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Sagen aus Mecklenburg-Vorpommern

: Sagen aus Mecklenburg-Vorpommern - Kapitel 82
Quellenangabe
titleSagen aus Mecklenburg-Vorpommern
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Der Junker mit dem Hasenherz

An der Weichsel, dort wo später Bromberg entstand, lebte einst ein Edelmann, der weithin berühmt war für seine Tapferkeit, aber auch berüchtigt für seine erbarmungslose Härte. Als er sich auf einer Insel des Stroms eine Burg erbauen ließ, mußten alle Männer auf ihren Lehen ringsum Frondienst leisten, bei schlechter Kost und harter Arbeit wurden aber viele von Krankheit befallen und vom Tod dahingerafft. So erging es auch einem Jäger, den der Junker aus seinem Häuschen im Walde fortgeschleppt und unter seine Fronknechte eingereiht hatte. Ein Fußfall seines Weibes hatte dem hartherzigen Edelmann nur ein höhnisches Lachen und die abweisenden Worte »ich entlasse keinen, ehe die Burg nicht steht« entlockt. Dieser Jäger starb auch nach kurzer Zeit.

Die Frau, die durch ihr Leben im Walde mit den Geheimnissen der Natur und manchem Zauber vertraut geworden war, schwor furchtbare Rache. Als sie ihren Mann beerdigte, begegnete sie dem Edelmann und meinte mit scheinheiligem Augenaufschlag, ihr Mann sei nun erlöst, wenn er jetzt unter den himmlischen Heerscharen weilt, so verdanke er dies seinem harten Fronherrn, denn ohne Prüfung und Leid sei uns allen das Paradies verschlossen.

Dem Junker gefiel diese Rede, und er forderte die Frau auf, in seine Dienste zu treten, da sie ja doch nicht allein im Walde bleiben könne. Sie willigte ein, und bald ergab sich die Gelegenheit, ihren Herrn zu fragen, was er am meisten liebe. »Mein tapferes Herz«, erwiderte stolz der Edelmann, »ja mein tapferes Herz, das liebe ich am meisten. Oh, welche Freude bereitet es mir, wider den Feind anzustürmen, überall um mich her Zittern und Bangen zu verbreiten und nur mich selber furchtlos zu wissen wie ein Löwe!«

Die Frau dachte bei sich: »Wie gut, daß du mir verraten hast, wo ich dich am tiefsten verwunden kann, du Teufel.« Und sie beschloß, dem Mann, der für sie der Mörder ihres Gatten war, ein Hasenherz einzusetzen. In der Nacht schlich sie sich in sein Schlafgemach mit einem Hasenherz in der einen und einem Zaubermesser in der anderen Hand. Sie öffnete ihm die Brust, nahm sein Herz heraus und setzte ihm dafür das Hasenherz ein.

Als der Edelmann am nächsten Morgen erwachte, merkte er, daß eine furchtbare Veränderung mit ihm vorgegangen war. Schon eine Fliege, die um seine Nase summte, erschreckte ihn bis in sein tiefstes Inneres. Er malte sich aus, daß die langen Beine des Brummers Fangarme sein könnten und der kleine Rüssel ein giftiger Stachel. In seiner Vorstellung wuchs die kleine Fliege zu einem riesigen Tier, Glotzaugen schienen ihn anzuglühen wie Feuerräder. Ängstlich verkroch er sich unter die Decke. Dort jagte ihn ein Getöse auf, von dem er glaubte, die Hölle verkündete mit wilden Trompetenstößen den Beginn ihrer Herrschaft. In Wahrheit waren es die Bauleute, die ihr Tagewerk begannen. Aber wie erbebte er erst, als wie gewohnt ein Knecht in das Zimmer trat, um ihm in Wams und Stiefel zu helfen. »Ein Mörder, ein Mörder«, rief er.

Die Kunde von der Verwandlung des tapferen Junkers in einen Feigling verbreitete sich bei seinen Feinden, und sie rückten heran, um die günstige Gelegenheit zur Eroberung der Burg zu nützen. Die Knechte hielten es für das beste, die Feinde glauben zu lassen, daß die Geschichte mit dem Hasenherz nur ein Märchen sei, und sie gürteten ihren Herrn für den Kampf, setzten den Widerstrebenden auf ein Pferd und stellten sich vor der Burg dem Gegner. Aber wie der Junker der anrückenden Feinde ansichtig wurde, packte ihn wieder diese entsetzliche Angst. Er saß ab und rannte hakenschlagend wie Meister Lampe zurück zur Burg. Dort streifte ein mückensuchendes Schwälbchen seine Stirn. »Oh weh«, rief er aus, »ich wurde von einer Kugel getroffen.« Dann sank er tot zu Boden.

 


 

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