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Sagen aus Niederösterreich

: Sagen aus Niederösterreich - Kapitel 37
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Das Zauberschloß zu Grabenweg

Wilde zerrissene Felsen, kahle Hänge, deren Gipfel mit Schnee bedeckt waren, erhoben sich einst zu beiden Seiten des anmutigen Tales, in dem heute das Dorf Grabenweg bei Pottenstein liegt. Nur wenige Ansiedler bewohnten die unwirtliche Gegend, in der gerade nur ein paar genügsame Schafherden, die die Menschen ihr Eigen nannten, kärgliches Futter fanden.

Auf den wenigen Grasplätzen zwischen den schroff emporragenden Felsen weidete damals ein junger Schäfer täglich seine Herde. Es war gerade zur Zeit, da im Flachland draußen die Sommersonnenwende gefeiert wurde, als der Jüngling wieder einmal seine Herde die abschüssigen Hänge hinantrieb. Droben überließ er die weidenden Tiere der Aufmerksamkeit seines Hundes und lagerte sich auf sein Lieblingsplätzchen, einen kleinen Felsvorsprung, der ihm einen wunderbaren Blick über die Felsenhäupter gewährte. Nach einiger Zeit zog er seine Flöte aus seiner Schäfertasche hervor und begann gar liebliche Weisen zu spielen. Plötzlich war es ihm, als bewege sich der Felsen unter seinem Rücken. Erschrocken sprang er auf und tat ein paar Schritte zur Seite. Ein seltsames Donnern und Rollen erscholl im Erdinnern, die Felsen klafften auseinander, und der mächtige Felsblock, worauf er eben noch gelegen war, versank in die Tiefe. Zugleich hörte er ein geheimnisvolles Knistern und Rauschen, ein heller Glanz blendete seine Augen, und als er sie wieder öffnete, erblickte er an der Stelle, wo eben noch der kleine verwitterte Fels über den Steilhang hinausgeragt hatte, einen herrlich glitzernden Kristallpalast.

Mit erstaunten Blicken betrachtete der arme Junge die strahlende Herrlichkeit, die da mitten in dem kahlen Felsengebirg vor seinen Augen aus dem Boden gewachsen war. Eine prächtige kleine Säulenhalle bildete den Eingang in das schimmernde Innere des Palastes. Die schlanken Säulen waren aus reinstem Bergkristall gehauen und mit goldenen Zieraten geschmückt. Die Stufen, die zur Vorhalle hinaufführten, erglänzten von hellstem Silber, die hohe Flügeltür aber im Hintergrund des Verbaues strahlte in buntem Schmuck blitzender Edelsteine. Das Innere des Zauberpalastes blieb den Augen des Jünglings verschlossen. Während er wie geblendet die ungeahnte Herrlichkeit anstarrte, ertönte fern in den Bergen der Klang eines Glöckleins, das einen frommen Klausner zum Gebet rief. Rein und klar schallte der helle Klang durch die Lüfte, und als der letzte Ton sanft nachzitternd verklungen war, ließ sich zuerst leise, dann immer heller und stärker eine glockenreine Stimme in Innern des wunderbaren Palastes vernehmen, die ein liebliches, sinnbetörendes Lied sang. Hingerissen von dem herzerhebenden Gesang, griff der junge Schäfer nach seiner Flöte und begleitete die unsichtbare Sängerin mit harmonischen Weisen.

Endlich verstummte das herrliche Lied drinnen in dem kristallenen Palast, die funkelnde Flügeltür öffnete sich, und auf der Schwelle stand eine holde Mädchengestalt im Zauber jugendlicher Schönheit, die schlanken Glieder in schimmerndes Weiß gehüllt. Der entzückte Jüngling wandte kein Auge von der wunderbaren Erscheinung. Diese näherte sich lächelnd dem Hirten und küßte ihn auf die Stirn.

