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Sagen aus Schwaben

: Sagen aus Schwaben - Kapitel 15
Quellenangabe
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Notburga

Noch stehen am Neckar Türme und Mauern der alten Burg Hornberg. Darauf wohnte vorzeiten ein mächtiger König mit seiner Tochter Notburga. Diese liebte einen Ritter und hatte sich mit ihm verlobt; er aber war in Kriegsdiensten ausgezogen und nicht wiedergekommen. Da beweinte sie Tag und Nacht seinen Tod und schlug jeden andern Freier aus. Ihr Vater indessen war hartherzig und achtete wenig auf ihre Trauer. Einmal sprach er zu ihr: »Bereite deinen Hochzeitsschmuck, in drei Tagen kommt ein Bräutigam, den ich dir ausgewählt habe.« Notburga aber sprach in ihrem Herzen: »Lieber will ich fortgehen, so weit der Himmel blau ist, als daß ich meine Treu brechen sollte.«

In der Nacht darauf, als der Mond aufgegangen war, rief sie einen treuen Diener und sprach zu ihm: »Führe mich in die Waldhöhle hinüber zu der Kapelle St. Michael, da will ich, verborgen vor meinem Vater, im Dienste Gottes mein Leben beschließen.« Als sie dann die Burg verließen, rauschten die Blätter und ein schneeweißer Hirsch kam herzu und stand neben Notburga still. Da setzte sie sich auf seinen Rücken, hielt sich an seinem Geweih fest und ward schnell von ihm fortgetragen. Der Diener sah, wie der Hirsch mit ihr über den Neckar leicht und sicher hinüberschwamm und drüben verschwand.

Am anderen Morgen, als der König seine Tochter nicht fand, ließ er sie überall suchen und schickte Boten nach allen Gegenden aus, doch sie kehrten zurück, ohne eine Spur gefunden zu haben. Der treue Diener wollte Notburga aber nicht verraten. Als es Mittagszeit war, kam der weiße Hirsch auf Burg Hornberg zu ihm, und als er ihm Brot reichen wollte, neigte er seinen Kopf, damit er es ihm an das Geweih stecken möge. Dann sprang er fort und brachte es der Notburga hinaus in die Wildnis, und so kam er jeden Tag und erhielt Speise für sie; viele sahen es, aber niemand außer dem treuen Diener wußte, was es zu bedeuten hatte.

Endlich bemerkte auch der König den weißen Hirsch und zwang dem Alten das Geheimnis ab. Andern Tags zur Mittagszeit setzte er sich zu Pferd, und als der Hirsch wieder die Speise holen kam und damit forteilte, folgte er ihm durch den Fluß hindurch bis zu einer Felsenhöhle, in der das Tier verschwand. Der König stieg ab und ging hinein in die Höhle. Da fand er seine Tochter vor einem Kreuze kniend, und neben ihr ruhte der Hirsch. Der König sprach zu ihr: »Kehre mit nach Hornberg zurück.« Und sie antwortete: Ach habe Gott mein Leben gelobt und suche nichts mehr bei den Menschen.« Was der König auch sprach, sie war nicht zu bewegen, ihm zu folgen und gab ihm immer die gleiche Antwort. Da geriet er in Zorn und wollte sie wegziehen, aber sie klammerte sich ans Kreuz, und als er Gewalt gebrauchte, löste sich der Arm, an welchem er sie gefaßt hatte, vom Leibe und blieb in seiner Hand. Da ergriff ihn ein Grauen, daß er forteilte und sich nimmer wieder der Höhle näherte.

Als die Leute hörten, was geschehen war, verehrten sie Notburga wie eine Heilige. Viele Pilger und Wallfahrer kamen zu ihr. Sie betete mit ihnen und nahm ihnen die schweren Lasten von ihrem Herzen. Im Herbst, als die Blätter fielen, kamen die Engel und trugen ihre Seele in den Himmel. Die Leiche hüllten sie in ein Totengewand und schmückten sie mit Rosen, obgleich die Blumen längst verwelkt waren. Zwei schneeweiße Stiere, die noch kein Joch auf dem Nacken getragen hatten, trugen sie über den Fluß, ohne die Hufe zu benetzen, und die Glocken von den naheliegenden Kirchen fingen von selbst an zu läuten. Die Tiere brachten, ohne daß sie geführt oder gelenkt wurden, den Wagen nach dem Dorfe Hochhausen an die Stelle, wo jetzt die Kirche steht. Hier wurde Notburga beigesetzt.

 


 

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