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Sagen aus Mecklenburg-Vorpommern

: Sagen aus Mecklenburg-Vorpommern - Kapitel 93
Quellenangabe
titleSagen aus Mecklenburg-Vorpommern
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Die Frau aus dem See

Es geschah einmal, daß der Kommandant eines Regiments, das in Tilsit lag, seinen Trommler zum Üben in den Wald schickte, weil es ihm eine Gänsehaut über den Rücken jagte, wenn der junge Tambour das Kalbsfell bearbeitete. Dieser, sich ein einsames Plätzchen suchend, gelangte an einen buschumstandenen See. Da fiel sein Blick auf Kleider und Schleier, die im Gebüsch aufgehängt waren, und auf den See hinausspähend, gewahrte er drei Mädchen, die sich beim Baden vergnügten. Der Junge konnte nur staunen, was für tüchtige Schwimmerinnen das waren, so wendig und flott hatte er noch nie einen Menschen das Wasser teilen sehen. Und herrje, was waren das nur für Schleier! Sie sahen nicht aus wie irdische Gespinste. Ein Glanz ging von ihnen aus, der ihn verwirrte. Und diese Verwirrung muß es wohl gemacht haben, daß er sich der drei Schleier bemächtigte und sie an seiner Brust verbarg. Aber die drei Mädchen im See hatten es bemerkt und stießen ein jammervolles Wehklagen aus. Zugleich schwammen sie dicht an das Ufer heran, schlugen mächtig die Flut, von der ein Schwall sich über den Tambour ergoß. Das brachte ihn zur Besinnung, und er rief: »Haltet ein, ich will euch ja geben, was euch gehört.« Damit zog er einen der Schleier hervor, und eine Stimme erscholl: »Mein, mein!« Da warf er ihn der Ruferin zu.

Dann nestelte er den zweiten Schleier aus dem Uniformrock und wieder der Ruf: »Mein, mein! « Und da bekam die zweite derjungfrauen ihren Schleier.

Da war nun aber noch eine dritte da, und sie war so schön, daß sich der Tambour nicht entschließen konnte, ihr den Schleier zurückzugeben. Denn er ahnte wohl, daß ein Zauber in diesem Gespinst steckte, der, wenn er es bei sich behielte, das Mädchen an ihn binden mußte.

Da stieg dieses aus dem Wasser und fiel dem Tambour zu Füßen: »Ich bin eine Nixe, und ohne Schleier kann ich nicht zurückkehren in den Palast meines Vaters, des Seekönigs. Gib mir den Schleier zurück!«

Da sagte der Soldat: »Folge mir, du Schönheit aus dem See, du sollst meine Frau werden.« Und er gab den Schleier nicht frei.

So war die Nixe dem Tambour verfallen. Sie kleidete sich an und folgte ihm. Er war der Sohn eines Bauern, nicht weit von Tilsit, und er führte sie zu seinen Eltern. Er stellte sie als seine Braut vor, verriet aber nichts über ihre Herkunft. Den Bauersleuten gefiel sie gut, nur mit dem grünen Gewand konnten sie sich nicht befreunden. Sie brachten bäuerliche Kleidung, lehrten sie, während der Tambour die Frist, zu der er sich verpflichtet hatte, zu Ende diente, die Verrichtungen in Haus und Feld.

Als der Tambour abrüstete und nach Hause zurückkehrte, fand er seine Braut als eine richtige Bauernstochter vor. Sie heirateten und von diesem Augenblick an, kehrte das Glück auf den Hof ein. Die Felder gediehen, sie blieben von Unwettern verschont und die Ernten wurden größer mit jedem Jahr. Den Schleier und das grüne Gewand verschloß der junge Ehemann in einer Truhe. Die junge Frau war freundlich und niemand wußte, ob sie glücklich war. Nur manchmal sang sie mit lieblicher Stimme seltsame Lieder, die unverständlich blieben und an das Murmeln von Wellen gemahnten. Ein Kindlein wurde dem Paar geboren, eine Tochter, aber das Wesen der Frau änderte sich nicht, sie blieb schweigsam, ihre Haut schien immer durchsichtiger zu werden.

Eines Tages mußte der Sohn über Land, weil er mit dem Müller einen besseren Preis für den Weizen aushandeln wollte. Den Schlüssel zur Truhe übergab er seiner Mutter und trug ihr strenge auf, diese auf keinen Fall zu öffnen. Die junge Frau hatte das beobachtet und sobald ihr Mann aus dem Haus war, begann sie seine Mutter mit großer Zärtlichkeit zu umgarnen. Und als sie am Ende mit der Bitte herausrückte, die Mutter möge die Truhe öffnen, da konnte diese dem Drängen der Schwiegertochter nicht widerstehen. Mit fiebernder Gier wühlten ihre Hände in der Truhe, sie zog das grüne Gewand hervor und legte es an, und als sie dann den Schleier über ihren Kopf warf, erhellte ein überirdischer Glanz die Stube. Lange Zeit waren die Augen der Mutter von dem Glanz geblendet, und als sie endlich wieder sehen konnte, war die Nixe verschwunden. »Weine nicht, Mutter«, sagte der Sohn, als er erfuhr, was geschehen war, »sie ist heimgekehrt in ihr geheimnisvolles Wasserreich. Gönnen wir ihr das Glück, da wir sie wirklich geliebt haben.« Die Mutter siechte vor Kränkung dahin und starb bald. Der Sohn erreichte ein hohes Alter, doch sah ihn niemand mehr lachen. Die Tochter der Nixe war ein Menschenkind wie alle anderen, nur manchmal sang sie unverständliche Lieder.

 


 

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