Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > >

Sagen aus Oberösterreich

: Sagen aus Oberösterreich - Kapitel 11
Quellenangabe
titleSagen aus Oberösterreich
year1947
publisherVerlag Carl Ueberreuter, Wien
typelegend
modified20170929
senderharald.aichmayr@netway.at
Schließen

Navigation:

Der Grettenberg

Daß es im Grettenbergwald bei Oberkappel nicht ganz geheuer ist, das wissen sogar schon die Jungen, um wieviel mehr erst gar die Alten. Eine ganze Reihe von Erzählungen berichtet von merkwürdigen Dingen, die sich dort in dem hohen, mächtigen Bergwald zugetragen haben und sogar noch immer zutragen. Erstreckt sich doch der Wald weit über den Höhenrücken hin gegen Kollerschlag zu und schließt damit an das böhmische Urgesteinsmassiv mit seinen dunklen, hochragenden Wäldern unmittelbar an. Weit verstreute Höfe und Bergeinöden sind charakteristisch für ihn.

Wildromantisch sieht es im Grettenbergwald auch aus. Auf der Höhe des Berges, wenn man von Oberkappel oder von dem Ort Grettenbach kommt, gibt es zahllose Felsen, moosüberwuchert, manche bedeckt von Himbeersträuchern mit wunderbar großen und süßen Fruchten. Diese Felsen aber sind manchmal wie von Riesenhand übereinander getürmt, rund wie Brotlaibe und glatt wie sie: Urgestein. In manchen sind kleine Höhlen und darin hausen eben Kobolde, Wichteln, aber auch böse Lebewesen.

Vor gar nicht langer Zeit haben dort noch Wölfe gehaust und das Leuchten ihrer Augen mag Anlaß zu mancher Spukgeschichte gegeben haben. Der Fuchs ist heute noch im Herbst und Winter fast täglicher Gast in den einsamen Berghöfen.

Die goldene Klinke

Ging einst ein Bauer, um seinen Weg abzukürzen, nicht auf dem Sträßchen – die schöne, breite Straße, die heute über den Grettenberg führt, ist noch nicht lange gebaut –, sondern durch den Wald. Es war um die Adventzeit und dünne Nebelschwaden zogen zwischen den hohen Stämmen.

Plötzlich kam ein Mann auf einem schmalen Weg daher. Es war ein Fremder, den er noch nie gesehen hatte, er trug einen fremdartigen, weiten Mantel um die Schultern. Er ging neben ihm her und fragte freundlich nach dem Woher und Wohin, der Bauer tat Bescheid und fragte auch seinerseits. Er habe keinen weiten Weg mehr, in fünf Minuten sei er daheim, sagte der Fremde. Der Bauer war baß erstaunt, solches zu hören, gab es doch hier weit und breit weder Haus noch Hof. Er war hier aufgewachsen, er wußte es doch.

»Ja«, erwiderte der Fremde auf seine erstaunte Frage. »Man muß ja nicht gerade in einem Haus wohnen, es tuts ein Palast auch«, und dabei lachte er hell auf.

Dem Bauer ward gar unheimlich zumute, er sagte aber schließlich doch, daß es hier ja auch keinen Palast gäbe.

»Doch, doch, guter Mann, nur sehen ihn die Menschen nicht, weil sie die Augen vor den Gütern der Welt verschließen und nur an den Himmel denken, der doch so ungewiß ist«, sagte der Fremde.

Da wußte der Bauer Bescheid, wer wohl sein Weggefährte sei, und war auf der Hut.

Plötzlich wurde der Wald hell und blendend weiße Mauern schimmerten durch die Bäume. Der Bauer riß Augen und Mund auf und der Fremde lachte wieder.

»Siehst du nun, daß es hier doch einen Palast gibt. Da in der Mauer ist eine kleine Pforte, nimm die Klinke in die Hand und öffne.«

Der Bauer tat wie ihm geheißen und hielt schon die Klinke in der Hand, da fielen ihm aber Gott und seine Seele ein, er rief laut in seiner Not: »Gott und die Barmherzigkeit!«

Da gab es einen furchtbaren Donnerschlag, wie betäubt fiel der Bauer nieder, und rund um ihn war wieder nichts als der dunkle Hochwald. Keine Spur von einem Schloß, keine Spur von einer weißen Mauer oder einer Türe. Er meinte, geträumt zu haben, aber – er hielt die Klinke in seiner Hand. So war doch alles Wahrheit gewesen.