»Du hast, mein lieber Knabe«, flüsterte sie in wohllautenden Tönen dem Verwirrten zu, »durch dein liebliches Flötenspiel am heutigen Tag und an dieser Stelle einen Teil des fürchterlichen Bannes gebrochen, der mich so lange hier gefangen hielt. Es hängt nun von dir ab, ob du auch den noch bestehenden Zauber zu lösen vermagst. Dieser Kristallpalast mit den unermeßlichen Schätzen, die drinnen aufgehäuft sind, und meine Hand sollen der Lohn für diese Tat sein.« Während sie den Jüngling flehend anblickte, fuhr sie in beschwörendem Ton fort: »Sag, willst du es wagen, mich zu befreien?«

Der Schäfer, der stumm den Worten der holden Jungfrau gelauscht hatte, schien gleichsam aus einem Traum zu erwachen. Seine Wangen röteten sich, Mut und Entschlossenheit blitzten aus seinen Augen. Mit bebenden Worten versprach er, alles zu unternehmen, damit das schöne Mädchen von dem bösen Zauber befreit werde. »Was kann ich dazu tun?« fragte er erregt.

»Deine Aufgabe«, erwiderte die Jungfrau, »wird durchaus nicht leicht sein. Du mußt dich mit fester Entschlossenheit und unerschrockenem Mut wappnen, um das schwere Werk, das dir bevorsteht, vollbringen zu können. Merk auf, was ich dir nun sage! Jedes Jahr am heutigen Tag, wenn draußen in der Ebene die Sommersonnenwende gefeiert wird, kommst du eine Stunde nach Sonnenaufgang hierher auf den Berg. Da wartest du, bis das Glöcklein in der Ferne, das du heute gehört hast, die Frommen zur Andacht ruft. Dann wird dieser Palast, den du hier siehst, vor deinen Augen wiedererstehen. Deine Aufgabe wird es nun sein, mutig das Schloß zu betreten und unerschrocken durch alle Gemächer bis zum letzten Raum vorzudringen. Dort werde ich dir in Gestalt irgendeines scheußlichen Tieres entgegen kommen. Der schreckliche Anblick darf dich aber nicht entmutigen. Du mußt auf mich zugehen, mich umarmen und auf die Stirn küssen. Wenn du standhaft bist und diese Tat drei Jahre hindurch am selben Tag und zur gleichen Stunde vollbringst, so ist mit dem dritten Kuß der Zauber, der mich gebannt hält, gelöst, und ich gehöre dir, samt dem Schloß und den Reichtümern, die darinnen verborgen sind. Willst du das schwierige Werk meiner Erlösung vollziehen, so versprich mir, alles genau auszuführen, was ich dir gesagt habe, und bekräftige dein Versprechen mit Handschlag!«

Der junge Schäfer beteuerte nochmals, daß er fest entschlossen sei, die Jungfrau zu erlösen, gab das geforderte Versprechen und besiegelte es mit einem kräftigen Händedruck.

»Ich danke dir, mein wackerer Helfer«, sprach die liebliche Maid, »und wenn dein Entschluß je wanken sollte, so denk an dieses Versprechen und bleibe standhaft! Heute übers Jahr sehen wir uns wieder.«

Nach diesen Worten schritt sie in das Zauberschloß zurück, die strahlende Tür schloß sich hinter ihr, und mit donnerndem Krachen versank der herrliche Bau in den Felsen. An der Stelle des Schlosses lag der Felsvorsprung, und alles war wieder wie früher.

Den Jüngling dünkte das wundersame Erlebnis wie ein seltsamer Traum, die Gestalt des lieblichen Mädchens wich ihm nicht aus dem Sinn, und als er zu Mittag seine Schafe den Hang hinuntertrieb, hing er in Gedanken noch immer dem feierlichen Versprechen nach, das er dem zauberhaften Mädchen gegeben hatte. Sooft er von nun an das kahle Felsengebiet betrat, ergriff ihn eine heilige Scheu, aber immer wieder zog es ihn an diesen geheimnisvollen Ort, wo sein Flötenspiel den Palast aus den Felsen gezaubert hatte.

