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Sagen aus Niederösterreich

: Sagen aus Niederösterreich - Kapitel 21
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titleSagen aus Niederösterreich
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Die schöne Mira von Muckendorf

Schön-Mira war die Tochter eines reichen Bauern in Muckendorf.

Schön war sie, ein reiches Erbe stand in Aussicht, was Wunder, daß sich die Bauernsöhne aus nah und fern um ihre Hand bewarben. Die hübschesten Burschen im Ort hatten versucht, die stolze Maid für sich zu gewinnen. Sie hatten alle mit betrübten Gesichtern abziehen müssen. Miras Sinn stand höher. Der schmucke Ritter Georg von Stolzenfels von der nahen Burg auf dem Petersberg machte ihr ernstlich den Hof, und Mira hoffte, die Gattin des jungen Ritters zu werden. »Wer weiß«, dachte sie, »ob ich nicht schon längst als stolze Rittersfrau oben auf der Burg säße, wenn der alte Stolzenfelser nicht so hartnäckig gegen eine Heirat seines Sohnes mit mir wäre.«

An einem heißen Sommertag ging Mira das Tal aufwärts, um eine Freundin aufzusuchen, die jenseits des Unterberges wohnte. Auf halbem Weg setzte sie sich unter einer breitästigen Linde nieder, um ein wenig auszuruhen. An dem Baum war ein Marienbild angebracht. Mira betrachtete das Bild in Gedanken verloren und meinte bei sich: »Ja, du heilige Gottesmutter bist schön, aber ich, die Mira von Muckendorf, bin noch schöner als du.« Kaum hatte sie diese frevelhaften Worte gesprochen, als ein unerklärliches banges Grauen sie faßte. Eine schwere schwarze Wolke zog über dem Gipfel des Unterberges auf, ein heulender Sturmwind sauste den Hang erab, umfaßte die zitternde Maid und führte sie in der Luft das Tal hinauf. Voll Entsetzen erblickte sie plötzlich eine steile Felswand am Berg, in der eine finstere Öffnung gähnte. Hier trug sie der Sturm hinein, und die Felsen schlossen sich wieder hinter dem zu Tode erschrockenen Mädchen.

In einer finsteren Höhle muß Schön-Mira nun hausen, damit ihre selbstgefällige Schönheit den Blicken der Menschen entrückt bleibt. Mit schwerer Stummheit hat sie der Herr geschlagen, ihre Zunge, die jene Lästerworte gegen die Gottesmutter gesprochen, ist festgebannt, kein Laut dringt aus ihrem Mund. Mitten in der Höhle liegt ein dunkler See. Hier badet die schöne Mira ihren weißen Leib und beschaut ihr stolzes Antlitz, von dem jedes Lächeln verschwunden ist. Ein kleines Bächlein fließt aus dem Höhlensee und bildet oberhalb Muckendorf einen prächtigen Wasserfall. In heißen Sommernächten verläßt die verzauberte Jungfrau ihre düstere Behausung und schwimmt das Bächlein hinab bis zum Wasserfall. Dort entsteigt sie dem Gewässer und blickt, an die Felswand gedrückt, sehnsüchtig und traumverloren nach der Burg auf dem Petersberg hin, die sich gegenüber erhebt.

Die Leute nennen den Ort, so Schön-Mira den Fall ihres erhofften Glücks betrauert, den »Mirafall«.

 


 

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