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Sagen aus Kärnten

: Sagen aus Kärnten - Kapitel 18
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titleSagen aus Kärnten
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modified20170929
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Die salige Frau im Rosental

In ganz Kärnten ist im Volk der Glaube an die saligen oder weißen Frauen, auch Salaweiber genannt, verbreitet, hehre, lichte Gestalten, die in Felshöhlen, auf den Bergen oder in Gewässern wohnen und gern mit den Menschen verkehren, um ihnen ohne Lohn in Haus und Feld behilflich zu sein.
Zu einem reichen Bauern im Rosental, der einen erwachsenen Sohn hatte, kam einst täglich eine salige Frau, half fleißig bei der Arbeit mit und legte sich abends in einer Kammer zu Bett. Eines Morgens trat die Bäuerin in das Gemach, wo die Sallge noch friedlich schlummerte. Die langen blonden Haare der fremden Frau hingen aufgelöst über den Bettrand auf den Boden herab. Gerührt von diesem Anblick, nahm die Bäuerin die wundervollen Haare und legte sie leise, um die Schlafende nicht zu wecken, auf die Bettdecke. Doch das Salaweib erwachte und sprach tief bekümmert: »Mutter, warum habt Ihr das getan? Jetzt muß mich Euer Sohn heiraten!«
Die Bäuerin wußte nicht recht, was sie von der Sache halten solle, doch da der Bauer nichts gegen die Heirat einzuwenden hatte und dem Sohn die wunderschöne Frau gar wohl gefiel, wurde nach kurzer Zeit Hochzeit gehalten. Bevor der Brautzug zur Kirche aufbrach, sprach die fremde Maid: »Eines müßt ihr mir aber versprechen: Ihr dürft mir nie etwas widerraten noch über eine Tat, die ich etwa begangen habe, Unwillen äußern oder mich gar dafür schelten; geschieht dies, so ist meines Bleibens bei euch nicht länger.« Der glückliche Bräutigam sowie die Eltern gelobten gern, was die Fremde verlangte.
Der junge Bauer hatte seine Wahl nicht zu bereuen. Das Salaweib wurde eine brave, tüchtige Hausfrau, die früh und spät mit nie erlahmendem Eifer alle Arbeiten in Haus und Feld verrichtete. Alles gedieh unter ihren Händen. Wie groß aber war erst das Glück des jungen Bauern, als ihm seine Gattin zwei herzige Kinder schenkte, einen stillen, besinnlichen Knaben und ein munteres Mädchen. Beide Kinder gediehen prächtig an Körper und Geist und waren der Stolz und die Freude des glücklichen Vaters.
Eines Tages ging die Mutter mit den Kindern über die Draubrücke. Als sie mitten auf der Brücke waren, packte die Sallge das fröhliche dahinspringende Mädchen und warf es, ohne ein Wort zu verlieren, über das Geländer in den hochgehenden Fluß, wo es bald in den schäumenden Wellen verschwand. Unsägliches Entsetzen ergriff die Hausbewohner, als der Knabe die furchtbare Tat seiner Mutter erzählte. Jammer und Wehklagen erfüllte das Haus, namentlich die Großmutter des Kindes gebärdete sich wie unsinnig, da sie nicht zu fassen vermochte, wie eine Mutter ihr eigenes Kind, das allen so lieb gewesen war, einem so gräßlichen Tod überliefern konnte. Sie geriet darüber schließlich in derartigen Zorn, daß sie ihre Schwiegertochter ein herzloses, grausames Weib schalt. Da senkte sich tiefe Trauer auf das Antlitz der gebrochenen Mutter herab, und sie sagte: »Nun habt ihr mich gescholten; so darf ich denn nicht länger bei euch bleiben. Lebt wohl! Ich muß das Haus jetzt verlassen.« Mit müden Schritten wankte die Salige davon, den Gatten in trauriger Betrübnis zurücklassend.
Mutterlos wuchs der Knabe heran. Sein stilles und ernstes Benehmen und seine Klugheit bestimmten den Vater, ihm das erbetene Studium zu gewähren. Später wandte sich der Sohn dem geistlichen Beruf zu; aus dem Bauernjungen wurde ein Priester. Schon nahte der Tag, an dem der junge Geistliche sein erstes Meßopfer feiern sollte; glücklich und stolz erwartete der Vater das Fest, an dem das ganze Dorf Anteil nahm. Der Sohn saß freudestrahlend, aber still in sich versunken an der Festtafel, die im Elternhaus bereitet war. Da erschien plötzlich eine herrliche Frauengestalt in dem festlich geschmückten Raum, trat zu dem jungen Priester und überreichte ihm einen großen goldenen Apfel mit den Worten: »Nimm dies als Festgabe deiner Mutter! Deiner Schwester geht es gut. Sie wäre ein leichtfertiges Ding geworden, wenn sie länger gelebt hätte. Ein früher Tod ist besser als ein Leben in Schande und Schuld; deshalb habe ich sie damals in den Fluß gestoßen.« Nach diesen Worten verschwand die Frau.
Es war das letzte Mal, daß sie sich den Ihrigen zeigte; niemals kehrte sie mehr in das Haus zurück.

 


 

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