Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > >

Sagen aus Oberösterreich

: Sagen aus Oberösterreich - Kapitel 29
Quellenangabe
titleSagen aus Oberösterreich
year1947
publisherVerlag Carl Ueberreuter, Wien
typelegend
modified20170929
senderharald.aichmayr@netway.at
Schließen

Navigation:

Der Springerwirt zu Eferding

Hart an der Straße bei Eferding steht ein altes Gasthaus, das seit jeher weit und breit unter dem Namen »Zum Springerwirt« bekannt ist. Wie zur Bekräftigung dieser Bezeichnung ist auf dem Schild, das über dem Eingangstor hängt, eine scheinbar in der Luft schwebende Gestalt, ein springen der Harlekin, dargestellt. An einem heißen Sommertag saß eine durstige Gesellschaft ehrsamer Eferdinger Bürger in der luftigen Gaststube des alten Wirtshauses und sprach eifrig dem heute doppelt notwendigen kühlen Labetrunk zu. Mißmutig und schläfrig döste der Wirt in einer Ecke des Raumes. Der Geschäftsgang ließ in der letzten Zeit manches zu wünschen übrig und trug nicht gerade dazu bei, seine Laune zu verbessern. Es hatte sich schon lange nicht ereignet, daß eine größere Anzahl von Gästen in seinem Haus weilte, so wie dies heute der Fall war. Während er noch über die Ungunst der Zeiten nachdachte, drangen die Töne eines munteren Liedes an sein Ohr, und noch bevor er neugierig nach dem Sänger Ausschau halten konnte, öffnete ein schlanker junger Mann von heiterem Aussehen die Tür, begrüßte die versammelte Gesellschaft freundlich und rief: »Heda, Herr Wirt, einen Humpen vom Besten! Aber rasch! Die Hitze macht durstig, und doppelt gibt, wer schnell gibt!« Diese dringende Bestellung machte dem Wirt Beine; sogleich lief er in den Keller, und es dauerte nicht lange, so stand ein Krug des köstlichen Nasses vor dem erwartungsvoll wartenden Gast. Mit tiefem Behagen schlurfte der Fremde das kühle Getränk und meinte: »Kein schlechter Tropfen!« »Das will ich meinen!« antwortete der Gastwirt und setzte hinzu. »Mit Verlaub, kommt der Herr von weit her?« »Zunächst von Eferding«, erklärte lächelnd der Gast; »aber ich habe schon viele fremde Länder und Städte gesehen.« »Ihr seht mir aber gar nicht aus wie ein wandernder Handwerksgeselle«' entgegnete der Gastwirt. »Das bin ich auch nicht«, antwortete der Fremde; »ich bin ein studierter Mann, der seine Gelehrsamkeit schon vor Kaisern und Königen beweisen konnte, ein Magister der freien Künste, der überall Aufsehen und Bewunderung erregt hat; mein Name ist Rothard.« Da steckten die Gäste flüsternd die Köpfe zusammen, und der Wirt meinte neugierig: »Da solltet Ihr uns aber doch von Eurer Kunst etwas zum besten geben!« »Ja, warum denn nicht!« entgegnete der Magister lächelnd. »Ihr könnt schon ein Pröbchen von mir haben. Dazu mag es, wenn Ihr wollt, eine Wette gelten.« »Es gilt!« rief der Wirt. »Laßt hören, um was es sich handelt!« Aufmerksam waren die Bürger dem Gespräch der beiden gefolgt und rückten nun neugierig näher heran. Der Fremde aber setzte schmunzelnd fort: »Nun gut, gebt also acht! Ich wette, daß ich höher springe als Euer Haus. Gelingt mir dies, so habe ich die Wette gewonnen, und Euer Haus gehört mir. Wenn ich aber verliere, so will ich fünfzig Humpen Eures besten Weines zahlen.« Der andere war zufrieden, und mit Handschlag bekräftigten sie ihre Abmachung. Neugierig stellten sich die Gäste im Kreis herum, und der Wirt rief »Nun los, zeigt, was Ihr könnt!