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Sagen aus Mecklenburg-Vorpommern

: Sagen aus Mecklenburg-Vorpommern - Kapitel 87
Quellenangabe
titleSagen aus Mecklenburg-Vorpommern
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Das Gespensterhaus von Danzig

In Danzigs vornehmster Straße, der Langengasse, stand lange Zeit hindurch ein halbfertiges Haus, an dem die große Menge von Spaziergängern und Einkaufslustigen, die von früh bis abends hier unterwegs war, nur scheu vorüberhastete. Es war verbürgt, daß jeder, der es wagte, in diesem Haus eine Nacht zuzubringen, am Morgen eine Geldbörse mit Dukaten an seinem Bett vorfand, aber daß er auch viel an Schrecken durchzumachen hätte. Doch niemand, der sie erlebt und, mit Dukaten belohnt, sich wieder des Morgenlichts erfreuen durfte, war bereit, das Geheimnis des Hauses preiszugeben.

Da kam einmal ein junger Seemann nach Danzig, ein flotter Bursche vom Rhein, der in einer einzigen Nacht seine ganze Heuer verspielte und die war nicht zu gering, denn er hatte eine Weltreise hinter sich. Da überfiel ihn großer Kummer. Zu Hause wartete eine Braut, und mit dem Geld hätte ein Häuschen gebaut werden sollen. Da tröstete ihn einer der Kumpel, die ihm das Geld abgeknöpft hatten: »Leg dich doch eine Nacht ins Geisterhaus schlafen, da kriegst du mehr dafür, als du verspielt hast.« Der Matrose war, als man ihm Genaueres berichtete, Feuer und Flamme für die Sache und holte sich im Rathaus den Schlüssel zum Gespensterhaus. Die Warnungen des Ratsschreibers schlug er in den Wind.

Mit einem Windlicht ausgerüstet begab er sich abends zu dem Haus, das leicht zu finden war, weil der Dachstuhl fehlte und der Beischlag, der Vorbau, erst bis zur halben Höhe gewachsen war. Unheimlich war es schon in den mit Spinnweben überzogenen Zimmern, in denen in allen Ecken Mäuse und Ratten raschelten. Aber beherzt nach Art eines Matrosen, der die Stürme auf dem Atlantik kannte und karibischen Seeräubern getrotzt hatte, reinigte er das Bett im Schlafzimmer von fingerdicker Staubschicht, stellte das Licht auf den Tisch und legte sich zur Ruhe. Es dauerte nicht lange, da begann es im Kamin zu rumoren. »Nur heraus, Nachtgespenst«, rief der Seemann, »hier liegt einer, der sich mit dir unterhalten möchte.« Ehe er sichs versah, stand ein Mann in langem schwarzen Talar vor ihm, der behauptete ein Schwarzkünstler zu sein, der sein Gewerbe in Venedig gelernt habe. Er besitze zum Beispiel die Fähigkeit jeden Verstorbenen erscheinen zu lassen.

Er erbot sich, des Matrosen Eltern aus dem Grab herbeizurufen. Der Matrose erwiderte, daß sich seine Eltern der besten Gesundheit erfreuten. Die Magier schien das aber gewußt zu haben, und er hatte diesen Vorschlag nur zu seiner Einführung gemacht. Denn nun rückte er mit dem Eigentlichen heraus: »Dann will ich dir die Bewohner dieses Hauses vorführen, sie wurden alle ermordet. Sie sind so begierig, wieder einmal Luft der Oberwelt zu atmen, daß sie dir, wenn du ihnen ihr Erscheinen gestattest, einen Beutel voll Dukaten bezahlen wollen.«

Der Matrose überlegte eine Weile, dann lehnte er ab. Denn es war ihm die Erleuchtung gekommen, daß der lebenslange Schrecken, den die Dukatenempfänger aus dem Geisterhaus mitnahmen, in der Beschwörung der Ermordeten seine Ursache habe. »Wen soll ich dir dann herbeizitieren?« fragte ärgerlich der Schwarzkünstler. Gut gelaunt, dem dämonischen Gesellen nicht auf den Leim gegangen zu sein, rief der Matrose: »Adam und Eva möchte ich gerne hier begrüßen.«

Und wahrhaftig es erschienen Adam und Eva. Sie machten ein sehr trauriges Gesicht, und auf die Frage, was sie denn bekümmere, sagte Adam: »Wir bereuen unseren Sündenfall noch immer, denn wir sind schuldig an dem ganzen Leid der Welt.« Ein Sturm erhob sich, das Licht verlöschte. Der tapfere Bursche erhob sich vom Lager, tastete sich durch den ganzen Raum, konnte aber niemanden entdecken. Adam und Eva waren mitsamt dem Magier verschwunden. So legte er sich denn nieder. Am Morgen galt sein erster Blick der Börse mit Dukaten, denn er meinte, er habe sie sich redlich verdient, auch wenn er den Ermordeten nicht den Gefallen tat, vor ihm erscheinen zu dürfen. Es war aber keine Börse da, und so zog der denn etwas bekümmert ab, im Hausflur grinste ihn der Schädel des Magiers zum Abschied an, er war vom Rumpf getrennt. So hatte er denn doch noch seinen Schrecken abbekommen und nichts dafür erhalten! Er begab sich zum Rathaus und erstattete Bericht. Zu seiner Überraschung händigte ihm der Stadtschreiber einen Beutel mit Dukaten aus. »Du hast das Haus von Gespenstern befreit. Das soll dein Lohn sein.« Über dem Eingangstor seines Hauses am Rhein ließ er später ein Relief von Adam und Eva anbringen.

 


 

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