Der Bauer eilte klopfenden Herzens seinem Ziele zu, in Schweiß gebadet kam er daheim an und erzählte sein Abenteuer. Die Klinke aber, so stellte es sich heraus, war aus purem Gold.

Der Bauer brachte sie dem Pfarrer, der weihte das Gold und es wurde ein schmaler, feiner Rahmen für ein Heiligenbild daraus gemacht. Dieses Heiligenbild brachte lange Zeit Glück und Segen auf den Hof.

Während der Wirren eines Krieges kam das Bild abhanden, auf welche Art wußte später keiner zu sagen, und es kam nie wieder zum Vorschein.

Beim Straßenbau

Auch beim Bau der Straße über den Grettenberg geschahen seltsame Dinge, von denen die Leute heute noch Verschiedenes zu erzählen wissen.

Daß es den unheimlichen, meist unsichtbaren Wesen, die den Grettenbergwald bewohnen, nicht recht war, daß nun eine schöne, breite Straße durch den Wald führen sollte, das mag wohl einleuchten, und sie suchten den Bau der Straße zu verhindern – und als dies nicht gelang, hinauszuzögern.

Schon in den ersten Tagen des Baues machten sich die Unsichtbaren bemerkbar. Jeden Morgen war ein Teil der Arbeit des Vortages wieder vernichtet, man mußte so immer wieder Stunden aufwenden, um auszubessern, und es trat von Anbeginn an schon eine große Verzögerung ein. Da man schließlich nicht glauben konnte, daß ein Mensch Interesse hätte, das Werk zu verhindern, dachte man bald an die Unheimlichen des Grettenbergwaldes. Und richtig! Man versuchte es mit Weihwasser, das man am Abend über die letzte Arbeit sprengte, und am nächsten Morgen fand man die Arbeit, wie sie verlassen worden war und in Ordnung.

Da griffen die Unheimlichen zu einem anderen Mittel: Als es zwölf Uhr Mittag wurde und die Arbeiter nicht sogleich die Arbeit einstellten, um zu essen, ertönte vom Walde her ein mächtiger Ruf. Die Arbeiter sahen wohl erstaunt auf, legten aber Schaufel und Krampen nicht sofort weg. Da fuhr plötzlich ein Windstoß vom Walde her nieder und es stand auf einem Felsen, der mitten in einem der Bergäcker aufragt, ein Mann, in einen dunklen Radmantel gehüllt, und rief mit gewaltiger Stimme:

»Es schlägt zwölf!« und er verschwand wieder.

Da hielten sie ihre Mittagspause.

Dasselbe geschah um Punkt fünf Uhr. Da wußten sie, daß der Böse nicht duldete, wenn sie auch nur eine Minute länger arbeiteten als vorgeschrieben war. Konnten die Unheimlichen schon den Bau der Straße nicht verhindern, so wollten sie ihn doch hinauszögern.

Seit aber die Straße fertig ist, ist der Mann im Radmantel endgültig verschwunden, er zeigte sich nie wieder.

Holzmännlein und Holzweiblein

Den kleineren Männlein und Weiblein aber, deren es unzählige geben soll, kann man noch heute begegnen, wie die Bewohner der Gegend versichern.

So sah ein Bauer einmal ein kaum einen halben Meter hohes uraltes Weiblein, das in seinen riesigen Buckelkorb Fichten- und Tannenzapfen sammelte. Plötzlich aber wandte es sich an den Bauer und befahl ihm, den Korb zu tragen und ihm zu folgen. Den Bauern aber faßte der Schreck und er lief davon, so rasch er nur konnte.

Am nächsten Morgen aber war seine Heuwiese mit Tausenden von Zapfen übersät, die er erst mühsam wegschaffen mußte, ehe er sein Heu trocknen und einführen konnte. Es blieb rätselhaft, wie das kleine Weiblein die unzähligen Körbe voll Zapfen über die Wiese gestreut hatte. Sicher hatte ihm das ganze kleine Volk des Grettenbergwaldes geholfen.

 


 

 << Kapitel 10  Kapitel 12 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.