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Sagen aus Kärnten

: Sagen aus Kärnten - Kapitel 9
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titleSagen aus Kärnten
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Der Lindwurm im Wappen von Klagenfurt

Es gab einst eine Zeit, da war die Gegend zwischen Wörthersee und Drau ein wüster, sumpfiger Landstrich, Moos und dichtes Gestrüpp bedeckten den Boden, Ur und Eber hausten in der undurchdringlichen Wildnis, und keines Menschen Fuß betrat ungefährdet dieses unheimliche Gebiet. An den Hängen der Berge aber weideten fette Rinderherden, fröhliche Menschenkinder gingen dort ihrer täglichen Arbeit nach. Doch kam es oft vor, daß ein Rind aus der Herde spurlos verschwand, daß ein Mensch, der sich auf die Suche in jenes düstere Dunkel vorwagte, nicht mehr zu den Seinen zurückkehrte. ein unbekannter Feind mußte dort sein Unwesen treiben, mußte manchmal in die friedlichen Herden einbrechen und Tod und Verderben verbreiten. Zu Zeiten, besonders bei schlimmem Wetter, hörte man ein dumpfes Knurren, ein scheußliches Heulen aus der weiten Ebene, über der ein ewiger Nebel lastete. Vergebens hatte der Herzog des Landes geboten, den Sitz des geheimnisvollen Ungeheuers auszuforschen und es zu vernichten. Keiner wagte sich in die schauerliche Einöde, wo ein gräßlicher Tod auf ihn lauerte; Furcht und Entsetzen hielten alle zurück. Da beschloß man, das Untier aus seinem Schlupfwinkel herauszulocken.

Bald war auf der höchsten Stelle am Rande des Sumpfes ein fester, wohlbewehrter Turm errichtet, der weit in das Land Aussicht bot. »Wer es wagt«, ließ der Fürst dem Volke verkünden, »den Feind mit List oder Gewalt aus dem Weg zu räumen, dem soll reicher Lohn zuteil werden. Der Turm und alles Land, das der gefräßige Zahn des Ungeheuers jetzt beherrschte, sei sein Eigentum. Er sei sein eigener Herr, und wäre es auch ein Sklave.« Da erbot sich ein mutiges Häuflein von Knechten, den Kampf mit dem Feind aufzunehmen. Ein feister Stier wurde mit einer starken Kette am Turm befestigt, ein mächtiger Widerhaken daran angebracht. Weithin erscholl das Gebrüll des unwilligen Bullen. Bald erhob sich ein Getümmel im Sumpf, hochauf spritzte die Gischt, und ein scheußlicher Lindwurm schoß aus dem Neben hervor. Geflügelt und panzerbewehrt mit unheimlich glotzenden Augen, Dampf aus den Nüstern schnaubend, bot das Ungetüm einen scheußlichen Anblick. Pfeilgeschwind sauste es auf den ängstlich zurückweichenden Stier los, schlug seine grimmigen Krallen in dessen zitternde Flanken, und der ungeheure Rachen erfaßte die willkommene Beute. Da bohrte sich das gekrümmte Eisen in den weichen Gaumen des Drachen und riß eine gräßliche Wunde. Von rasenden Schmerzen gepeinigt, erhob das Ungeheuer ein entsetzliches Gebrüll, schlug mit dem Schwanz um sich, daß der Schlamm himmelhoch aufspritzte und grub in wildem Toben seine scharfen Krallen tief in den Bauch des verendenden Rindes. Laut riefen die Knechte: »Rasch heran, wir wollen das scheußliche Vieh töten, ehe es loskommt!« Mutig sprangen sie vor und erschlugen es mit eisernen Keulen.

An der Stelle, wo der Kampf mit dem Drachen stattfand, erhob sich bald ein friedliches Dörfchen; der Herzog aber erbaute sich dort eine schützende Burg. Nachdem der schreckliche Feind vernichtet war, wagte man es auch, in den Sumpf vorzudringen. Das Gestrüpp wurde gerodet, das Wasser abgeleitet und der Boden trocken gelegt. Bald zog der emsige Pflug seine Furchen über das fruchtbare Land. Aus dem Dörfchen aber wurde allmählich eine bevölkerte Stadt. So entstand die nachmalige Hauptstadt des Landes, Klagenfurt. Zur Erinnerung an den Kampf mit dem Untier wurde der besiegte Lindwurm mit dem schützenden Turm in das Wappen der Stadt aufgenommen; das Standbild des Ungetüms aber prangt, in Schiefer gehauen, auf dem Neuen Platz. Noch vor etwa hundert Jahren zeigte man im Archiv des Rathauses den Kopf des Lindwurms, an einer Kette hangend. An der Straße beim Zollfeld aber konnte man eine etwa fünfhundert Schritt lange und zwanzig bis dreißig Schritt breite Vertiefung sehen, in der der Lindwurm sein Lager gehabt haben soll.

 


 

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