So verstrich ein Jahr. Am Tag der Sonnenwende zog der Schäfer lang vor Sonnenaufgang mit seiner Herde den Berg hinauf. Ein banges Gefühl vor dem unfaßbaren Ereignis, das ihm bevorstand, erfüllte sein Herz; immer näher rückte die Stunde, wo es eintreten sollte. Schon erhob sich die Sonne im Osten über den Bergen, schon erklang das Glöckchen des Klausners weit drinnen im Gebirg, und kaum war der letzte Glockenton verhallt, tauchte das Zauberschloß in den Felsen auf, das seine Aufgabe barg. Einen Augenblick nur bedachte er sich, dann schritt er mutig zum Eingang und wollte die Flügeltür öffnen. Doch diese sprang von selbst auf. Ohne den Herrlichkeiten, die den Palast erfüllten, nur einen Blick zu gönnen, eilte der Jüngling von Gemach zu Gemach; überall tat sich die Tür von selbst vor ihm auf. Endlich war er beim letzten Raum angelangt; aber hier blieb die Tür verschlossen. Eine kleine Weile stand er wartend da, dann drückte er entschlossen die Klinke nieder. Ein weiterer Saal lag vor seinen Blicken. Und ehe er noch recht erfassen konnte, wie es da drinnen aussah, fuhr plötzlich von einem samtbehangenen Lager eine ungeheure Schlange zischend gegen den erschrockenen Schäfer los. Schon wollte er sich schleunigst zur Flucht wenden, da erinnerte er sich der Worte des Mädchens und seines Versprechens, trat der Schlange beherzt entgegen und küßte sie auf den Kopf, indem er sie in seine Arme schloß. Zugleich aber verließen ihn die Sinne, und er sank mit einem Seufzer bewußtlos auf den prunkvollen Teppich des Gemaches.

Als er wieder zu sich kam, lag er auf der kleinen Felsplatte, die seit jeher sein Aufenthalt gewesen, das zauberhafte Schloß aber war verschwunden. Doch die Gegend hatte sich auffallend verändert. Die wilden Felsen waren mit freundlichem Grün bewachsen, von den Graten und Zinnen schimmerte nicht mehr der ewige Schnee herab, und alle Schroffheit war gewichen. Da griff der Schäfer zu seiner Flöte und spielte in der Freude seines Herzens liebliche Weisen, die der Morgenwind säuselnd über die grünen Hänge trug. Und als er seine Flöte zur Seite legte, da war ihm, als hauchten ihm die Winde die liebliche Stimme des Mädchens zu, das ihm seine Tat mit leisen Worten dankte.

Ein weiteres Jahr war vergangen. Wieder kam die Zeit der Sommersonnenwende, und wieder war alles wie im Vorjahr. Aber als er diesmal die Tür des letzten Gemachs öffnete, da sprang ihm zähnefletschend ein gräßliches Ungeheuer entgegen und riß mit schrecklichem Geheul den Rachen weit auf, als wolle es ihn verschlingen. Wieder drohte der Mut den Jüngling zu verlassen, und schon war er im Begriff zu fliehen, als ihm noch rechtzeitig die Worte der verzauberten Jungfrau in den Sinn kamen. Mutig blieb er stehen, legte trotz des furchtbar dräuenden Rachens herzhaft seine Arme um den Hals des scheußlichen Ungetüms und drückte einen Kuß auf dessen Stirn.

Wie mit einem Zauberschlag war das schreckliche Untier verschwunden, holde zauberische Mädchengestalten umgaukelten den Jüngling, und eine himmlische Musik erfüllte alle Räume des kristallenen Palastes. Während der junge Schäfer verzückt den lieblichen Tönen lauschte und mit bewundernden Blicken die reizenden Jungfrauen betrachtete, in deren Mitte ihm seine holde Bekannte mit freundlichen Blicken ihren Dank zuwinkte, wichen die Wände des Feenpalastes langsam zurück und versanken vor seinen Augen in die Tiefe. Die Felsen schloßen sich wieder, und unverändert ruhte die Felsplatte auf ihrem alten Platz.

