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Sagen aus Oberösterreich

: Sagen aus Oberösterreich - Kapitel 43
Quellenangabe
titleSagen aus Oberösterreich
year1947
publisherVerlag Carl Ueberreuter, Wien
typelegend
modified20170929
senderharald.aichmayr@netway.at
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Das Faust-Stöckl bei Aschach

Gegenüber dem Ort Aschach erhebt sich auf einem Felsen des Landshaagberges ein schloßähnliches Gebäude, das im Volksmund das Faust-Stöckl heißt.

Der Erzzauberer Doktor Faust hatte nämlich seine Seele dem Teufel verschreiben, und dieser mußte ihm dafür eine Reihe von Jahren zu Diensten sein. Auf seinen weiten Reisen durch die Welt war er stets von dem bösen Geist begleitet, der in Gestalt eines Dieners alle Befehle seines Herrn zu erfüllen verpflichtet war, selbst wenn es sich, wie dies oft geschah, um die absonderlichsten Wünsche handelte. Doktor Faust schien es nämlich oft geradezu darauf abgesehen zu haben, seinen Diener vor scheinbar unlösliche Aufgaben zu stellen. Doch der erfüllte mit teuflischer Kunst alle Wünsche seines Gebieters.

Eines Abends kamen Herr und Knecht nach einer weiten und beschwerlichen Reise todmüde an die Donau in der Nähe des Dorfes Landschach. Als sie auf dem Landshaagberg standen, war Doktor Faust gänzlich erschöpft und konnte nicht mehr weiter. Da gab er seinem Diener den Auftrag, ihm noch in der gleichen Stunde auf einem Felsen des Berges ein Haus zu erbauen, damit er über Nacht eine Ruhestätte habe. Der Teufel erfüllte den Befehl seines Herrn, und schon nach einer Stunde konnte Faust das hübsche Schlößchen beziehen, das ihm so gut gefiel, daß er sich zu längerem Bleiben entschloß. Der Teufel mußte ihm noch ein schönes Studierzimmer einrichten, wo er seine geheimnisvollen Forschungen betrieb und den Leuten, die ihn dort aufsuchten, die merkwürdigsten Zauberkunststücke zeigte, die seinen Namen im ganzen Donautal bekannt und berühmt machten.

Der Teufel hatte im Dienste seines Herrn nichts zu lachen, und wenn ein Befehl nicht flink genug ausgeführt wurde oder Doktor Faust sonst mit seinem Diener nicht zufrieden war, quälte er ihn mit seinem Zauberstab so lange oder gab ihm die Prügelstrafe, daß der Gottseibeiuns vor Schmerz jämmerlich brüllte.

Einmal gab er dem Schwarzen den Auftrag, im Handumdrehen von Landschach nach Aschach eine breite Brücke über die Donau zu schlagen, und nachdem er mit seinem schäumenden Pferd darüber galoppiert war, so ebenso rasch wieder abzureißen.

Ein andermal mußte ihm der Teufel eine Tafel, die mit den feinsten Leckerbissen besetzt war, in sein Zimmer herbeizaubern. Dann lud er die Bauern der Umgebung zu Gast und schwelgte mit ihnen. Nach dem Mahle führte er den verblüfften Landbewohnern die überraschendsten Zauberkunststücke vor und versprach ihnen schließlich, über Nacht auf der Donau eine Kegelbahn zu erbauen, auf der er am nächsten Tag mit ihnen eine Partie machen wolle. Wieder brachte der Böse durch seine teuflische Kunst die Aufgabe fertig, und am nächsten Morgen sahen die staunenden Bauern eine herrliche spiegelglatte Kegelbahn im Strom errichtet.

Freundlich lud sie Doktor Faust nun ein, die Partie mit ihm zu beginnen, aber sie wagten sich nicht hinaus, das Wasser schien ihnen eine zu wenig sichere Tragfläche. Da schritt der Zauberer allein hinaus in den Strom, ohne unterzusinken, und machte mit mehreren Teufeln ein Kegelspiel; einer von diesen aber mußte den Kegelbuben machen. Unheimlich scharf sausten die Kugeln über die glatte Bahn und fuhren zwischen die Kegel, daß sie weit ins Land hineinflogen. Und als der höllische Kegelbub nicht flink genug seines Amtes waltete, warf ihm der übermütige Kegler die Kugel an den Kopf, daß das Feuer aus dem Schädel des Erzschelms heraussprühte. Da heulte der Satan laut auf und suchte winselnd wie ein Hund, dem man den Schwanz einklemmt, das Weite.

Eines Tages bekam Doktor Faust Lust, zu Pferd einen Ausflug nach Schloß Neuhaus zu machen. Da ihm aber der Weg zu weich erschien, gab er dem Teufel den Auftrag, binnen fünf Minuten eine gepflasterte Straße von seinem Stöckl nach Neuhaus zu erbauen. Wieder brachte der Satan dieses Kunststück zuwege, und der Doktor unternahm auf seinem feurigen Rappen in gestrecktem Galopp den beabsichtigten Ritt.

So kam allmählich die Zeit heran, wo der Teufel sein Anrecht auf Fausts Seele geltend machen konnte, und Furcht und Schrecken vor dem baldigen Ende befielen den Zauberer. Ganze Nächte hindurch ächzte und stöhnte er in seiner Seelenpein gottsjämmerlich, daß die Leute in der Umgebung gar nicht mehr schlafen konnten.

Eines Nachts hörte man ein fürchterliches Getöse, als ob die Berge einstürzen wollten, und unter Blitz und Donner brach der Böse in das verschlossene Haus ein, packte den heftig sich sträubenden Faust und fuhr mit ihm durch ein Mauerloch hoch in die Lüfte, wo man Engelsgesang vom Himmel her dringen hörte. Da faßte den Doktor Faust bittere Reue über sein sündhaftes Erdenleben und er rief: »Ich bereue, o Gott, Gnade, Gnade!« Jedoch eine tiefe Stimme ertönte: »Faust, zu spät kommt deine Reue, es gibt keine Gnade mehr!«

Und der Teufel zerriß den Leib des Unglücklichen und fuhr triumphierend mit seiner Seele zur Hölle.

Seit dieser Zeit wollte niemand mehr im Hause auf dem Landshaagberg wohnen. Die Leute aber nennen es das Faust-Stöckl und zeigen noch heute das große Mauerloch, durch das der Teufel mit Faust aus dem Hause gefahren ist.

 


 

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