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Sagen aus Mecklenburg-Vorpommern

: Sagen aus Mecklenburg-Vorpommern - Kapitel 119
Quellenangabe
titleSagen aus Mecklenburg-Vorpommern
typelegend
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Die vier Rappen

Es lebte einst ein hartherziger Edelmann, ein rechter Leuteschinder, der nichts lieber tat, als seine Bauern und Tagelöhner an allen Ecken und Enden zu plagen und zu drücken. Eines Tages versetzte ihn ein geringes Vergehen seines braven Gärtners in den fürchterlichsten Zorn. Er schwur mit tausend Eiden, er wolle den Mann mit Hunden von seinem Hofe hetzen und ihn nie wieder zu Gnaden annehmen, wenn er ihm nicht den großen Baum vor dem Schloß innerhalb von zwei Stunden fällen und vor die Tür schaffen würde.

Der arme Gärtner weinte die bitterlichsten Tränen. Niemand durfte ihm helfen. Pferde oder Ochsen standen ihm nicht zu Gebote. Was sein Herr von ihm verlangte, war also ein Ding der Unmöglichkeit. Schon war eine Stunde vergangen, und immer noch saß der unglückliche Mann ratlos unter dem mächtigen Baum, als plötzlich ein Gefährt auf ihn zu fuhr, mit vier kohlschwarzen Pferden bespannt und von einem grauen Männchen mit einem langen Bart geleitet.

»Willst du den Baum mit oder ohne Wurzeln auf das Schloß gebracht haben ?« fragte der Graue. Doch ehe er noch die Antwort des Gärtners abgewartet hatte, holte er schon eine hölzerne Hacke hervor und schlug damit rund um den Stamm auf den Erdboden. Sogleich stürzte der Baum um, und nur ein Würzelchen haftete noch im Erdreich. »Die Wurzel mußt du durchschlagen, dazu bin ich nicht imstande«, hob das Männchen von neuem an. Der Gärtner gehorchte schweigend und schnitt sie mit der Axt durch.

Darauf ergriff der Graue den Baum mit beiden Händen, warf ihn auf den Wagen und trieb die vier Rappen an. Aber die Last war ihnen zu schwer, und sie konnten nicht von der Stelle. Hui, wie sausten da die Peitschenschläge auf ihre Schenkel und Nacken, und das half auch. Denn nun rasten die Tiere, indem sie helle Feuerflammen aus den Nüstern bliesen, mit dem Wagen den Berg hinauf und durch den Torweg auf den Schloßplatz, wo sie zitternd und bebend vor der Haustür haltmachten.

Der Schloßherr schaute gerade zum Fenster heraus, als dies geschah. Vor Schreck war er wie versteinert. »Schöne Pferde, nicht wahr?« rief das graue Männchen zu ihm hinauf. »Hier, die beiden sind dein Vater und deine Mutter, und die Vorderpferde, das sind deine Großeltern. Worin du und dein Weib euch nicht bessert, so werde ich wohl bald mit sechs Pferden fahren!«

Sprach's und verschwand, und mit ihm verschwanden die unheimlichen Rappen und der Wagen, so daß allein der entwurzelte Baum vor der Haustür noch an das Ereignis erinnerte.

Der Edelmann nahm sich die Sache zu Herzen und wurde von Stund an ein neuer Mensch. Dem Gärtner aber schenkte er seinen Hof zum freien Eigentum, und der war darauf glücklich und zufrieden sein Leben lang.

 


 

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