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Sagen aus Kärnten

: Sagen aus Kärnten - Kapitel 23
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Kloster Viktring

Zu Beginn des 12. Jahrhunderts hatte sich Graf Heinrich von Sponheim, ein untadeliger Jüngling aus hohem kärntnerischem Adel, nach Paris begeben, um sein Wissen an der Sorbonne zu bereichern. Der schöne, mit allen ritterlichen Tugenden ausgezeichnete Jüngling fand am französischen Hof gastliche Aufnahme und gewann sich rasch die Gunst König Ludwigs VI. und seiner Gemahlin Adelaide. Heinrich wandte seine Neigung bald der sechzehnjährigen Königstochter Konstanze zu, die die bewundernden Blicke des jungen Grafen mit holdem Erröten erwiderte. Als am Hof einmal ein großes Fest gefeiert wurde und Konstanze der Turnierordnung gemäß ihren Ritter wählen sollte, nannte sie mit zitternder Stimme Heinrich von Sponheim und schlang ihm mit bebender Hand die weiß und blau schimmernde Schärpe um die Schultern.

Mißgunst und Neid bemächtigten sich der übrigen Adeligen über diese Auszeichnung, die dem simplen kärntnerischen Ritter zuteil wurde. Man glaubte, im Kampfspiel mit seiner zarten, schmächtigen Gestalt im Handumdrehen fertig zu werden und ihn dadurch zum Gegenstand des allgemeinen Spottes zu machen. Aber Heinrich zeigte in den Schranken, daß er ein Meister der ritterlichen Künste war. Einen riesigen normannischen Ritter warf er binnen kurzem in den Sand, so daß der Adeligen mehr wagte, ihn zum Kampf aufzufordern. Der erste Preis fiel ihm zu: ein edelsteingeschmücktes Bild des Königs, das an einer goldenen Kette hing.

Tanz und Festmahl schlossen sich an die ritterlichen Spiele. Während sich alle frohgestimmt den Freuden des Mahles hingaben, ertönten plötzlich Rufe des Schreckens und Jammers. Ein Brand war in der Nähe des königlichen Schlosses ausgebrochen und hatte mehrere Häuser ergriffen. Aber da für das Schloß keine Gefahr bestand, beruhigte man sich bald, und keiner der Ritter und Adeligen ließ sich in seiner Festesfreude stören. Nur Heinrich eilte, durch einen bittenden Blick Konstanzens bewogen, zur Unglücksstätte, wo seine klugen, sicheren Anordnungen der herrschenden Verwirrung bald ein Ende setzten und zur Eindämmung des Brandes beitrugen. Im Bestreben, Jammer und Verzweiflung zu lindern, hatte er die Barschaft, die er bei sich trug, bald verausgabt und wollte eben an den königlichen Hof zurückkehren, als laute Hilferufe an sein Ohr schlugen.

Mutig drang er in das brennende Gebäude, woraus die Rufe erschallten, und fand eine Mutter mit ihren drei Kindern dem Erstickungstod nahe. Bald waren sie alle gerettet, die ihre ganze Habe verloren hatten. Um die Frau aber der ärgsten Not zu entheben, warf ihr Heinrich die goldene Kette in den Schoß, die er soeben als Siegespreis errungen hatte.

Der Ruf seines mutigen Rettungswerkes gewann ihm neuen Ruhm, vermehrte aber auch den Neid und das Übelwollen der andern. Im Schloßgarten traf er die Prinzessin, die ihm mit einem zärtlichen Blick seine unerschrockene Tat dankte. Er aber warf sich in banger Beklemmung ihr zu Füßen und bekannte, daß er den eben errungenen Preis, von heißem Mitleid bewogen, an hilflose Arme weggegeben habe. Da hieß sie ihn lächelnd aufstehen, gewährte Verzeihung und reichte ihm zum Ersatz das kostbare goldene Kreuz, mit funkelnden Diamanten geschmückt, das sie selbst auf der Brust getragen hatte.

In diesem Augenblick erschallte in der Nähe ein grelles Hohngelächter. Die Neider des Sponheimers waren ihm in den Garten gefolgt, hatten den Kniefall des Grafen und die Überreichung des Kreuzes durch die Prinzessin gesehen und verleumdeten den Jüngling nun in abscheulicher Weise, als habe er der Prinzessin nachgestellt. Vergebens beteuerte er seine Unschuld. Das Urteil des Ehrengerichts lautete: Heinrich von Sponheim muß waffenlos mit einem Löwen kämpfen; unterliegt er, so ist die dem Königshaus angetane Schmach gesühnt, im Falle des Sieges ist seine Unschuld erwiesen. Am dritten Tag sollte das Gottesgericht stattfinden.

