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Sagen aus Niedersachsen

: Sagen aus Niedersachsen - Kapitel 93
Quellenangabe
titleSagen aus Niedersachsen
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Das taube Tal bei Winkel an der Aller

Nahe den grünen Wiesen der Aller liegt unweit des Dorfes Winkel zwischen Gifhorn und Brenneckenbrück ein Tal, das ist öd und unbewohnt. Rundumher hält die Heide den Sand fest, und das Moos bändigt ihn; in dem »tauben Tal« aber liegt der Sand lose da oder fliegt, wie der Wind es will. Mehr als einmal hat der Förster Föhre und Birken dort gepflanzt, um den Sand an Ort und Stelle zu bannen, es ist aber nichts von den jungen Setzlingen übriggeblieben. Sie wuchsen ein Weilchen kümmerlich fort und gingen dann ein. Denn das Tal ist verflucht für immerdar, weil unschuldig Blut dort geflossen sein soll. Kein Bauer geht zur Nachtzeit gern daran vorbei. Gesichter von Verstorbenen umschweben den Menschen, der dies Tal betritt, und unheimliche Schatten folgen ihm.

Ein Knecht, der an Gott und den Teufel nicht glaubte und ein heimlicher Wilderer war, paßte in einer hellen Nacht dort auf einen weißen Rehbock, der sich in dem Tal aufhielt. Das Tier stand dicht vor ihm, und der Mann schoß zweimal auf das Blatt, ohne daß das Tier umfiel. Als er von neuem geladen hatte und anlegte, sahen ihn zwei Menschenaugen so böse an, daß er keine Kraft mehr in den Armen fühlte, sein Gewehr fallen ließ und Hals über Kopf davonlief. Wie er am andern Mittag seine Waffe wieder holen wollte; war der Lauf durchgebrochen.

Wenn es lange gestürmt und geregnet hat, gibt der Sand im Umkreis der vielen hundert kleinen Hügel, die in dem Tale liegen und wie verwahrloste Grabstätten aussehen, schwarze Scherben; von Aschenurnen und zerbröckelte Backsteine frei, auch hat man gelegentlich eine vom Rost zerfressene Speerspitze und einen silbernen Armring gefunden. Ein Gelehrter, der sich auf solche Dinge verstand, ließ einige der Hügel abgraben, fand aber lange nichts von Bedeutung, bis er schließlich auf einen Kranz von Steinen stieß. Voll Eifer grub er drauf los, achtete nicht auf die Zeit und arbeitete bis in die Nacht hinein. Da hörte er plötzlich hinter sich jämmerlich husten, und als er sich umsah, stand ein uralter, in Lumpen und Fetzen gehüllter Mann hinter ihm, der ihn um eine kleine Gabe bat. Der Forscher warf ihm: ein Stück Geld in den Hut. Aber als sich der Alte mit einem Händedruck verabschieden wollte, kam dem Gelehrten der Bettler so schmierig vor, daß er ihm die Grabscheitkrücke und nicht die Hand reichte. Das war sein Glück; denn der Bettler war nicht von dieser Welt, und seine Teufelsfinger brannten tief in den Spatenstiel hinein.

Einmal gerieten zwei junge Leute, die nachts durch die Heide gingen und vom Wege abkamen, in das taube Tal, gerade als die zwölfte Stunde schlug. Es war Mondschein, und bald erkannten sie mit Schrecken, daß sie an dem Ort waren, vor dem man sie in Brenneckenbrück gewarnt hatte. Als die jungen Leute so dastanden und nicht wußten, wohin sie sich wenden sollten, kam ein Mann gelaufen, der mit den Händen Raben abwehrte, die nach seinem Kopf hackten; er rannte quer über die Blöße nach dem kleinen See hin, der hinter den Föhren liegt, und stürzte sich mit einem lauten Schrei dort hinein. Zu gleicher Zeit erklang ein Hohngelächter in der Luft, ein glühendes Rad flog über die beiden hin, kreiste über dem Wasser und zersprang in lauter blaue Flammen, die um die jungen Leute einen Tanz aufführten. Diese konnten sich nicht von der Stelle rühren, so viele Mühe sie sich auch gaben. Erst als die erste Mitternachtsstunde vorüber war, bekamen sie wieder Gewalt über ihre Glieder und langten mehr tot als lebendig in Gifhorn an.

In dem tauben Tal stand einst ein Bauernhof. Als im Dreißigjährigen Krieg die Schwedischen in der Gegend raubten und brannten, fanden sie zu dem Hof, der gut versteckt lag, nicht hin, bis ihnen seine Lage von einem Knecht verraten wurde, der dort im Dienst, stand und dessen Werbung von der Haustochter abgewiesen worden war. Die Soldaten brachten alles um, was auf dem Hofe lebte, raubten

das Anwesen aus und steckten es schließlich in Brand. Als der Knecht aber seinen Lohn haben wollte, lachten ihn die Soldaten aus und gaben ihm einen alten Strick. Da sein häßlicher Verrat sich in der, Gegend herumgesprochen hatte, wollte ihn kein Mensch mehr in den Dienst nehmen und so ging er unter die Soldaten.

Nach vielen Jahren kam der Mann als Krüppel wieder, bettelte eine Zeitlang in Gifhorn herum, bis sich herausstellte, wer er war, und der Büttel ihn aus dem Tore wies. Da humpelte er nach dem abgebrannten Hofe und ertrank in dem See, der dicht daneben liegt.

Seitdem liegt der Ort verödet. Der Wind hat den losen Sand über die Stätte des Grauens geweht und ihn so aufgetürmt, daß man lauter Grabhügel zu sehen vermeint. Rundherum wuchert die Heide, grünen die Wiesen, stehen die Föhren im dichten Moos. Die Stelle aber, wo einst der Hof lag, ist unfruchtbar. Die Hitze des Feuers, hat alle Keime weit umher versengt.

 


 

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