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Sagen aus Mecklenburg-Vorpommern

: Sagen aus Mecklenburg-Vorpommern - Kapitel 91
Quellenangabe
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Der Zauberwettkampf des alten Dessauer

Seit der Feldmarschall Fürst Leopold von Anhalt-Dessau durch seine Hilfe für Prinz Eugen, den edlen Ritter, vor Turin und Cassano im Spanischen Erbfolgekrieg dem Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Preußen die Königswürde verschafft hatte, war er zu einer Legendenfigur im Volk geworden. Und nicht nur in Preußen-Brandenburg, das ihm »lange Kerle« als Grenadiere für den siegreichen Kampf zur Verfügung gestellt hatte, sondern auch in Wien und weit nach dem Süden hinunter und ebenso hinauf nach dem Norden erzählte man sich die Geschichten vom alten Dessauer und sang den »Dessauermarsch«. »So leben wir... so leben wir.« Die Leute ließen es sich auch nicht nehmen, fest zu behaupten, der alte Dessauer könne auch zaubern.

Das ärgerte einen alten litauischen Zauberer, weil man ihn höhnte, daß er sein Handwerk doch nicht so gut verstünde wie der alte Dessauer. So erschien der litauische Magier eines Tages auf dem Gut Norkitten, wo der alte Dessauer lebte, denn es gefiel ihm, der so viele Länder gesehen hatte, nirgends besser als dort im Kreise Insterburg. Der Litauer machte nicht viel Umschweife und forderte den Feldmarschall zum Zauberwettkampf heraus. Dieser nahm die Herausforderung an, und der Magier schlug vor, erst möge der Marschall sein bestes Zauberkunststück zeigen. Der Dessauer dachte eine Weile nach, dann schlug er ein und befahl die große Kutsche, die sechsspännige, fertigzumachen und Schafspelze und gefütterte Fußsäcke darin zu verstauen. Der Magier machte erstaunte Augen: »Es ist August und die Hitze groß, Exzellenz.«

»Ja, mein Lieber, wir fahren über das Kurische Haff nach Memel, und das ist jetzt im August so dick zugefroren wie sonst manchmal im Winter nicht.«

Der Dessauer hatte keineswegs zuviel versprochen. Bei brennender Augustsonne fuhr er mit dem Magier über das zugefrorene Kurische Haff, aber Eis war immer nur dort, wo sich die Kutsche eben befand, hinter ihr zerschmolz es so schnell, wie der Zauber seine Kraft verlor.

»Bravo, bravissimo«, zollte der Magier Beifall, »das haben Eure Durchlaucht gut gemacht, im Augenblick könnte ich es nicht übertrumpfen. Aber bei dem großen Fest, das Seine Majestät, der König, alle Jahre im Februar im Schloß zu Königsberg zu veranstalten beliebt, werde ich mein Gegenstück liefern, so mir Eure Durchlaucht die Erlaubnis gibt, unter den Gästen zu sein.« Daran werde es nicht fehlen, schmunzelte der Fürst zufrieden über seine Leistung als Zauberkünstler und überzeugt, daß sie unübertreffbar sein werde.

Es kam ein sehr strenger Winter. Solche Mengen von Schnee hatte man schon jahrelang nicht in den Straßen von Königsberg gesehen. Die kleinen Häuser verschwanden hinter Bergen von Schnee und Eis. Vor dem Schloß fuhren die Schlitten vor, einer nach dem andern, und es wollte schier kein Ende nehmen, denn von ganz Ostpreußen, von allen Gütern und Schlössern waren die Gäste des Königs gekommen. Wie das Fest in vollem Gang war, entdeckte der Fürst den Magier inmitten einer größeren Gruppe adeliger Herren. Er steuerte schnurstracks auf ihn zu und forderte ihn ein wenig polternd, wie es die Art eines alten Kriegers ist, auf, nun seine Kunst zu zeigen. Der litauische Zaubermeister verneigte sich ehrerbletig: »lhr habt im Sommer den Winter hervorgebracht, ich will Euer Durchlaucht im Winter den Sommer sehen lassen.«

Der Fürst wurde ein wenig unruhig, denn er fürchtete der Litauer würde fertig bringen, was er ankündigte, denn insgeheim hatte er gehofft, er würde sich gar nicht mehr blicken lassen. »Den Sommer also, den Sommer will Er mir zeigen... gut, dann hätten wir aber nur gleichgezogen.«

»Sehr wohl, Durchlaucht«, verneigte sich der Zaubermeister zum zweitenmal, »aber ich werde Euch in die Sommerlandschaft etwas hineinstellen, für das Ihr mir die Palme nicht versagen werdet.«

Der Magier ließ die Gesellschaft an die großen Fenster des Festsaales treten, die einen guten Blick auf die verschneite Stadt freigaben. Dann legte er seinen Zaubermantel an, nahm den Zauberstab und murmelte einige arabische Sätze (jedenfalls wollten es einige der Anwesenden als arabisch erkannt haben). Man hörte ein Sausen, Blitze zuckten über den Schnee, und vor den erstaunten Augen hatte sich, als sich das scheinbare Ungewitter legte, die Landschaft vollständig verwandelt. »Das muß Italien sein«, hörte man erstaunte Ausrufe, »natürlich, es ist Italien mitten im Sommer«, bekräftigten es andere. Und wirklich, die großen Linden im Vordergrund hatten die Gestalt von Zypressen und Maulbeerbäumen angenommen, ein typisches italienisches Gäßchen, das gegen das Schloß zu in einen Platz auslief, vervollständigte das Bild. »Italienische Stadt im Sommer während des Winters«, murrte der Fürst, der noch immer seine Niederlage nicht eingestehen wollte, »Eis im Sommer ist besser.«

»Belieben Euer Durchlaucht noch den Flecken genauer in Augenschein zu nehmen«, sagte der Magier mit höflicher Dringlichkeit.

Da brachs aus dem alten Dessauer heraus: »Das ist ja Potz Donner das Dorf Cassano, wo ich mit meinem Freund, dem Prinzen Eugen, dem Spitzbubenherzog von Orleans eins auswischte. War das 'ne Backpfeife, Herrgottchen... ja, ja, so lebten wir damals.«

»Noch einen Augenblick Geduld, Durchlaucht«, bat der Magier, »ich will die Szene beleben, damit das Souvenir vollkommen wird.«

Und da... und da... aus dem Hintergrund marschierten Grenadiere heran, die »langen Kerle« im Stechschritt, die Sonne funkelte in den Blechschilden der hohen Mützen. Eine Musikkapelle folgte ihnen, und Grenadiere und Musikbande nahmen Aufstellung vor dem Schloß, und die Instrumente intonierten den Dessauermarsch. Aus zweihundert Kehlen scholl es zum Schloß hinauf: »So leben wir... so leben wir.«

Das Zauberbild verschwand. »Er hat den Wettkampf gewonnen«, sagte der alte Dessauer.

 


 

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