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Sagen aus Niederösterreich

: Sagen aus Niederösterreich - Kapitel 31
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Der Spuk auf Schloß Schauenstein

Der Dreißigjährige Krieg war zu Ende, und die entlassenen Söldnerscharen machten sich auf den Weg in die Heimat, die vielen kein Begriff mehr war. Planlos wanderte so mancher durch die Lande.
So geschah es, daß ein alter Krieger auf seiner Wanderfahrt auch in das Waldviertel kam. Spätabends erreichte er ein Wirtshaus und ließ sich dort Trunk und Imbiß geben. Neugierig setzte sich der Wirt zu ihm an den Tisch und fing ein Gespräch an. Wie er nun den ganzen Jammer des abgedankten Soldaten hörte, und daß der nicht wisse, wo er morgen essen und schlafen werde, meinte er, der Krieger solle doch einmal sein Glück auf Schloß Schauenstein versuchen. Das sei vor hundert Jahren verzaubert worden, und ein großer Schatz sei dort zu gewinnen. »Freilich«, sagte er schließlich, »hat niemand bisher Erfolg gehabt, und viele, die in das Schloß hineingingen, sind nicht wieder zum Vorschein gekommen«.
Aber den alten Krieger, der schon so oft dem Tod ins Auge gesehen hatte, konnte diese finstere Warnung nicht schrecken. Er ließ sich gleich das Schloß zeigen, bat den Wirt um geweihte Kreide und eine geweihte Kerze und stieg am nächsten Abend den Schloßberg hinan. Die Fenster der Burg waren hell erleuchtet, das Burgtor stand offen; durch dunkle Gänge gelangte er in einen großen Saal, der in hellem Lichterglanz erstrahlte. Kein lebendes Wesen ließ sich blicken. Der Soldat stellte die geweihte Kerze auf den Tisch und zog mit der Kreide einen weiten Kreis herum. Dann wartete er im Kreis, nun doch mit einigem Gruseln, auf die Mitternachtsstunde, sein Schwert griffbereit bei der Hand.
Kaum war der zwölfte Schlag verklungen, da sprang plötzlich die Tür des Saales auf, und langsam und feierlich schritten vier Zwerge herein, in schwarze Gewänder gekleidet, die einen Sarg trugen, den sie am Kreidestrich niederstellten. Der Sargdeckel hob sich, und ein Zwerg mit einer goldenen Krone auf dem Kopf stieg aus dem Sarg, der sich sogleich mit funkelnden Goldmünzen füllte.
Würdevoll trat der Zwergenkönig an den Soldaten heran und sprach mit lauter Stimme: »Vermagst du diesen Schatz in zwei gleiche Teile zu bringen, so ist die eine Hälfte dein, und ich bin erlöst Bringst du es aber nicht zuwege, so bist du des Todes, und ich muß auf meine Erlösung weiter warten.«
Kaltblütig zählte der Krieger Stück für Stück der funkelnden Münzen und machte zwei gleiche Haufen. Zuletzt aber blieb ihm ein einzelnes Goldstück über. Da nahm er kurz entschlossen sein Schwert, hieb die Münze mittendurch und warf zu jedem Haufen einen Teil.
Ein furchtbarer Donnerschlag erklang, das öde Schloß belebte sich, Mägde und Knechte gingen durch die Türen aus und ein, und aus dem winzigen Zwerg wurde ein stattlicher Ritter, der zu dem beherzten Krieger trat und sagte: »Hab Dank, daß du mich durch diesen Streich erlöst hast Ich war der letzte Schloßherr, ehe dieses Schloß verzaubert wurde. Auch du stammst aus meinem Geschlecht, was dir bisher verborgen war. Nun aber kannst du das Erbe deiner Väter antreten.« Nach diesen Worten verschwand der Ritter. Das Schloß aber gehörte von nun an dem alten Soldaten, der seinen Ahnensitz wieder erhielt.

 


 

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