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Sagen aus Niederösterreich

: Sagen aus Niederösterreich - Kapitel 24
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titleSagen aus Niederösterreich
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Der Ötscher

Wie ein König unter seinem niederen Gefolge hebt der Ötscher, alle Berge im Umkreis hoch überragend, sein stolzes Haupt kühn in die Lüfte empor und blickt weit nach Norden über Hügel und Felder bis zur Donau und darüber hinaus, nach Süden aber schaut er tief ins Gebirge hinein. Weil er unter den Bergen der Gegend einen so hohen Rang einnimmt, war er seit jeher Gegenstand scheuer Furcht und Verehrung im Volk, und ein Kranz von Sagen rankt sich um seine Gipfel und Hänge und berührt auch das umliegende Gebiet.

Der Ötscher wird in der Sage auch »Hetscherlberg« (Hetscher d. i. Hagebuten) genannt; man denkt sich seine Hänge dicht mit Dornengestrüpp bewachsen. Unzählige böse Geister wohnen auf dem Berg, denen es aber dort so schlecht ergeht, daß sie sich sogar nach der Hölle zurücksehnen. Zwischen dem eisigen Torstein und der Schauchenspitze hat der Teufel seinen Sitz, und wie er an heiteren Tagen die Schneewolken herumwirbelt, so gibt er zur Nachtzeit durch feurige Funken von seiner Anwesenheit Kunde. In der Walpurgisnacht und in den Raunächten wird der Ötscher zum Sammelplatz der Hexen, die dort ihren Hexensabbath feiern.

Auf dem Ötscher gibt es auch einen großen See, der aber unzugänglich ist. Dicke, sonderbar gestaltete Eismassen bedecken seine Oberfläche, dunkle Fische, die blind sind, schwimmen in dem Gewässer umher. Man glaubt, es seien die Seelen der auf ihre Erlösung harrenden Sünder. Unter den Fischen ist einer auffallend groß und merkwürdig gestaltet. Er hält sich schon über tausend Jahre in den dunklen Fluten des Sees auf. Es ist Pilatus, der den Herrn ungerecht verurteilt hat und deshalb in diesen See gebannt wurde, wo er stumm bis zum jüngsten Tag verweilen muß, um das unschuldige Blut abzuwaschen, das an seinen Händen klebt. Der See wird nach ihm der »Pilatussee« genannt.

Besonderen Anlaß zur Sagenbildung gaben die zahlreichen Höhlen, die zum Teil tief in das Innere des Berges führen. Besonders das Wetterloch, das Taubenloch und das Geldloch kehren in der Sage immer wieder.

Das größte Wetterloch – denn es gibt ihrer mehrere – befindet sich an der Westseite des Ötschers. Wirft man bei klarem Wetter einen Stein in die Höhle, so ziehen alsbald Wolken herauf, und ein heilloses Unwetter bricht los. So rächen sich die Berggeister, die in ihrer Ruhe gestört wurden.

Das Taubenloch hat seinen Namen von den vielen drinnen nistenden Bergdohlen. Es sind dies aber in Wahrheit gar keine Vögel, sondern die Seelen großer Sünder, Geizhälse und Wucherer, die zur Strafe für ihre Schandtaten im Leben nach dem Tod auf den Ötscher verbannt wurden und nun hier ohne Rast und Ruh in schwarzer Vogelgestalt umherirren müssen.

Im Geldloch aber sollen seit Jahrhunderten ungeheure Schätze verborgen sein. Und das kam so: In den Tagen Karls des Großen lebte in Mautern eine reiche Witwe namens Gula, Als die Avaren sengend und brennend das Donautal heraufzogen, flüchtete die Frau mit ihrem kleinen Söhnlein Änother samt all ihren Schätzen auf schnellen Pferden ins Gebirge und verbarg sich in den Höhlen des Ötschers. Im Taubenloch nahm sie ihre Wohnung, im Geldloch stapelte sie ihre unermeßlichen goldenen und silbernen Schätze auf. Hier verbrachte die Witwe ungefährdet ihre Tage, während ihr Söhnlein in der reinen Gebirgsluft zu einem Riesen heranwuchs.

Er wurde der zaubermächtige Behüter des Berges, zeigte sich in wechselnder Gestalt bald hier, bald dort und vertrieb manchen drohenden Geisterspuk von seinen Hängen. Als der Grenzgraf Grimwald einen Feldzug gegen die Avaren unternahm, schloß sich ihm der Riese Änother an und vollbrachte tapfere Taten. Nach der Vernichtung der Avaren wurde Änother der Stammvater eines starken Geschlechtes. seine Mutter Gula aber blieb bis zu ihrem Tod im Taubenloch, und da ihr Sohn die verborgenen Schätze nicht berührte, liegen sie noch heute im Geldloch begraben.

Die Kunde von den im Ötscher aufgehäuften Schätzen überdauerte die Jahrhunderte und lockte alljährlich viele Schatzsucher an, die namentlich aus Welschland kamen. Sie stiegen in das Geldloch ein und zogen nach einigen Tagen, mit schweren Säcken bepackt, wieder in ihre Heimat zurück. Sie sollen die gefundenen Schätze sogar auf Eseln, die unsichtbar waren, die man aber an ihrem Getrippel als solche erkannte, weggeschaft haben.

 


 

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