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Sagen aus Niederösterreich

: Sagen aus Niederösterreich - Kapitel 9
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Burg Greifenstein

Unterhalb der alten Stadt Tulln, wo die Hänge des Wienerwaldes ganz nahe an den breit dahinfließenden Donaustrom herantreten, erhebt sich auf steiler Felsennase der wuchtige vierkantige Bergfried der Burg Greifenstein und schaut beherrschend über das Land.

Hier gebot vor vielen Jahrhunderten Herr Reinhard, ein kühner, tapferer Ritter, der freilich im Zorn auch wild und grausam sein konnte. Seine Ehefrau war früh gestorben und hatte ihm ein einziges Kind, ein zartes Mädchen, Eveline, hinterlassen, das unter der Aufsicht des frommen Burgkaplans Emerich zu einer lieblichen Maid heranblühte. Das schöne Mädchen war aber nicht nur gelehrig und fromm, sondern auch heiter und lebensfroh, liebte den Wald und die ganze belebte Natur, war im Reiten geschickt und fand in der Falkenjagd ein liebes Vergnügen. Ein Edelknappe ihres Vaters, Rudolf, ein hübscher, fröhlicher, junger Mann, war ihr Begleiter und Lehrmeister.

Wenn das schöne Burgfräulein und der stattliche Knappe hoch zu Roß den Schloßberg hinabritten, gaben die beiden stolzen Gestalten ein gar schönes Bild, daß ihnen mancher Untertan des Ritters bewundernd nachblickte und selbst der alte Kaplan Emerich oben am Burgfenster anerkennend mit dem alten Haupte nickte. Rudolf aber verehrte seine junge Herrin mit heißer Liebe, und diese, die die schönsten Stunden ihres Daseins an seiner Seite verbracht hatte, erwiderte seine Neigung.

Eines Tages gestand Eveline dem Kaplan ihre heimliche Liebe und bat ihn um seinen Rat. Der Geistliche erschrak gar sehr; denn er kannte den Jähzorn seines Herrn, der es nie zugelassen hätte, daß seine Tochter die Ehefrau des einfachen Knappen werde. Aber das Herzeleid seines lieben Schützlings rührte ihn sehr, er traute das Paar heimlich in der Burgkapelle und riet ihm, das Schloß zu verlassen; Gott werde in Zukunft alles zum Guten lenken.

Ritter Reinhard war an diesem Tag wie so oft auf der Jagd bei einem ritterlichen Nachbarn und kehrte erst spätabends in seine Burg zurück. Als er seine Tochter vermißte und vom Kaplan hörte, was sich zugetragen hatte, und die Flucht des Paares vernahm, tobte er in grimmigem Zorne und wollte den Alten zwingen, ihm den Aufenthalt der Flüchtlinge zu verraten. Vergebens beteuerte dieser, selbst nicht zu wissen, wohin sich die beiden gewandt hätten.

»Das glaube Euch, wer mag«, schrie der zornige Ritter. »Ihr habt es an der nötigen Aufsicht und Obsorge fehlen lassen und schwere Schuld auf Euch geladen, Ihr sollt mir dafür büßen. Ergreift ihn und warf ihn in den Turm hinab! So wahr ich hier stehe, Ihr werdet das Tageslicht nicht mehr sehen! Und sollte ich je dieses Eides vergessen, so möge mich ein jäher Tod hinraffen, und mein Geist sei ewig ruhelos!«

Die Knechte brachten den vor Schreck erstarrten Greis in das Turmgefängnis. Am nächsten Tag ließ der Ritter die ganze Umgebung der Burg nach den Geflüchteten absuchen, aber nirgends fand man eine Spur von ihnen.

Trüb und freudlos verstrichen nun die Tage auf Burg Greifenstein. Das fröhliche Lachen des Burgfräuleins drang nicht mehr durch die weiten Hallen und Gänge, das emsige Treiben des Knappen fehlte bei der Jagd und im Schloß. Kein Gottesdienst wurde mehr in der verödeten Burgkapelle gefeiert, und das Gesinde schlich bedrückt und mißvergnügt einher, weil der gute Alte im Verlies schmachtete. Der Burgherr selbst saß stundenlang wie zu Stein erstarrt am Fenster seines Zimmers und dachte über das bittere Los seiner Tochter und seine harte Zornestat nach. Mochte auch oft der Zorn noch in ihm aufsteigen, so kamen doch Stunden, wo er sich selbst die Schuld am Unglück der Jungfrau gab, da er sich zu wenig um ihre Erziehung gekümmert habe. Wenn ihm aber alles Sinnen und Grübeln nicht über seinen Kummer hinweghalf, lud er sich befreundete Ritter zu Gast und vergaß sein Leid in Trunk und Spiel.

