Stunden frisch und gesund auf der Burg eintreffe, werde er alle übrigen Gefangenen töten lassen.

Diese Drohung wirkte, und bevor noch die Frist verstrichen war, stellte sich der Mordhans wieder in seinem Schlosse ein und preßte aus den Gefangenen eine solche Summe Geldes heraus, daß er davon auf einem Zinnentürmchen des Schlosses eine Windfahne von lauterem Gold, einen Drachen vorstellend, anbringen konnte. Ungewarnt und ungebessert setzte er sein ruchloses Treiben fort und achtete nicht der ewigen Wahrheit, daß jegliches irdische Tun seinen Zielpunkt hat, wo es heißt: Bis hierher und nicht weiter!

Die Güssenburg war den Lauingern eine recht verdrießliche Nachbarschaft, und die Bürger dieser Stadt knüpften mit den Ulmern und andern insgeheim Unterhandlungen an, das Raubnest zu zerstören. Besonders tätig war bei diesem Unternehmen ein Lauinger, um seiner Profession willen der Schlosserpeter genannt, der lange im Felde gedient hatte und im Gebrauch der eben erst aufkommenden Artillerie und in der Verfertigung von allerlei Waffen und Kriegsmaschinen sehr erfahren war. Der Schlosser stellte eine Maschine her, die er mit feinstem Schießpulver füllte. Damit, schwur er, könne man das ganze Tor der Güssenburg, und wenn es auch noch zehnmal stärkere Eichenbohlen hätte und aus noch mehr Eisen bestünde, gleich einem Garbenbündel über den Haufen werfen.

Seinem oft bewährten Wort vertrauend und lüstern nach der im Schloß erhofften Beute, schlossen sich viele Städter ihm an. Und am Vorabend des Tages St. Johannes des Täufers im Jahre 1448 zogen die Bürger von Lauingen zu ihrem Unternehmen aus. Hinter ihnen wurden, damit niemand die bedrohte Burg warnen könnte, die Stadttore geschlossen, und kein Mensch durfte mehr hinausgelassen werden. Auf den Abend folgte eine regnerische, stürmische Nacht; außer der aufgestellten Hochwacht lag auf der bedrohten Burg alles im Schlaf. Den Lauingern war es gelungen, den Burgberg zu ersteigen; an die Mauern der Feste gedrückt, harrten sie der Öffnung des Eingangs, um Brand und Mord hineinzutragen. Behutsam arbeitete der Schlosserpeter an dem Tor, und die Horcher glaubten, das Geräusch von Schrauben zu vernehmen. Es war schon Mitternacht vorüber, als er endlich mit seiner Arbeit fertig war, hinter den Vorsprung der Mauer eilte und den Wartenden zuflüsterte: »Jetzt gilt's, seid bereit!«

Zugleich hörte man ein Geräusch wie von einer ablaufenden Weckeruhr, dann flammte auf einmal eine hellaufblitzende Feuerlohe empor und mit einem gewaltigen Krach flogen die beiden riesigen Torflügel zersplitternd aus ihren Angeln, die Bürger aber stürmten voll Blut- und Beutelust durch die gähnende Öffnung in den Burghofhinein.

Sie trafen auf wenig Widerstand, denn die furchtbare Explosion und der unvermutete Überfall hatten alle ihre Bewohner außer sich gebracht. Da die Burg schnell an allen vier Ecken in Brand gesteckt wurde, war das Schreckensschauspiel bald ausgespielt. Weit durch das Brenztal hin verkündeten die auflodernden Türme der Feste Fall und Zerstörung.

Der Mordhans war, als er im Hemd, mit einem Streitkolben bewaffnet, auf dem Burghof erschien, gleich im Anfang des Kampfes erschlagen worden, die meisten seiner Leute hatten sich geflüchtet. Als die schwer mit Beute beladenen Bürger sich zum Abzug bereitmachten, fehlte der Schlosser. Er erschien erst spät, nachdem er mehrmals in Gefahr gewesen war, von stürzenden Balken erschlagen zu werden oder im Rauch zu ersticken. Auf seiner Schulter trug er stolz die goldene Windfahne, die er von ihrem Standort heruntergeholt hatte. Mehrere Bürger waren verwundet worden, doch nur ein Mann hatte den Tod gefunden, ein Handwerksgeselle aus einem fernen Ort, um den sich niemand kümmerte.

Unter den entflohenen Burgbewohnern befanden sich auch die beiden Töchter des Mordhans, die später jedes Jahr nach der Stätte der elterlichen Heimat wallten und des Vaters Tod und die Zerstörung der Burg bejammerten. Man will gesehen haben, daß sie als Gespenster noch immer in der Nacht vor dem St.-Johannis-Tag in den Ruinen umherwandeln. Dort hat man auch häufig Pfeilspitzen, Nägel und anderes verrostetes Eisenzeug gefunden; drei bis fünf Meter hoch ist der Boden mit Brandtrümmern bedeckt. Die noch stehenden Mauerreste sind zum Teil aus rotem Marmor erbaut, was merkwürdig ist, da es heutzutage in dieser Gegend keinen Marmorbruch mehr gibt.

Der Schlosserpeter hätte seine wertvolle Beute oft verkaufen können, aber er erklärte immer: »Nach meinem Tode will ich's dem vermachen, der mir im Leben der liebste war.« Und jedermann schmeichelte ihm nun in der Hoffnung, das wertvolle Kleinod zu erben. Doch als er endlich hochbetagt starb, da fand man in seinem Testamente die Widmung, die goldene Windfahne schenke er der Stadt, sie möge diese auf den eben vollendeten Stadtturm hissen lassen. Wenn man jedoch um des

edlen Metalls willen Bedenken trage, die Fahne der Unbill des Wetters auszusetzen, so habe er eine gleiche Windfahne aus Messing eigener Erfindung verfertigt, die von dem Originale kaum zu unterscheiden sei.

Eine dieser Windfahnen wurde auf den Turm aufgezogen, ob es aber die echte oder die aus Messing war, konnte man nie erfahren.

 


 

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