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Sagen aus Mecklenburg-Vorpommern

: Sagen aus Mecklenburg-Vorpommern - Kapitel 86
Quellenangabe
titleSagen aus Mecklenburg-Vorpommern
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Der Kamsvikus

Der Kamsvikus ist eine mit wildem Gestrüpp bedeckte Hügelkuppe bei Insterburg. Dort geht es toll zu in dunklen Nächten. Ein schwarzer Gepard jagt eine Kuh mit feurigen Hörnern und das geht immer rundum und rundum dicht unter dem Gipfel und wer den Tiergespenstern in den Weg gerät, der muß sein Leben lassen. Manch einem ist das schon so ergangen, der auf dem Kamsvikus nach vergrabenem Gold schürfte.

Gepard und feurige Kuh waren einst einmal der Heidenfürst Kamsvikus und seine Gemahlin gewesen und hatten es schlimm, sehr schlimm getrieben. Der Fürst gab sich als ein furchtbarer Wüterich. Von seinen Raubzügen in christliches Land brachte er viel Beute mit, Goldschätze und auch Gefangene, Jünglinge und Jungfrauen, die er den Göttern opferte. Sein Weib heuchelte die Hilfsbereite, brachte den Armen und Kranken Arzneien und Nahrung in ihre Hütten, war aber alles nur Schein und Trug und in ihrem Herzen war sie dem Wüterich ein würdiges Gemahl.

Gott allein weiß, wie es kam, daß diesem Höllenpaar ein Sohn geboren wurde, gesegnet mit der Gnade der Güte, Barmherzigkeit und Milde. Er hatte von dem Christenglauben gehört, der sich um das Reich seines Vaters auszubreiten begann, von Klöstern und von Mönchen auch, die als Einsiedler im Walde lebten, Vorposten gleich einer himmlischen Macht, die sich langsam an den Kamsvikus heranschob. Medus hieß der Jüngling, der dazu ausersehen war, die letzte Heidenfeste im Land zwischen Pregel und Memel zu zerstören – nicht durch Feuer und Schwert, sondern durch die Tugenden des neuen Glaubens. Medus lernte nämlich bei einem Streifzug durch die väterlichen Wälder einen solchen Einsiedler kennen und freundete sich mit ihm an. Seinen Eltern verriet er aber nichts davon, aus Angst, sie würden den Mönch töten lassen. Aber dem Mutterauge blieb die Veränderung im Wesen des Sohnes nicht verborgen, und sie ließ nicht nach, in ihn zu dringen, was es sei, das solchen Glanz in seinen Augen und solche Sanftmut in seinem Benehmen bewirkt habe. Da gab er denn das Geheimnis preis, freilich nicht ohne eine Bedingung daran zu knüpfen. Die Mutter mußte ihm versprechen, den Vater zu bewegen von seinem wüsten Treiben abzulassen. Medus war glücklich als die Mutter es ihm zusagte. In welch grausamer Weise sie ihr Versprechen einzulösen gedachte, das konnte er nicht ahnen, da ihm seine Mutter bisher ja als das Gegenteil von seinem Vater erschienen war. Die Gelegenheit ergab sich, als sich Kamsvikus bei einem Festgelage sinnlos berauscht hatte. Da ließ sie ihn von den Knechten greifen und im Burgverlies lebendig einmauern. Tagelang noch hörte man das verzweifelte Schreien des zum Tode Bestimmten, bis es endlich verstummte.

So hatte es Medus nicht gewollt! Vergebens waren seine Bitten gewesen, den Vater doch noch das Tageslicht schauen zu lassen, aber heuchlerisch erwiderte die Heidenfürstin, an ihrem Gemahl sei nichts mehr zu bessern, er habe diesen Tod verdient. Er rang um Erleuchtung, was er nun tun solle, denn noch traute er der Mutter keine böse Tat zu, sondern dachte, sie habe den neuen Glauben, von dem sie gehört hatte, zu inbrünstig in sich aufgenommen und sei entschlossen mit dem Tod zu bestrafen, wer dem alten anhänge. Schließlich glaubte er, nur in der Waldklause bei dem Einsiedler Frieden finden zu können, und er bat um Erlaubnis, dorthin aufbrechen zu dürfen. Die Heidenfürstin wehrte es ihm nicht. Als aber Medus nach drei Tagen in der Klause ankam, fand er sie dem Erdboden gleichgemacht und den Mönch als Toten zwischen den Trümmern liegen. Die Mordbuben der Heidenfürstin waren schneller gewesen als er! Er hatte alles verloren, die Eltern und den Freund und, um die schrecklichen Frevel zu sühnen, nahm er von dieser Stunde an keine Nahrung mehr zu sich. Im gleichen Augenblick aber, da er seinen Geist aufgab, zerstörte ein Blitzstrahl die Heidenburg, und ein Fluch ließ den Kamsvikus als schwarzer Gepard wiederauferstehen und verdammte seine Frau, die Gestalt einer Kuh mit feurigen Hörnern anzunehmen, auf Ewigkeit von der Raubkatze verfolgt. Der Fluch, so sagen die Leute, sei noch von den alten Göttern auf sie herabgesandt worden, als Strafe dafür, daß ihr Name durch die beiden Wüteriche geschändet worden war. Die Neunmalklugen aber, die an keine Gespenster und übernatürlichen Dinge glauben, die meinen zu wissen, was da am Kamsvikus in manchen Nächten aufblitze; ein Elmsfeuer sei es, elektrische Lichtbündel bei Gewitterluft, um spitze Gegenstände zuckend, und wenn auch Kirchtürme und Masten der Schiffe ihre beliebten Erscheinungsorte sind, warum soll's nicht gelegentlich am Kanisvikus um ein Kuhgehörn funken.

 


 

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