Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > >

Sagen aus Mecklenburg-Vorpommern

: Sagen aus Mecklenburg-Vorpommern - Kapitel 109
Quellenangabe
titleSagen aus Mecklenburg-Vorpommern
typelegend
created20020117
senderhille@abc.de
modified20170929
Schließen

Navigation:

Slomspetters

Im Algawischker Teich lebte ein immer zu Scherzen aufgelegter Wassergeist, niemand konnte da vorbeikommen, ohne von ihm mit Wasser oder Schlamm bespritzt zu werden. Slomspetters nannten ihn die Einheimischen auf ihr mundartliches Platt. Widerfuhr es aber einem Fremden, daß er pudelnaß nach Algawischk kam, dann wurde ihm gesagt: »Der Schlammspeier ist es gewesen.« Aber mit der Zeit wurde den Leuten der Schabernack des Slomspetters doch zu dumm, und sie mieden es, am Algawischker Teich vorbeizugehen. Das begann der Wirt, der seine freundliche Gaststätte am Weg vom Teich zum Ort betrieb, in seinem Beutel zu spüren. Da entschloß sich der Wirt, ein ernstes Wörtchen mit dem Neck zu reden, und es war ihm gleichgültig, ob der gescholtene Slomspetters am Ende vielleicht bösartig würde, denn so wie es jetzt bergab mit dem Geschäft ging, konnte es nicht weitergehen. Als er am Teich anlangte, empfing ihn sogleich eine gehörige Ladung Algawischker Schlamm.

Der Wirt ließ den Guß standhaft über sich ergehen und spähte scharf nach dem Schilf hinüber und richtig, da sah er auch schon den schlammigschmutzigen Burschen, den leeren Eimer noch in der Hand. »He, du«, rief er zu dem Neck hinüber, »was sollen denn die Späße. Ich bin der Wirt vom Weg nach Algawischk und bald ein ruinierter Mann, wenn du's so weitertreibst.«

Eine wohlklingende Stimme antwortete freundlich: »Oh, das tut mir sehr leid. Ich will ja nur mit den Menschen spielen, denn ich bin noch ein ganz junger Wassergeist. Aber alle laufen vor mir davon – so, als ob ich ein böser Neck wäre.«

»Tja, deine Späße sind etwas rauh, mein lieber Slomspetters. Die Mädchen möchten schon mit anderen Geschenken umworben werden als mit deinem fischigen Unrat, und auch die Burschen wissen etwas Besseres als ihren Sonntagsstaat zum Trocknen aufzuhängen, jedesmal, wenn du mit ihnen spielen wolltest.«

»Herrje«, machte Slomspetters, »ich dachte in meiner Dummheit, es machte euch Menschen Spaß, ein bißchen naß zu werden. Ich bitte sehr um Entschuldigung.«

Der Wirt dachte, er müsse den angeknüpften Faden weiterspinnen, um dem Slomspetters ein Versprechen abzunehmen, daß er in Hinkunft seine Gäste, wenn sie am Teich vorübergehen, in Ruhe lasse. So lud er ihn zu einem Kindstauffest in seiner Schenke für den nächsten Tag ein. Als die Taufgesellschaft sich versammelt hatte und von der Einladung an den Neck erfuhr, hätte sie am liebsten gleich wieder kehrt gemacht. Doch während man noch ratschlagte, ging die Tür auf, und ein schmucker Seemann trat ein. Er trug weite blaue Hosen, eine Marinejacke und ein keckes Käppchen über dem Ohr. Er hatte einen Korb erlesener Fische mitgebracht, wie sie nur selten an einem Angelhaken zappeln. Dies brachte er dem Täufling als Geschenk mit, wobei er »Petri-Heil« sagte. Doch spuckte er sodann verstohlen in eine Ecke, denn der Name des heiligen Petrus hatte auf seiner Zunge einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen.

Die Fiedeln spielten auf, und Slomspetters holte sich ein Mädchen zum Tanz. Die Hübsche zierte sich: »Hast mich ja ordentlich angesprüht neulich, einen Tanz von mir kriegst du nicht.«

Aber der Seemann ging es scharf an und legte der sich Sträubenden seinen Arm um die Hüften. Auch ein Verslein wußte er zu sagen:

»Am Algawischker Teich,
da ist das Himmelreich,
welche der Slomspetters küßt,
die schönste ist.«

Und dann küßte er sie, und sie fand, daß sein Kuß ein wenig feucht war, aber er gefiel ihr, und sie legten einen flotten Tanz auf die Bretter. Es kamen dann noch andere Mädchen dran, und zwischendurch setzte sich Slomspetters an den Männertisch und gab dort so prächtige Scherze zum besten, daß sich alles vor Lachen bog. Man war sich einig, daß dies die schönste Kindstauf' seit langem gewesen sei. Und fortan gabs kein Fest mehr im Dorf, zu dem nicht Slomspetters geladen wurde, da er sich hinfort auch in seinem Teich höchst manierlich benahm.

Auf einmal, vor gar nicht so langer Zeit, erreichte ihn kein Anruf mehr im Teich. Blutigrote Zeichen standen am Himmel. Ein Alter, der sich auf Geisterbeschwörung verstand, brachte es dann doch fertig mit Slomspetters ins Gespräch zu kommen. Seine Stimme klang jetzt traurig, auch rührte er sich nicht aus dem Schilf heraus. Und so gab Slomspetters kund: »Wenn's wieder so sein wird am Algawischker Teich, wie es früher einmal war, dann komm ich gern, eher nicht.«

 


 

 << Kapitel 108  Kapitel 110 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.