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Sagen aus Mecklenburg-Vorpommern

: Sagen aus Mecklenburg-Vorpommern - Kapitel 72
Quellenangabe
titleSagen aus Mecklenburg-Vorpommern
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Das Wunder der Marienburg

Als Sultan Saladin seinen Kampf gegen die Kreuzfahrer mit der Einnahme von Jerusalem und Akkon siegreich gekrönt hatte, gewährte er dem Deutschen Ritterorden freien Abzug, als Dank für die Samaritertätigkeit in seinen Hospitälern, in denen auch verwundete Sarazenen gesund gepflegt wurden. ja, er gestattete den Deutschrittern sogar soviel mitzunehmen als sie tragen konnten. Diese ließen alle persönliche Habe zurück, um dafür die Steine des Ordenshauses aus Jerusalein in die Heimat bringen zu können, jenes Hauses, in dem einst der Herr Jesus Christus das letzte Abendmahl genommen und die Worte gesprochen hatte: »Tuet dies zu meinem Gedächtnis.«

Die Deutschritter brachten die Steine erst nach Marburg. Als dann Konrad von Masowien den Orden nach Preußen rief und ihm dort eine neue Aufgabe erwuchs, wanderten die Steine dorthin weiter. Aus ihnen wurde das feste Bollwerk an der Nogat, die Marienburg, errichtet. Dort regierten die Hochmeister, die nach und nach ganz Preußen ihrer Herrschaft zu unterwerfen wußten. Der Ruhm der Marienburg aber und vor allem seines Remters, des Versammlungsraumes der Ritter, strahlte über das ganze Abendland. Denn dieser Remter wurde als Wunderwerk bestaunt. Eine Decke mit zwölf Spitzbogen ruhte auf einem einzigen Pfeiler. In ihm sei das Wunder des Heiligen Landes für alle Zeiten eingemauert, sagten die Leute, denn zu seinem Bau waren nur Steine vom einstigen Ordenshaus in Jerusalem verwendet worden.

Alle Macht geht einmal zu Ende, und auch die Deutschritter mußten sich dem Gesetz von Aufstieg und Niedergang beugen. Zehn Jahre nach der Schlacht von Tannenberg erschienen die Polen vor der Marienburg, und in ihren Reihen kämpften auch viele Russen und Tataren. Die Belagerer dachten es sich einfach zu machen und mit einer einzigen Bleikugel den zart und filigran gleich einem Lilienstengel aufragenden Pfeiler zu zersplittern und damit den ganzen Mittelbau der Burg, das Herz des Widerstands, zum Einsturz zu bringen. Zuerst versuchte es ein russischer Arkebusier, doch er verfehlte sein Ziel und erblindete danach. Des Königs Büchsenspanner verlachte ihn und gab den zweiten Schuß ab, doch da zersprang der Lauf, die Splitter flogen weit umher und töteten einige vornehme Herren, darunter jenen Tatarenhauptmann, der dem Hochmeister Ulrich von Jungingen in der Schlacht den Kopf abgeschlagen hatte. Tatarenkrieger rissen den Büchsenspanner des Königs in Stücke. Nach schweren Kämpfen fiel die Marienburg vollkommen verwüstet in die Hände der Angreifer. Den Remter aber fanden sie unversehrt vor.

Wieder aufgebaut, wechselte die Marienburg im Laufe der Jahrhunderte mehrfach den Besitzer und wurde im letzten Krieg wiederum vollständig zerstört – nur mit Ausnahme des Remters, der Bomben und Granaten heil überstanden hatte und weiter in makelloser Schönheit erstrahlt. Es ist wirklich als ob ein Wunder in ihm eingemauert wäre. Die neuen Herren haben die Marienburg aus den Ruinen neu erstehen lassen, nur am Remter brauchte kein Handgriff getan zu werden. Er ist ewig.

 


 

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