Der Herbst war vergangen, Feld und Wald hatten sich in winterliches Kleid gehüllt, und tiefer Schnee bedeckte die Fluren. Da wurde dem Schloßherrn eines Morgens von Köhlern gemeldet, man habe in den Wäldern einen Bären gesichtet Mit Knechten und Hunden ritt Reinhard aus, das gefährliche Wild zu erlegen. Über Schluchten und Gräben führte der Weg tief in die frisch verschneiten Wälder hinein. Lange dauerte die Suche, aber kein Bär war zu sehen; Meister Petz hatte sich davongemacht, und einer nach dem anderen der ausgesandten Späher kehrte zu seinem Herrn zurück, um zu melden, daß nirgends eine Spur des Bären zu finden sei. Zuletzt aber erschien noch ein Knecht, der wollte Seltsames erblickt haben. Mitten im dichtesten Gehölz stehe eine armselige Hütte, aus der unterdrücktes Stöhnen und klägliches Kindergeschrei dringe, daß einen das Grauen anpacken könne. Ein unheimliches Wesen müsse dort leben.

Ritter Reinhard war nicht der Mann, sich durch derlei ängstliches Gerede ins Bockshorn jagen zu lassen. Mit fester Hand griff er nach seinem Jagdspieß und befahl dem Knecht, ihn zu der bezeichneten Stelle zu führen. Mit Mühe drangen sie im Wald durch dichtverwachsenes Unterholz vor und erreichten endlich eine notdürftig zusammengefügte Reisighütte. Furchtlos schritt der Ritter mit entblößtem Schwert in die düstere Behausung. Aber kein Feind und kein unheimliches Zauberwesen trat ihm entgegen; auf einem ärmlichen Streulager, mit Lumpen bedeckt, ruhte ein abgezehrtes junges Weib, das einen wimmernden Säugling an der Brust hielt. Entsetzt erkannte Reinhard in dem todblassen, hohlwangigen Geschöpf seine Tochter Eveline. Auch sie hatte auf den ersten Blick in der hohen Gestalt des Eintretenden den geliebten Vater erkannt und streckte ihm nun flehend die Arme entgegen. »Vater, ich bin es, deine Tochter«, sagte sie leise, »ach, verzeihe mir!«

Da gab der Ritter sein Schwert in die Scheide, kniete nieder an dem armseligen Lager und schloß mit Tränen in den Augen sein wiedergefundenes Kind in die Arme. »Ja, meine Tochter«, rief er mit leiser Stimme, »aller Zorn sei vergessen; du sollst wieder in unsere schöne Burg zurückkehren!« Auch dem Edelknappen, der nun, ein Tierfell über seiner zerfetzten Gewandung, hohläugig, mit verwildertem Haar und Bart, die Hütte betrat, gewährte Ritter Reinhard volle Verzeihung und anerkannte ihn als Gatten seiner Tochter. Dankbar beugte der Knappe das Haupt und gelobte dem Ritter Treue und Gehorsam. Gemeinsam zogen sie nun durch den winterlichen Wald auf Schloß Greifenstein zurück.

In der väterlichen Burg angelangt, galt die erste Frage Evelines ihrem treuen Erzieher und Berater, dem greisen Burgkaplan Emerich. Finster blickte der Burgherr zu Boden und dachte mit Schrecken des furchtbaren Schwurs, den er getan. Sollte er dem Kaplan allein seine Verzeihung versagen und dieser wirklich auf immer in seinem finsteren Kerker verbleiben? Ein so ungeheures Verbrechen hatte er doch gar nicht begangen, und Tochter und Eidam waren wohlbehalten zurückgekehrt und hatten mit ihm Versöhnung gefeiert Das Eidwort war damals im Zorn gesprochen, Gott wurde es ihm nachsehen. So dachte der Ritter und schritt zum Burggefängnis, um den alten Kaplan zu befreien. An der Mauerecke des Turms stürzte er plötzlich, glitt aus und fiel die Treppe hinunter. Noch im Fallen hatte er mit der Hand an den Stein gegriffen, der die Treppe abschloß, um den Sturz zu verhindern. Doch vergebens, er fiel, brach sich das Genick und war sofort tot So war sein entsetzlicher Schwur in Erfüllung gegangen. Auch der Geist des dahingeschiedenen Ritters fand, so wie er geschworen hatte, seine Ruhe nicht Erst wenn der Stein, an den er vor seinem Tode gegriffen, auseinandergefallen und zerbröckelt ist, wird er in den ewigen Frieden eingehen.

Seitdem legten die Nachkommen des Ritters ihre Hand in den Stein und sprachen dabei die Worte: »So wahr ich greife an den Stein.« So erhielten Burg und Geschlecht den Namen Greifenstein. Heute noch zeigt man den Stein mit der Vertiefung, die durch das oftmalige Hingreifen entstanden ist, jedem Besucher der Burg Greifenstein.

 


 

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