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Sagen aus Schleswig-Holstein

: Sagen aus Schleswig-Holstein - Kapitel 104
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Die Zahlen Eins bis Sieben

In Dithmarschen besaß ein Bauer einst Haus und Hof und dazu so viel Land, daß er mit Weib und Kind gut leben konnte. Lange Jahre war er auch glücklich und zufrieden. Da brach einmal eine Seuche aus, die fast sein ganzes Vieh vernichtete. Doch wußte er sich durch Fleiß und Sparsamkeit über die Not hinwegzuhelfen und schaffte sich bald wieder neues Vieh an. Kaum glaubte der Mann, wieder aufatmen zu können, so kam die Seuche zum zweitenmal und fraß wieder seinen Stall leer. Auch dieses Unglück konnte seine Ausdauer nicht brechen, und er arbeitete sich wieder in die Höhe.

Als der Hof aber zum drittenmal von der Krankheit heimgesucht wurde, kam der Bauer in die traurigste Lage. Sorge und Not waren ständig zu Gast; es fehlte an Milch, Brot, Butter und Speck. Die Nachbarn mochte er in dieser schrecklichen Bedrängnis auch nicht um Hilfe bitten; denn bei ihnen stand es nicht besser. Seine Äcker konnte er dieses Jahr nicht bebauen; denn die Pferde, die zur Arbeit nötig waren, lebten ja nicht mehr.

Als der Bauer an einem klaren Herbstmorgen, statt zu arbeiten, in düstere Gedanken versunken, durch das Feld ging, schien es ihm, als hätte ihn Gott ganz vergessen. In seiner Trostlosigkeit schlug er die Hände über dem Kopf zusammen, als die Frage vor ihm stand: »Wie ernähre ich diesen Winter Weib und Kind?«

Während der Bauer noch mit seiner Verzweiflung rang, gewahrte er plötzlich ein kleines Männchen vor sich, das mit einem grauen Rock bekleidet war und einen dreieckigen Hut auf dem Kopf hatte. Es schaute ihn mit forschenden Blicken an. Verwundert blieb der Bauer stehen, er konnte sich nicht erklären, woher dieses Männchen auf einmal gekommen sei. Schweigend wollte er dann an ihm vorbeigehen. Das Männchen aber redete ihn an: »Sag mir doch, warum du so traurig bist, lieber Freund! Vielleicht kann ich dir helfen.«

»Ach«, erwiderte der Bauer, »wie sollst du mir helfen können?«

Der kleine Mann ließ aber nicht nach, sondern fragte immer wieder, bis ihm der Bauer den Grund seiner Trauer ausführlich erzählt hatte.

Da kniff das Männlein seine klugen Äuglein zu, schnalzte mit den Fingern und rief: »Wenns weiter nichts ist, kann dir geholfen werden. Höre: Ich gebe dir auf fünfundzwanzig Jahre vier Pferde, die mehr arbeiten können, als zehn andere und obendrein nicht gefüttert werden brauchen. Du kannst sie jeden Morgen anspannen und brauchst sie nur abends in den Stall zu führen. Alles übrige besorge ich. In diesen fünfundzwanzig Jahren sollen deine Felder reichlichen Ertrag bringen. Ich stelle nur eine Bedingung: Sobald die Zeit abgelaufen ist, mußt du mir die Antwort auf eine Frage geben, die ich dir jetzt vorlegen werde, oder du selbst bist mir verfallen.«

Der Bauer stimmte zu, ohne sich weiter zu bedenken. Er hoffte, während der langen Frist schon die Antwort auf die Frage zu finden. Da fragte der Kleine: »Was bedeuten die Zahlen eins bis sieben? Dies sollst du mir nach fünfundzwanzig Jahren beantworten«.

Der Kleine hielt seine Hand hin, und der Bauer schlug ein. Dann begleitete das Männlein den Bauern noch bis ans Dorf. Zum Abschied gab er ihm einen vollen Beutel mit Geld, hierauf war er verschwunden. Als der Bauer heimkam, standen vier Pferde im Stall. Die Bäuerin erklärte, ein fremder Knecht habe sie gebracht.

