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Sagen aus Niedersachsen

: Sagen aus Niedersachsen - Kapitel 38
Quellenangabe
titleSagen aus Niedersachsen
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Die Kegelspieler in der Vöppstedter Ruine

Vor dem Vöppstedter Tor des alten Marktfleckens Salzgitter liegt als letzter Zeuge eines verschwundenen Dorfes eine ehrwürdige Kirchenruine: die Vöppstedter Kirche. Schon Karl der Große soll diese Kirche mit dem wehrhaften Turm und den schmalen Fensterlein erbaut haben. Viel hat sie im Laufe der Zeiten, die gut und böse waren, erleben müssen. Davon erzählen der zerschossene Turm, das zerfallene Dach und die Kugelspuren in der Kirchentür, vor der einst blutgewohnte Salzgittersche Bürger schwedische Marodeure trotz Bittens und Flehens erschossen.

Unheimlich ist's um Mitternacht um diesen Bau. Das erfuhr auch einst ein Wilddieb vom Damm, der in der Johannisnacht in dem Vöppstedter Erbschaftsforst wildern wollte. Als er sich im Schatten der Kirchhofsmauer an der Ruine vorbeischlich, hörte er in ihr, als eben in Salzgitter die Turmuhr die zwölfte Stunde verkündete, heiteres Sprechen und lautes Gelächter. Der Wilddieb, neugierig geworden, versteckte sein Gewehr hinter einem alten Grabstein und schlich sich nach dem offenen Spitzbogen an der Rückwand, der erst seit einigen Jahren zugemauert ist. Aber kaum blickte er um die Ecke, um die fröhliche Gesellschaft zu erspähen, als er von einer kräftigen Hand im Genick erfaßt und in die Kirche gezogen wurde. Der vor Schreck zitternde, ertappte Lauscher sah sich einer Gesellschaft von sieben Männern gegenüber, die altmodisch gekleidet und ihm unbekannt waren. Auch schien es ihm, als wenn von diesen Leuten ein dumpfer Modergeruch ausginge und ihre Augen wie faulendes Weidenholz durch die Dunkelheit leuchteten. Da wurde es ihm unheimlich zumute. Die Sieben aber starrten ihn mit ihren glühenden Augen unverwandt an, und endlich sagte einer von ihnen, der ganz wild aussah, und als einziger einen struppigen roten Vollbart trug: »Da bist du ja. Das hat auch lange genug gedauert. Jetzt wollen wir man anfangen zu kegeln. Marsch, richte die Kegel auf! « Als sich der Wilddieb umdrehte, sah er durch den Spitzbogen, der bis auf die Erde reichte, auf einem verfallenen Grabhügel statt der Kegel Totenbeine aufgestellt. Sein Grausen aber verwandelte sich in Entsetzen, als die unheimlichen Männer ihre Köpfe abnahmen und mit ihnen statt der Kugeln nach dem absonderlichen Kegelspiel warfen.

Da mußte unser Wilddieb sein Entsetzen vergessen und sich sputen, denn immer hitziger wurden die Spieler, immer schneller sprangen die Köpfe zwischen das klappernde Totengebein, und wenn einer der Gespenster vorbeiwarf, dann lachten die Köpfe, die die andern in den Händen hielten, ganz unbändig. In der entsetzlichen Aufregung passierte es dem Wildschützen, der die Köpfe immer wieder zurückrollen mußte, daß er dem Kopf des Rotbärtigen einen so tollen Schwung gab, daß er gegen die Kirchenwand flog und dabei ein Stück der Nase verlorenging.

Da geriet aber der Rotbärtige in Wut. Er sprang auf den Wilddieb zu, riß ihm ein Stück von der Nase ab und klebte es seiner eigenen zerschundenen wieder an. Der Wilddieb vermeinte, sein letztes Stündlein sei gekommen. Da klang es vom Kirchturm klar und tröstlich »eins«. Mit einem Schlage waren Spuk und Totenbein fort, aber mit ihm auch das Nasenende.

Der Wildschütz schlich mit blutender Nase heim. Die Lust zu seinem verbotenen Handwerk war ihm für immer vergangen. Seinen Kameraden, die ihn am andern Morgen wegen seiner verunstalteten Nase hänselten, erzählte er, er sei die Kellertreppe heruntergefallen, als er sich zu Pellkartoffeln habe Fett holen wollen. Einem Freund aber, dem er sich anvertraute, sagte er, er glaube, die Geister seien Gerichtete gewesen, die ein hoher Rat von Salzgitter habe köpfen lassen. Ihm sei gleich der rote Strich um den Hals der Geister aufgefallen, der nur vom Schwerthieb habe herstammen können.

 


 

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