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Sagen aus Mecklenburg-Vorpommern

: Sagen aus Mecklenburg-Vorpommern - Kapitel 71
Quellenangabe
titleSagen aus Mecklenburg-Vorpommern
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Das Schloß der Jungfrauen

Nördlich des Memelufers erstrecken sich fünf Bergrücken, jeder vom anderen durch eine tiefe Schlucht getrennt. Der mächtigste von ihnen heißt Kaukarus. Sein Name leitet sich von dem litauischen Berggott ab, der hier in erhabener Einsamkeit thronte. Sein Volk siedelte auf den niederen Bergen, und ihre Burgen nahmen sich aus wie Knechte, die sich zu Füßen ihres Herrn hinducken. Wo heute Eichenwälder rauschen oder gar nur wildes Gestrüpp wuchert, blühten einst liebliche Gärten. An steinernen Altären wurde dem Gott Kaukarus geopfert.

In dem Schloß der Jungfrauen, das der Wohnung des Gottes am nächsten war, bereiteten sich die Töchter der edlen Geschlechter auf ihre späteren Pflichten als Gattin vor. Es war dem Jüngling untersagt, sich einem Mädchen in dessen Elternhaus werbend zu nähern. Erst im Schloß der Jungfrauen wurden bei Spiel und Tanz die Bande für das Leben geknüpft, und es war der Sinn dieser wundersamen Einrichtung, daß alle heiratslustigen Jünglinge unter allen heiratsfähigen Mädchen des Landes ihre Auswahl treffen konnten. Solches hat es sonst nirgend gegeben und zu keiner Zeit, und nirgendwo waren die Ehen so glücklich wie in Litauen unter der Herrschaft des Gottkönigs Kaukarus.

Aber das Schönste auf Erden ist zugleich auch das Vergänglichste. Es drangen die Deutschritter über die Memel vor, und der Kraft, die ihnen ihr Glaube und ihr Volkstum verlieh, waren die der Schönheit und Zärtlichkeit ergebenen Kinder des Kaukarus nicht gewachsen. Ihre Burgen fielen eine nach der anderen unter dem Angriff der Ordensstreiter. Doch kam es zwischen ihnen und den Litauern nicht zur letzten Schlacht, es waren die Heerscharen eines Gottes, der noch über dem Kaukarus stand und den bis dahin niemand gekannt hatte, die sich aus den Wolken heraus auf die Söhne des Kaukarus stürzten, als diese sich zum Gefecht wider die Deutschritter sammelten. Es wollte dieser Gott den Deutschrittern den Triumph verwehren und den Litauern die Demütigung der Niederlage durch das Kreuz ersparen, darum übernahm er es, den alten Glauben und die alte Herrschaft selbst zu vernichten. Gepanzerte Reiter stürzten vom Himmel herab, und da die Söhne des Kaukarus nicht untergehen wollten, entspann sich um die fünf Bergrücken eine furchtbare Schlacht. Schauerlich hallte es in den Schluchten wider vom Aufeinanderprall der Waffen, vom Wiehern der Pferde, vom Wehgeschrei der Getroffenen. Kaukarus selber, zu dem sie bisher gebetet hatten, reihte sich ein in die Schar der Kämpfer, und aus dem Gott wurde ein Mensch wie sie.

Und wer weiß wie diese Schlacht geendet hätte, wenn dem übermächtigen Gott nicht eine unbegrenzte Zahl von Streitern zur Verfügung gestanden wäre? Denn wie Kaukarus einen Vorteil gewann, rief er sogleich neue Heerscharen herbei, um seine Linien zu ordnen. Da griff Kaukarus zum letzten Mittel, das ihm zur Verfügung stand. Er erweckte die Toten, die auf jenem der fünf Berge, der der Schwarze Berg hieß, ihren letzten Schlaf taten, zum Leben und so kam es, daß alle litauischen Ritter des Gottes Kaukarus, die lebendigen und die toten, diese letzte Schlacht ausfochten. Die Deutschritter hatten in der Ferne angehalten und beobachteten das grausige Geschehen und haben die Kunde davon der Nachwelt überliefert. Die Schlacht verlagerte sich von den Höhen auf eine Ebene, und heute noch wächst dort kein Halm und kein Baum.

Wie die Schlacht auf dem Blachfeld hin und her wogte, da sahen die Krieger des Kaukarus wie aus dem Schloß der Jungfrauen steile Flammen emporstiegen. Die Mädchen hatten es selbst angezündet und mit brennenden Gewändern, von Flammen umzüngelt, schritten sie dem Abgrund zu. In ihn stürzten sich die lebendigen Fackeln hinab. Wie ihre Väter und ihre Brüder dies sahen, ergaben sie sich in ihr Schicksal. Ihre Waffen wegwerfend, ließen sie sich einer nach dem anderen niedermachen. Was wollten sie noch ohne Frauen, die das Leben schön und ewig machen?

Jedes Jahr zur Johannisnacht wiederholt sich die Geisterschlacht am Kaukarus. Schon am Abend kann man die Bergrücken in unheimlichem Lichtschein erglühen sehen. Mit Einbruch der Nacht erhebt sich ein Brausen und Tosen. Und wer Augen für das Überirdische und Geisterhafte hat, dem bieten sich die flammenumzuckten Umrisse des Schlosses der Jungfrauen dar und er vermag ihre Bewohnerinnen zu erblicken, wie sie lebenden Fackeln gleich sich in den Abgrund stürzen.

 


 

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