« »Also paßt auf!« schrie der Magister. »Ich springe jetzt höher als Euer Haus.« Da lachte der Wirt und entgegnete: »Das mag wohl für Euch ein teurer Spaß werden. Da kann ich ja gleich gehen und das Fäßchen vom Besten anstechen. Mein Haus ist zwei Stock hoch, und Ihr wollt höher springen! Daß ich nicht lache!« Aber übermütig antwortete der Fremde: »Das Lachen wird Euch gleich vergehen.« Und zu den Gästen gewandt, fügte er Hinzu: »Ihr seid alle Zeugen, die Wette ist abgeschlossen und mit Handschlag besiegelt; wenn ich höher springe als das Haus, so ist es mein Eigentum. Es gibt kein Zurück mehr; ein Vertrag muß eingehalten werden.« Alle Gäste gaben ihm recht, und der Fremde ging mit ihnen und dem Wirt zur Tür hinaus, zog seinen Rock aus und sagte: »So, nun achtet genau, wie hoch ich springe!« Dann setzte er zum Sprung an, erreichte auch eine beachtliche Höhe, die aber freilich nur etwas über die Tischhöhe hinausging, und meinte lachend: »Die Wette ist gewonnen; Euer Haus gehört jetzt mir. Und damit Ihr seht, daß ich auch sonst noch etwas springen lasse, so bringt schnell für jeden Gast einen Krug vom besten Wein; den will ich gern bezahlen.« »Was«, schrie der Wirt, »wollt Ihr einen Narren aus mir machen? Mein Haus soll Euch gehören, wo Ihr doch kaum so hoch gesprungen seid, als dies ebenerdige Fenster reicht! Es soll Euch bald vergehen, mit mir Eure Späße zu treiben. Die Wette habe ich gewonnen, und Ihr habt die Zeche zu bezahlen.« »Geduld, Herr Wirt«, meinte der Magister. »Geduld! Ich bin gesprungen; nun mag Euer Haus springen: hüpft es höher als ich, dann habe ich die Wette verloren. Nun los, du alter Kasten, spring einmal!« Da hatte der Student die Lacher auf seiner Seite, nur der Wirt murrte überrascht, so habe er nicht gewettet, und drohte im Arger Rothard mit dem Gericht. Die Gäste aber meinten, was bei Gericht herauskomme, das wisse man schon, und redeten den beiden gut zu, sich gütlich zu einigen. Lange wollte der Wirt von einer Einigung nichts wissen, bis Rothard ihn bei der Hand ergriff und vorschlug: »Meister Wirt, ich will nicht starrköpfig sein und biete Euch meine Hand zur Versöhnung. Ich bin lange genug in der Welt herumgewandert und hätte gern ein Plätzchen, wo ich ruhig bleiben und eine friedliche Arbeit verrichten könnte. Nehmt mich in Eure Dienste, und Ihr sollt mit mir zufrieden sein.« So machte denn der Wirt gute Miene zum bösen Spiel und behielt den lustigen Springer im Haus. Er hatte es nicht zu bereuen; denn sein neuer Helfer hatte nicht nur den Mund auf dem rechten Fleck, sondern packte auch jede Arbeit mit geschickter Hand an. Die Gäste kamen auf ihre Rechnung; denn abgesehen davon, daß er sie sorgfältig bediente, war auch für ihre Unterhaltung aufs beste gesorgt. Und seine Geschichten und witzigen Einfalle lockten von weit und breit Gäste ins Haus, so daß oftmals nicht alle Platz fanden. Der Wirt aber hatte es dem lustigen Gesellen zu danken, wenn er reich wurde. Als dann nach einigen Jahren eine Seuche im Land ausbrach und den lustigen Schankburschen tötete, war es allen, die ihn gekannt hatten, herzlich leid, und der Wirt weinte ihm so manche Träne nach. Das Gasthaus aber heißt seit dieser Zeit »Zum Springerwirt«.

 


 

 << Kapitel 28  Kapitel 30 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.