Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > >

Sagen aus Oberösterreich

: Sagen aus Oberösterreich - Kapitel 7
Quellenangabe
titleSagen aus Oberösterreich
year1947
publisherVerlag Carl Ueberreuter, Wien
typelegend
modified20170929
senderharald.aichmayr@netway.at
Schließen

Navigation:

Der Krippenstein am Hallstättersee

Blumige Matten und saftige Almwiesen zogen sich einst auf dem Krippenstein hin. Sie waren Eigentum des unermeßlich reichen Riesen Krippen, der dort oben seine Heimstätte hatte. Der Riese war in zärtlicher Liebe seinem einzigen Kind, einer wunderschönen Tochter, zugetan, und es gab keinen Wunsch, den er ihr nicht erfüllt hätte, sofern es in seiner Macht lag. Einen Wunsch vermochte er ihr allerding nicht zu erfüllen: das Mädchen war blind, und das Augenlicht konnte er ihm nicht verschaffen. Kein Freier erschien, um sie heimzuführen, und den bekümmerten Vater erfüllte tiefe Besorgnis um das Los seines Kindes, wenn er einst nicht mehr wäre.

In seiner Not wandte er sich an den Berggeist um Rat und Hilfe. Diesen erbarmte der Jammer des Riesen, und er erschine ihm als Greis in wallendem Silberhaar, das bis zum Saum des Mantels reichte, gab ihm eine graue Rolle und sagte: »Geh mit deiner Tochter in der dritten Vollmondnacht auf jene breite Matte dort und lege dir die Rolle um die Schultern; sie wird zum Mantel werden und dich umhüllen. Dann nimm deine Tochter auf den Mantel und warte! Wenn der Mond mitten über dem Berg steht, wird sie sehen. Doch hüte dich, während dieser Nacht ein böses Wort zu sprechen oder auch nur einen schlimmen Gedanken zu heben, sonst wehe allen, die sich im Bereich des Tuches befinden!« Der Riese dankte dem wohlmeinenden Berggeist für seinen freundlichen Rat und die wundersame Gabe und bar die wertvolle Rolle in seinem Mantel.

In der festgesetzten Vollmondnacht begab ers ich mit seiner Tochter auf den angewiesenen Platz und tat, wie ihm der Berggeist geraten hatte. Die Rolle wurde zum weiten, weichen Mantel, in dessen Falten Edelsteine glitzerten. Krippen zog seine Tochter an sich und wartete ruhig, bis der Mond über dem Gipfel des Berges stehen würde. Da sah er im bläulichen Schimmer des Mondlichts eine kleine Gestalt heranschleichen. Es war der Ritter Däumling, den der Geiz antrieb, um das blinde reiche Mädchen zu freien. Als er in die Nähe des Riesen gekommen war, sah er die flimmernden Edelsteine im Mantel und griff gierig danach. Zornentbrannt stieß Krippen einen Fluch aus und wollte sich nach einem Stein bücken, um ihn nach dem frechen Gesellen zu schleudern.

Da erhob sich Donnern und Tosen, der Erdboden schien zu schwanken, und Schutt und Felstrümmer kollerten über die grünenden Halden. Zu Stein erstarrt standen der Riese und seine Tochter und neben ihnen der vom Zorn des Riesen betroffende Ritter, dessen fluchwürdige Habgier dieses grausige Ereignis verursacht hatte.

Als die erschrockenen Talbewohner aus ihren Häusern stürzten, sahen sie oben auf dem Berge, wo das Reich des Riesen sich ausgedehnt hatte, an Stelle der blühenden Almen nackte Felsen und wildes Geröll. Noch heute kann man in der Felsgestaltung den Körper des Riesen Krippen erkennen, an seine Schulter gelehnt aber schläft seine blinde Tochter. In einiger Entfernung von ihnen ragt die zu Stein gewordene Gestalt des Däumlings aus den Felsen empor.

 


 

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.