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Sagen aus Oberösterreich

: Sagen aus Oberösterreich - Kapitel 8
Quellenangabe
titleSagen aus Oberösterreich
year1947
publisherVerlag Carl Ueberreuter, Wien
typelegend
modified20170929
senderharald.aichmayr@netway.at
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Der Dank der Donaunixe im Strudengau

Im Hößgang unfern der Insel Wörth lebte einst ein junger Schiffer, der die gefahrvolle Überfahrt nach beim »Strudel« und »Wirbel« besorgte. Er bewohnte mit seiner Mutter eine kleine Hütte am Donauufer. Eines Tages führte er einige Bauernburschen in seinem Boot über den Strom, die voll es frischen Mostes waren und allerlei Unfug trieben. Sie neckten sich gegenseitig, schaukelten übermütig mit dem Boot und bespritzten einander. Als sie bei der Insel Wörth vorüberkamen, tauchte plötzlich bei einer Sandbank eine Donaunixe auf, die sich dort sonne wollte. Kaum hatten die Burschen die Nixe erblickt, brachen sie in johlendes Gelächter aus, verspotteten die arg Erschrockene und riefen ihr wüste Schimpfnamen zu. Als ihres Übermutes kein Ende war, konnte der junge Schiffer nicht länger an sich halten und fuhr sie ergrimmt an: »Wenn ihr nicht augenblicklich eure Schandmäuler haltet, sollt ihr mich kennen lernen. Den nächsten, der noch ein Spottwort sagt, hänge ich in den Strom, daß ihm der Weindunst aus dem hohlen Schädel vergeht.« Ernüchtert schwiegen die Burschen; denn sie kannten den Fährmann und wußten, daß mit ihm nicht zu spaßen sei. Die Nixe verwand in den Fluten des Stromes.

Es war damals die Zeit, in der die Türken ins Land eingebrochen waren und kleinere Scharen der Feinde überall sengend und mordend umherzogen. In einer düsteren, stürmischen Nacht klopfte es an der Hütte des Fährmanns, und als er aufsprang und vor die Tür trat, um nach dem späten Gast Ausschau zu halten, erblickte er eine vornehm gekleidete Frau, die mit ihren drei Kindern vor der Hütte stand und ihn händeringend bat, sie nach dem andern Ufer zu bringen. Die Türken hätten ihr Heim zerstört, und mit knapper Not sei es ihr gelungen, ihr und ihrer Kinder nacktes Leben zu retten und bis hierher zu flüchten. Doch sei ihr der Feind auf den Fersen und sie fürchte für das Leben ihrer Kinder.

Obwohl der Schiffer glaubte, daß die Türken wohl kaum seine abseits gelegene Hütte auffinden würden, ging ihm die Angst der bebenden Frau zu Herzen. Er nahm seine Laterne und hieß die Frau mit ihren Kindern in sein Schifflein steigen. Ein wütender Sturm tobte das Donautal entlang, und die hochgehenden Wellen des angeschwollenen Stromes verhießen eine gefahrvolle Überfahrt im nächtlichen Dunkel. Doch den mutigen Schiffer schreckte die Gefahr nicht. In Gottes Namen stieß er vom Ufer ab und fuhr in das rasch dahinscheidend Wasser hinaus. Aber bald verlöschte ein mächtiger Windstoß seine Laterne, die starke Strömung drückte das Boot aus seiner Richtung, und das warnende Rauschen des gefährlichen Strudels drang immer näher an sein Ohr. Der Schiffer mit seinem Nachen schwebte in höchster Gefahr. Da ertönte eine Stimme vom anderen Ufer: »Hierher!« Der Ruf wiederholte sich mehrmals, und entschlossen steuerte der Fährmann in jene Richtung, aus der die Stimme erklungen war. Bald sah er sich bei der richtigen Landungsstelle und setzte seien Fahrgäste ans Land, wo er die fremde Frau mit ihren Kindern in eine nahe gelegene Schifferhütte führte, damit sie hier, geschützt vor Sturm und Unwetter, den Morgen erwarte. Sie dankte ihrem Retter aus vollem Herzen und versprach ihm eine hohe Belohnung.

Der Sturm hatte indessen sein Wüten noch gesteigert. Trotzdem bedachte sich der Jüngling keinen Augenblick, wieder über den Strom zurückzufahren; denn ihm bangte um seine Mutter, die er bei der Türkengefahr nicht die ganze Nacht allein in seiner Hütte lassen wollte. So stieß er wieder vom Lande ab und ruderte hinaus in den finsteren Strom. Aber er war noch nicht weit gekommen, als er neuerdings die Führung über sein Fahrzeug verlor. Der leichte Nachen drehte sich in die Richtung der Strömung, und er war nicht imstande, die Herrschaft über das Boot wieder zu erlangen, das von den sturmgepeitschten Wogen hin und her geschleudert wurde. Allmählich erlahmte seine Kraft; er ließ das Ruder sinken, und es war ihm, als treibe er rettungslos dem Untergang im wild rauschenden Strudel zu.

Als er aber, in sein scheinbar unausweichliches Schicksal ergeben, den Blick erhob, stand mit einemmal eine hohe Frauengestalt vor ihm, von der ein schimmerndes Leuchten ausging. Während er die wunderbare Erscheinung wie gebannt anstarrte, berührte sie mit leichter Hand das Ruder. Wie von unsichtbarer Hand gezogen, wendete sich das Boot und strebte unbeirrt von den rasenden Wogen dem sicheren Ufer zu. Noch hatte der Schiffer seine Fassung nicht wiedergewonnen, da lag das Boot schon am Strand. Und ehe er seinen Dank für das sichere Geleit aussprechen konnte, war das zauberhafte Wesen lautlos in den Wellen verschwunden.

So dankte es ihm die Nixe, daß er sich ihrer damals angenommen hatte, als die Bauernburschen sie beschimpften. Man sah sie seitdem niemals wieder. Die fremde Frau aber kehrte nach dem Abzug der Türken wieder in ihr Heim zurück und belohnte den Fährmann reich für seine mutige Tat; er war mit seiner Mutter fortan jeder Not enthoben.

 


 

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