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Sagen aus Mecklenburg-Vorpommern

: Sagen aus Mecklenburg-Vorpommern - Kapitel 24
Quellenangabe
titleSagen aus Mecklenburg-Vorpommern
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Die arme reiche Frau zu Stralsund

In der Stadt Stralsund ist um das Jahr 1420 eine sehr schöne Jungfrau gewesen, die aber allein in der Welt stand, denn ihre Eltern waren ihr früh weggestorben. Dieselbe war ebenso reich als schön, hatte alles in Überfluß, freilich aber auch nie gearbeitet und war so üppig erzogen, daß sie sich täglich zweimal in kostbarem Ungarwein badete. Nachdem sie viele Freier abgewiesen, reichte sie dem Säckelmeister der Stadt, Wolflamm geheißen, ihre Hand. Sie feierten eine ungemein prächtige Hochzeit, bei welcher sieben ganzer Tage lang bankettiert wurde, allein die Armen gingen leer aus. In solcher Freude und Herrlichkeit ging es nun aber fort, jedoch dachte weder er noch sie daran, daß es einmal mit ihrem Reichtum auf die Neige gehen könne. Ehe es noch so weit kam, pochte an einem sehr kalten Wintertage ein alter armer Mann an ihre Türe und bat, starr vor um etwas warmes Essen. Es war gerade Essenszeit und aus den Silberschüsseln dampfte der Geruch von kostbaren Speisen dem Bettler in die Nase, die hochmütige Frau aber lachte ihm ins Gesicht, stieß mit dem Fuß ihn nach der silbernen Schüssel, aus der gerade der Haushund fraß, und sprach: »Hier kannst Du mit dem Hunde tafeln, der aus Silber seine Knochen verspeist, sie sind auch für Dich gut genug!« Da sah sie der Bettler zornig an und sprach: »Wehe Euch, Frau, mit derselben Hundeschüssel sollt Ihr nach wenigen Jahren noch betteln gehen, und dann wird man Euch so tun, wie ihr jetzt mir tut! « Das ließ sie sich aber nicht kümmern, sondern warf den alten Mann zur Türe hinaus, setzte sich mit ihrem Gemahl zur Tafel und aß und trank nach Herzenslust. Allein die Strafe folgte ihrem Frevel auf dem Fuße, sehr bald waren ihre Reichtümer vergeudet, und als ihr Gatte, der sich nicht an Sparsamkeit und ein einfacheres Leben gewöhnen konnte, sich an der Stadtkasse vergriff, um ihr schwelgerisches Leben fortzuführen, fiel er auf dem Bergener Kirchhof auf Rügen noch eher im Streit durch die Hand eines Herrn von Zaum, als sein Unterschleif an den Tag kam. Nun aber konnte er nicht länger verbogen bleiben, alle ihre Häuser, Felder und Gärten wurden ihr genommen, um den verursachten Schaden zu ersetzen, nichts ward ihr gelassen als ein kleiner Witwengehalt, allein dabei ward ihr zur Pflicht gemacht, wenn sie nicht auch das Wenige verlieren und aus dem Stadtgebiet gepeitscht sein wolle, mit jener silbernen Hundeschüssel, der einzigen, die sie von ihrer Habe behalten hatte, in die Häuser der Wohlhabenden ansprechen zu gehen und zu sagen, man solle doch der armen reichen Frau um Gottes Willen ein Stück Brot geben.

 


 

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