Nun kehrten Glück und Zufriedenheit aufs neue ins Haus zurück. Kühe wurden gekauft, und der Haushalt kam wieder in Ordnung. Jeden Morgen fuhr der Bauer mit seinen vier Pferden aufs Feld. Die Arbeit ging wundervoll vorwärts. Abends brachte er sie in den Stallund ließ den Kleinen für sie sorgen. Seine Ernte war reichlicher als die seiner Nachbarn. Bald war der Bauer ein vermögender Mann, baute sich ein neues, schönes Haus und kaufte mehrere Grundstücke, so daß sein Hof stark vergrößert war. Fiel ihm einmal die Frage ein, die er beantworten sollte, so dachte er, das hätte wohl noch Zeit, darüber könne er im nächsten Jahr nachdenken, und er schlug sich die Gedanken daran aus dem Sinn.

So verfloß die Zeit, und endlich waren vierundzwanzig Jahre herum. Nun gab es keinen Aufschub mehr. Der Bauer begann zu grübeln und zu raten, was wohl die Zahlen von eins bis sieben bedeuten könnten. Doch wie sehr er sich auch quälte, er fand keine Antwort. Darüber wurde er ganz stumm und verdrossen, ja zuletzt krank und elend. Seine Frau und die Kinder sahen dies mit großer Sorge und wollten von ihm wissen, was ihm denn fehle. Er aber schwieg.

Doch je näher die Zeit der Beantwortung kam, desto schlimmer wurde es mit dem Bauern. Voll Angst und Unruhe lag er im Bett, Speise und Trank nahm er kaum noch zu sich. Seine Frau und die Kinder blieben ängstlich immer an seiner Seite. Als nun der festgesetzte Tag anbrach und es gegen Mittag ging, schärfte der Kranke seiner Frau aufs dringendste ein, alle Türen und Fensterläden des Hauses zu schließen und niemand einzulassen, der ihn sprechen wolle.

Plötzlich zog schwarzes Gewölk am Himmel auf, und ein greuliches Unwetter brach los, der Sturm heulte und fauchte, es donnerte und blitzte, und der Regen goß in Strömen vom Himmel. Da pochte es an die Tür, doch niemand öffnete; es klopfte wieder und noch einmal. Schließlich bat eine Stimme vor der Haustür flehentlich um Einlaß und Schutz vor dem Unwetter. Endlich wagte sich die Bäuerin an die Tür. Dort stand ein freundlicher Mann, der gut aussah, in schlichter Kleidung mit einem Stock in der Hand. Er bat inständig um Einlaß und erwähnte im Lauf des Gespräches, daß er auch Kranke zu heilen verstehe. Da ließ ihn die Bäuerin schließlich eintreten. Nun forderte der Fremde die Frau und die Kinder auf, ihn bei dem kranken Mann allein zu lassen, und setzte sich zu dem Bauern ans Bett, tröstete ihn und wußte durch sein Benehmen den Kranken so zu gewinnen, daß dieser ihm unter vielen Tränen den Grund seines Leides bekannte. Da sprach der Fremde: »Guter Freund, Ihr seid leichtsinnig gewesen. Aber ich will Euch helfen. Merkt auf:

Eins ist eine Schiebkarre,
Zwei eine Karriole,
Drei ein Dreifuß,
Vier ein Wagen,
Fünf die Finger an der Hand,
Sechs die Werktage in der Woche,
Sieben das Siebengestirn.
Und nun steht auf und seid getrost.«

Der Bauer erhob sich und fühlte sich wieder leicht und wohl; als er sich aber umsah, war der Fremde verschwunden. Da merkten sie, daß es unser Herr Christus selbst gewesen sein müsse, der sich des Mannes angenommen hatte; wo aber der Herr selbst erscheint, da hat der Teufel sein Spiel verloren.

Das Unwetter jedoch dauerte noch immer an, ja, es sah aus, als ob es stets arger würde. Und als der Abend anbrach, fuhr mit einem tosenden Wirbelwind der Böse ins Haus und fragte grinsend nach der Bedeutung der Zahlen. Da lachte der Bauer und gab Antwort auf die Frage. Nun konnte ihm der Teufel nichts anhaben. Fluchend auf den, der ihm sein Spiel verdorben hatte, stürzte der Satan in den Stall, riß die vier Pferde vom Stand und raste mit ihnen durch die Luft davon. Sogleich ging das Unwetter zu Ende. Der Bauer lebte von nun an noch lange Jahre glücklich mit den Seinen, und der Segen des Himmels lag auf allen seinen Werken.

 


 

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