Als der Schäfer aber seine Blicke umherschweifen ließ, gewahrte er, da0 die zerklüfteten Felsen vollens verschwunden waren. Sanft gerundete Hänge und Höhen breiteten sich auf, üppig grünende und blühende Bäume und Sträucher nahmen den Blick gefangen. Wo eben noch seine Schafe an den kärglich zwischen den Steinen sproßenden Halmen knabberten, bedeckte saftiges Gras den allmählich sich senkenden Abhang. Zwischen den Bergzügen aber hatte sich ein liebliches Tal gebildet, auf dessen Grund ein silberklares Bächlein murmelnd sich hinwand.

Gern stieg der Jüngling in der folgenden Zeit mit seiner Herde zu der freundlichen Weide hinauf, wo inmitten des üppigen Grüns sein Felsblock auf den Tag der Entscheidung harrte.

Endlich war auch das dritte Jahr vergangen, und der Schäfer, nun nicht mehr ein schüchterner Knabe, sondern ein schöner, kräftiger Jüngling verbrachte die Nacht vor dem Sonnwendtag auf dem Felsen am Berg und entlockte seiner Flöte die herrlichsten Töne. Als die Sonne emporstieg und das Glöcklein verklungen war, erscholl ein furchtbares Donnergrollen, daß die Erde erbebte, und das Zauberschloß stand vor dem erschrockenen Schäfer da.

Aber wie anders sah es heute aus! Bläuliche Flammen züngelten aus den Fenstern gegen Himmel empor, ein gräßliches Ungetüm bewachte den Eingang. Aber unerschrocken ging der Jüngling auf das Tier zu, das knurrend vor ihm zur Seite wich. In allen Gämächern herrschte ein betäubender Lärm, häßliche Kobolde sprangen um ihn herum, schnitten ihm greuliche Grimassen und schleuderten grelle Blitze vor seine Füße. Bekommenen Herzens, doch unentwegt, schritt der Schäfer dem letzen Raum zu und drückte entschlossen auf die Schnalle. die Tür öffnete sich und – mit schauerlichem Geheul stürzte ein mächtiger Lindwurm heran; wie zwei feurige Kugeln leuchteten seine Augen, lohende Flammen sprühten aus dem weit aufgerissenen Rachen. Entsetzt wich der Jüngling zurück und verlor jede Besinnung, als der scheußliche Drache ihn mit einer Flut von Feuer und Dampf übergoß. Hastig wandte er sich um und verließ in eiliger Flucht das entsetzliche Haus, verfolgt von dem schauerlichen Hohngelächter der tückischen Kobolde, die seinen Weg kreuzten.

Mit einem Seufzer der Erleichterung setzte er seinen Fuß auf den grünen Rasenplatz, der vor dem Zauberschloß lag. In diesem Augenblick ließ ein ungeheurer Donner die Erde erdröhnen, ein unheimliches Brausen und Zischen erfüllte die Luft, wüstes Geheul erhob sich im Innern des Zauberpalastes, und deutlich konnte der Jüngling die jammernden Hilferufe der schönen Jungfrau vernehmen. Jetzt erst, aber zu spät, kam ihm zu Bewustsein, daß er sein Versprechen nicht gehalten, das Feigheit ihn überwältigt habe. Als die Klagelaute immer deutlicher aus dem Palast drangen, erfaßte ihn namenlose Angst. Rasch entschlossen sprang er zur Tür, um der Rufenden zu Hilfe zu kommen, aber die Pforte war verschlossen. Mit aller Kraft stemmte er sich dagegen, das Tor sprang auf, da erfolgte abermals ein heftiger Donnerschlag, und Schloß und Jüngling waren von der Erde verschlungen.

Niemand wußte, wohin der schöne Jüngling gekommen war. Aber am nächsten Sonnwendtag fanden Landleute seinen Leichnam dort, wo vormals der kleine Felsvorsprung gewesen, der nun gänzlich verschwunden war. Das Tal aber blieb lieblich und anmutig bis auf den heutigen Tag.

 


 

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