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Sagen aus Oberösterreich

: Sagen aus Oberösterreich - Kapitel 23
Quellenangabe
titleSagen aus Oberösterreich
year1947
publisherVerlag Carl Ueberreuter, Wien
typelegend
modified20170929
senderharald.aichmayr@netway.at
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Der Riese von Pfarrkirchen

Pfarrkirchen liegt inmitten von riesigen Wäldern auf dem Gipfel einer Anhöhe südlich des Ameisberges und man sieht von hier weit in das Land, in dem sich Bergkuppe an Bergkuppe reiht, soweit das Auge reicht. Die Wälder sind der ganze Reichtum des Landes und heute noch kann man in ihnen stundenlang gehen, ohne an das Ende zu kommen. Vor Jahrhunderten reichten sie noch weiter, die Felder waren noch kleiner gewesen, die Bauern hatten nur so viel gebaut, als sie an Kartoffeln und Brotgetreide und Kraut für sich selber und Hafer für die Tiere brauchten.

Noch weiter zurück – so erzählt man sich – waren die Wälder noch ausgedehnter gewesen, undurchdringlich, finster und unbekannt.

Im Pfarrkirchner Wald also soll vor langer Zeit ein Riese gewohnt haben. Er tat den Bauern nichts Böses, aber sie wagten trotzdem nicht, tief in den Wald einzudringen. Sie gingen seinem Revier aus dem Wege und blieben am Rande des unermeßlichen Waldes. Es wuchsen schon dort genügend Beeren und Pilze für sie und Holz war auch rundum genügend vorhanden.

Manchmal sahen sie den Riesen von einer Höhe niederschauen, manchmal hörten sie das Holz knacken, wie er durch den Wald ging und die kleinen Bäume unter seinen Tritten zerbrachen; da trachteten sie dann, möglichst rasch weiterzukommen, um ihm nicht begegnen zu müssen.

Einmal hörten sie sogar seine Stimme weithin schallend ein Lied singen; und erstaunt horchten sie auf, denn es war ein frommes Lied, das sie selber in der Kirche sangen.

Doch sie wagten trotzdem nicht, in seine Nähe zu kommen.

Nun lebte in Pfarrkirchen ein schönes, stattliches Mädchen, die Tochter eines Bauern. Es hieß Christina, war immer fröhlich und fleißig und jedermann hatte sie gerne.

Eines Tages nun war Christina auf dem Acker ihres Vaters, um Erdäpfel zu holen. Da bemerkte sie plötzlich, als sie von ihrer Arbeit aufsah, am Rande des an das Feld angrenzenden Waldes den Riesen stehen. Groß wie die Tannen war er und seine Hände glichen den Körben, in denen man die Streu für die Tiere trägt oder die Erdäpfel bei der Ernte sammelt, um sie zu zweit zum Wagen zu schleppen. Seine Füße waren groß wie Baumstümpfe und sein Mund in dem mächtigen Gesicht war groß genug, um einen ganzen Hasen auf einmal zu essen.

Christnna erschrak sosehr, daß sie kein Wort herausbrachte und nur auf den Riesen hinstarrte. Dieser aber redete sie mit seiner mächfigen Stimme an:

»Habe keine Angst vor mir, Mädchen. Ich habe dich schon oft beobachtet und heute bin ich da, um dich zu fragen, ob du meine Fnau werden willst.«

Da der Riese mit menschlichen Worten sprach, begann Christina Mut zu fassen und sie antwortete:

»Dein Antrag ehrt mich, aber ich kann dich nicht heiraten, ich liebe dich doch nicht.«

»Du wirst mich schon lieben lernen, wenn du erst bei mir im Wald bist und so herrlich frei lebst wie ich. Komm nur mit mir. Du sollst es nicht bereuen.«

Christina wußte zuerst keinen Rat, aber dann griff sie zur List. Sie sagte:

»Ich muß erst meinen Vater fragen.«

»Gut, das seh ich ein. Aber sag ihm gleich, daß ich keinen Spaß verstehe, wenn er Nein sagt. Dann werde ich dich eben holen.«

»Nein, das darfst du nicht«, sagte Christina.

»Ich erwarte dich morgen um die gleiche Zeit.«

So sprach er und dann ging der Riese mit großen Schritten in den Wald zurück und verschwand rasch zwischen den dunklen Fichten und Tannen. Es knackte unter seinem Tritt noch lange im Unterholz, die Bäume rauschten, wie er sie auseinanderbog, um zwischen ihnen hindurchzugehen.

Christina aber lief heim und erzählte weinend von dem Verlangen des Riesen. Ihr Vater aber lachte nur.

»Er soll nur kommen, wir werden ihn fangen und binden. Du brauchst ihn nicht zu heiraten. Bleib nur fein zu Hause, daß er dich nicht findet.«

Christina ging also nicht am nächsten Tag hinaus, sondern versteckte sich daheim in der dunkelsten Kammer. Die Bauern aber, die der Vater alle verständigt hatte, versteckten sieh hinter ihren Häusern und warteten auf das Erscheinen des Riesen.

