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Sagen aus Niederösterreich

: Sagen aus Niederösterreich - Kapitel 35
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Die vergessene Kapelle auf Burg Scharfeneck

Müd und matt, gebrochen an Leib und Seele, ritt einst ein armer Ritter durch den Wald, der die Umgebung von Baden bedeckte. Er besaß keine Burg, hatte kein Heim und nannte nichts sein Eigen als die gute Klinge, die an seiner Seite hing. Sein Pferd hatte er in der Verzweiflung über sein trauriges Los fast zuschanden geritten. Nun sank er auf dem moosigen Waldesboden nieder und verwünschte das düstere Geschick, das gerade ihn mit solcher Armut und Not bedacht hatte.

»Ich habe jede Hoffnung auf eine Wendung zum Bessern verloren«, stöhnte er vor sich hin. »Wenn sich doch wenigstens der Teufel meiner annehmen möchte!« Kaum war dieser frevelhafte Wunsch seinen Lippen entflohen, stand der Böse leibhaftig vor ihm und sagte in heiserem Tone: »Da bin ich. Was willst du von mir?«

Der Ritte hatte in seinem Leben schon so viel Leid und Entbehrungen mitmachen müssen, daß ihn dünkte, es könne nichts Böseres mehr nachkommen. Daher war er über die unheimliche Erscheinung gar nicht erschrocken und verlangte ohne Zaudern mit fester Stimme: »Verschaffe mir sogleich eine Burg mit allem und jedem, was einem echten Ritter zukommt!«

»Den Wunsch kann ich dir erfüllen«, erwiderte der Teufel, »wenn du auf ein Bedingung eingehst. Du darfst dein Leben lang kein Weib nehmen; tust du es dennoch, so mußt du mir als Kaufgeld für die Burg deine Seele überlassen.«

Dem Ritter war es recht, und schon am nächsten Morgen ritt er in die Burg Scharfeneck ein, die ihm der Teufel auf einen Felsen hingestellt hatte und die nun sein Eigen war.

Jahre vergingen. Geehrt und angesehen bei seinen ritterlichen Nachbarn hauste der Ritter froh und glücklich auf seiner hohen, luftigen Burg. Allgemach aber begann ihn die Einsamkeit zu bedrücken. Gern hätte er eine liebliche Gattin an seiner Seite walten sehen, wenn nicht eines, des Teufels Bedingung, hindernd dazwischen gestanden wäre. Nun hatte der Herr der nahen Burg Rauhenstein ein holdes Töchterchen, das der einsame Scharfenecker unlängst kennen gelernt hatte. Der Gedanke an die schöne Maid kam ihm nicht mehr aus dem Sinn. Ihr Besitz schien ihm das höchste Glück auf Erden. Das Burgfräulein selbst war ihm gewogen, er brauchte nichts anderes zu tun, als bei ihren Eltern zu freien und sich ihr Jawort zu holen. Und dennoch konnte, durfte er diesen Schritt nicht wagen, seine ewige Seligkeit hing daran.

Verzweifelt streifte er durch die Wälder, verbrachte schlaflose Nächte und fand keine Ruhe mehr, das Bild der Geliebten schwebte unaufhörlich vor seinen Augen. In seiner Herzensnot wandte er sich an einen frommen Einsiedler, der im nahen Wald hauste und weit und breit hochverehrt war. Diesem klagte er sein Leid und bekannte seine große Schuld, wie er sich einst dem Satan verschrieben und nun nicht um die Liebste freien dürfe, da er sonst der Hölle verfallen sei.

Der fromme Mann hörte ihn aufmerksam zu, tröstete ihn mit milden Worten und versprach, gerührt von dem bitteren Schmerz des Ritters, zu helfen. Er unterwies ihn, wie er sich zu verhalten habe, und gab ihm seinen Lebensmut wieder; denn er wußte ein Mittel, den Unglücklichen dem Bann des Teufels zu entreißen. Unter vielen Dankesworten verabschiedete sich der Ritter und jagte mit freudigem Herzen auf die Burg Rauhenstein, um die Hand des Mädchens zu gewinnen.

Eine Woche später ging es auf Schloß Scharfeneck lustig zu. Der Burgherr feierte seine Verlobung mit dem Fräulein von Rauhenstein. Gäste von Nah und fern hatten sich eingefunden und tranken an der reich besetzten Tafel auf das Wohl der freudenstrahlenden Braut, die an der Seite des glücklichen Schloßherrn die Ehrungen, die ihr dargebracht wurden, hold errötend entgegennahm.

Als der Einsiedler, der auch zu dem Feste geladen war, sein Glas erhob und dem jungen Brautpaar zutrank, flog plötzlich krachend die Tür des Saales auf, und ein schwarzgewandeter hagerer Ritter, den keiner von den Anwesenden kannte, betrat das Gemach und ging höhnisch lächelnd auf den bestürzten Bräutigam zu, indem er mit dumpfer Stimme ausrief: »Ich bin gekommen, um mir das vereinbarte Kaufgeld für die Burg zu holen.«

Erblassend vernahm der Ritter die drohenden Worte des Fremden, erschrocken starrte die fröhliche Festrunde auf die unheimliche Gestalt des seltsamen Gastes. Da schritt der Einsiedler furchtlos auf ihn zu und fragte: »Seid Ihr der Erbauer und Verkäufer der Burg?« Als der schwarze Ritter dies bejahte, erwiderte der fromme Mann: »So tut uns kund und zu wissen, ob Ihr denn die Burg mit allem und jedem, was einem echten Rittersmann zukommt, erbaut und übergeben habt.«

Als der Schwarze wieder mit höhnischem Grinsen bestätigte, dies sei der Fall, sprach der Klausner: »Nun wohl, wenn es sich so verhält, wie Ihr sagt, so sollt Ihr das bedungene Kaufgeld erhalten. Aber«, fuhr er fort, »habt Ihr in Erfüllung Eures Versprechens auch wirklich Saal und Stall, Küche und Keller, Grund und Dach, Fenster und Türen richtig übergeben?«

»Alles mit allem und jedem, wie es einem echten Rittersmann zukommt«, entgegnete triumphierend der Fremde.

»Nun, so führt uns auch, da wir ein Brautpaar hier haben, in die Kapelle!« sagte rasch der Einsiedler. Da stieß der Teufel einen gräßlichen Fluch aus und versank in den Boden. Eine Kapelle in der Burg zu erbauen war nicht in seiner Macht gelegen, und so fehlte dieses echte Merkmal einer mittelalterlichen Ritterburg in dem von ihm errichteten Bau.

Der gerettete Ritter aber fiel dem frommen Einsiedler dankbar zu Füßen und gelobte, seinem Befreier diese erlösende Tat niemals zu vergessen.

 


 

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