Mutig sah der Jüngling dem Kampf entgegen. Im Traum war ihm die Himmelskönigin erschienen und hatte schützend ihren Mantel um ihn gebreitet. Zur festgesetzten Stunde betrat er ruhig und unverzagt den Zwinger.

Mit schrecklichem Gebrüll stürzte sogleich ein hungriger Löwe auf ihn los, und alle Zuschauer hielten den Jüngling für verloren. Aber Heinrich drückte das goldene Kreuz an seine Lippen, ergriff dann die Pranken des wütenden Tieres und warf es zu Boden. Während die Menge von Furcht und von Staunen zugleich wie gebannt dem wunderbaren Geschehen zusah, führte der Jüngling das winselnde Tier in seinen Käfig und ließ das Gitter herab. Vielstimmiger Jubel ertönte, als der Sponheimer so dem drohenden Tod entgangen war; der Himmel hatte seine Unschuld bewiesen. Im Triumph wurde er vor das Königspaar geführt, wo ihn die glückliche Konstanze mit offenen Armen erwartete. Aber Graf Heinrich erklärte, der Welt für immer entsagen und sein Leben der Himmelskönigin weihen zu wollen. Er trat in den Orden der Zisterzienser und war schon nach wenigen Jahren Abt des Klosters Villars in Lothringen.

In Kärnten lebte zur damaligen Zeit ein Oheim des Abtes Heinrich, Graf Bernhard von Sponheim, dessen einziger Sohn Mönch zu St. Paul geworden war. Von dem Wunsch beseelt, auf seinen reichen Besitzungen ein Kloster zu gründen, wandte sich der Graf an seinen Neffen Heinrich mit der Bitte, ihm einige Mönche zu senden. So kamen im Jahre 1142 die ersten durch Wissen und Kunstfertigkeit ausgezeichneten Zisterzienser nach Kärnten. Graf Bernhard wies ihnen ein Grundstück an, wo sie sich ihre Heimstätte erbauen sollten, und beschenkte sie mit vielen Gütern. Das neuerbaute Kloster nannte er Viktring, das heißt Siegeskloster, zum Andenken an den siegreichen Kampf, den Heinrich von Sponheim am französichen Hof mit einem Löwen ausgefochten hatte.

Als der Bau des Klosters nach im Gang war, währte der Sage nach dem Abt die Arbeit am äußeren Verputz des Gebäude zu lange, das von hervorragender Schönheit sein sollte. Er versprach dem italienischen Baumeister hundert Dukaten, wenn er das Werk noch vor Ablauf des Sommers vollende.

In der Nähe des Baues stand eine Bretterhütte, in der die Arbeiter ihre Geräte verwahrten; auch eine Kammer war drinnen; diese diente dem Meister gelegentlich zum Aufenthalt. Hunderte von Arbeitern waren beim Bau geschäftigt, die der Italiener, durch die Aussicht auf den reichen Lohn bewogen, eifrig zur Arbeit antrieb. Sooft ein Gewitter am Himmel stand oder Regenwetter drohte, das die Arbeit verzögern oder das noch weiche Mauerwerk abwaschen konnte, eilte der Baumeister in seine Kammer und hielt sich kurze Zeit drin auf. Wenn er dann wieder zum Vorschein kam, hatte sich das Gewitter verzogen, und der Regen blieb aus. So herrschte immer prächtiges Wetter, und die Bauarbeit schritt rüstig vorwärts. Weniger zufrieden mit dem ewigen Schönwetter war der arme Landmann; denn sein Korn und sein Gras verbrannten zu Staub, und Mensch und Vieh drohte bittere Hungersnot.

Unterdessen war es einer armen Taglöhnerin, die unfern der Bauhütte Mörtel abrührte, aufgefallen, daß der Baumeister jedesmal beim Herannahen eines Unwetters in der Kammer verschwand und darauf der Regen sogleich in eine andere Richtung abzog. Als eines Tages wieder ein Gewitter drohte, verbarg sich die Frau nächst der Kammer des Meisters und beobachtete nun, wie dieser eine breiartige Masse nach einer bestimmten Richtung umrührte. Sogleich teilten sich die Wolken, und die Sonne lachte wieder am Himmel. Kaum hatte sich der Mann entfernt, so eilte sie in die Kammer und rührte den Brei wieder zurück. Da kehrte das Gewitter um, entlud sich mit großer Heftigkeit über der Gegend, und ein Blitzstrahl streckte den Zauberer tot zu Boden.

Mehrere hundert Jahre waren seit der Gründung des Klosters verstrichen, der Segen des Herrn hatte auf der Stätte des Friedens geruht, da drangen die wilden, kriegerischen Scharen der Türken ins Land, brachten Unheil und Verderben mit sich und näherten sich durch das Drautal auch dem Kloster Viktring. Sie verübten schädliche Greueltaten, plünderten das Kloster, und so ward »Vikting« zur Ruine.

 


 

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