Dieser kam auch pünktlich zur verabredeten Stunde und schaute vom Waldrand her auf den Acker und auf das Dorf. Er wartete eine Weile, als aber Christina nicht erschien, begann er laut zu schreien, daß alles rundum dröhnte:

»Wo bleibst du, Christina? Dein Freier ist da! Muß ich dich holen?«

»Christina wird nicht kommen!« rief ihr Vater, so laut er konnte und trotzdem klang es wie das Rufen eines Kindes gegenüber der mächtigen Stimme des Riesen.

»Warum nicht?« fragte der Riese.

»Weil ich es ihr verbiete und sie dich nicht will.«

»Sie will mich wohl, das weiß ich genau!« rief der Riese, drehte sich um und hob einen Felsen auf, der im Walde lag. Er warf den riesigen Block mitten auf das Feld mit solcher Wucht, daß er tief in die Erde fuhr und ein großes Loch im Acker entstand. Und noch einen solchen Felsblock nahm er und warf ihn auf die angrenzende Wiese und noch einen und noch einen. Diese Löcher füllten sich später mit Wasser und so sollen die »Schwelen«, die kleinen Teiche, die man überall findet, entstanden sein, sagt man.

»Ich komme morgen wieder um diese Zeit!« rief der Riese. »Und wenn mich morgen Christina wieder nicht erwartet, werde ich euch alle zerquetschen, wie Fliegen.«

Dann stapfte er wieder davon.

Die Bauern berieten, was sie tun sollten. Die einen meinten, Christina müßte dem Riesen als Weib folgen, um Unglück von dem Dorf abzuwenden, die anderen – das waren die Eltern und nächsten Verwandten Christinas – meinten, der Riese werde schon von seiner Idee ablassen, wenn er sehe, daß Christina ihn wirklich nicht wolle. schließlich lebte er schon so lange im Wald neben ihnen, ohne Unheil anzurichten, warum sollte er plötzlich bösartig werden?

So kam der nächste Tag und sie waren noch immer nicht einig.

Wieder stand der Riese am Waldrand und seine Stimme dröhnte wie Sturmbransen zum Dorf herüber.

»Wo bleibt meine Braut? Ich warte noch fünf Minuten, dann hole ich mir den nächsten heraus und zerquetsche ihn.«

Die Bauern verkrochen sich in ihren Häusern, es herrschte Totenstille im Dorf.

Da ging der Riese mit wenigen Schritten auf das Dorf zu, stieß einfach die Türe des ersten Hauses auf und griff hinein. Er erwischte einen Jungen von achtzehn Jahren, er hob ihn einfach zu sich heraus und packte ihn so fest am Arm, daß dieser zerquetscht und leblos an ihm herunterhing. Der Jüngling schrie vor entsetzlichen Schmerzen und fiel wie tot auf dem Acker zusammen.

Der Riese drehte sich um und wieder rief er:

»Morgen konrme ich wieder und morgen geschieht ein Unglück!«

Er stapfte davon.

Der Jüngling war übel zugerichtet. Der Arm war so zerbrochen, daß er nie mehr richtig zu gebrauchen war.

Christina aber konnte all das Unheil nicht mit ansehen und beschloß, das Opfer auf sich zu nehmen. Am nächsten Tag schnürte sie ihre Habseligkeiten in ein Bündel zusammen, und als es gegen Mittag ging, stahl sie sich zum Hof hinaus und lief dem Walde zu. Sie dachte, sie würde wohl sterben, wenn sie des Riesen Frau werden sollte – aber besser, sie allein starb, als es käme Unglück über das ganze Dorf. Sie kam zum Wald, genau an die Stelle, wo der Riese immer erschienen war. Sie saß klopfenden Herzens auf einem Fels und wartete.

Da kam der Riese gegangen. Als er Christina sah, kniete er nieder, so daß er sie nicht mehr als zwei Meter überragte, und sein Gesicht war freundlich und gar nicht so häßlich, wie sie zuerst geglaubt hatte.

»Hab Dank, Christina, daß du gekommen bist. Du sollst es nicht bereuen. Ich will dich auf meinen Armen durch den Wald tragen und du sollst nie mehr arbeiten und Sorge haben, denn ich kann mit meinen Riesenkräften alles tun, was du willst.«

Er nahm sie wirklich auf die Arme und ging mit ihr davon.

Als die Eltern das Fehlen des Mädchens merkten, waren sie sehr verzweifelt, aber schließlich fügten sie sich in ihr Schicksal und gedachten Christi, wie man einer Toten gedenkt.

Viele Jahre hörte man nichts mehr von dem Riesen und Christina.

Einmal aber erschien Christina bei ihren Eltern. Sie trug ein Kleid aus Silber und eine Kette aus blutroten Granaten, wie sie im Fels des Urgebirges vorkommen; sie hatte ein gesundes und fröhliches Aussehen und hatte einen Sohn und eine Tochter mit, die beide schon als Kinder größer waren als Christina selbst. Sie waren scheu und ängstlich und sagten, sie wollten nicht zu den Menschen kommen, im Walde wäre es herrlich. Auch Christina sagte den Eltern, sie lebe glücklich und zufrieden mit dem Riesen und ihren Kindern und sie wolle nicht mehr zurück.

Christina ging mit ihren Riesenkindern fort und nie mehr hörte man wieder etwas von ihr.

Niemand weiß, was mit dem Riesengeschlecht geschehen ist, die Geschichte wurde auch vergessen und schließlich erzählte man davon nur noch in den Spinnstuben an den langen Winterabenden.

 


 

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