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Sagen aus Hessen

: Sagen aus Hessen - Kapitel 89
Quellenangabe
titleSagen aus Hessen
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Das Schicksalsstübchen auf dem Burgberg

Zwei Knaben hatten sich im Eifer der Jugend bis an die Ruinen einer alten Ritterburg hinaufgespielt und suchten dort zwischen Brombeerranken und moosigen Felstrümmern ihr Versteck. Noch atemlos vom Aufstieg entdeckten sie eine eisenbeschlagene Pforte unter einer halbverschütteten Treppe, nahmen sich ein Herz und hängten sich an die schwere Klinke. Knarrend wich die Tür ihrem vereinten Druck, und während sich ihnen das Netz einer Spinne über Gesicht und Haare klebte, traten sie beklommenen Mutes in den dämmerigen Raum. Hier fanden sie alles so überraschend niedlich und wohlgeordnet, von der dunklen Holzdecke bis zu den Truhen, steifen Stühlen und bunten Fensterscheiben, daß sie auch beim Anblick der Frau, die weiß gekleidet am Spinnrad saß, kein Grauen empfanden.

Die Gestalt winkte die Knaben freundlich heran, fragte sie nach ihren Eltern, wobei sie mitleidig nickte, als sie vom frühen Tod des Vaters hörte; denn die Knaben waren die Söhne einer armen Witwe. Zutraulich erzählten sie von der häuslichen Armut und von dem fleißigen Tagewerk der Mutter, von Schule, Dorf und ihren kleinen Abenteuern, daß die Alte recht ihre Freude daran hatte. So schenkte sie denn jedem zum Abschied eine Handvoll Flachsknoten, strich ihnen über die blonden Schöpfe und hieß sie mit freundlichem Gruß wieder gehen.

Es war spät geworden, und die Mutter hatte schon sorgenvoll in der Haustür gestanden, als die Jungen endlich, noch ganz erfüllt von dem seltsamen Vorfall in der alten Burg, der Mutter schmeichelnd um den Hals fielen. Sie erzählten ihr das wunderbare Erlebnis und zeigten die schönen Samenknöpfe. Die Mutter ahnte gleich, welche Bewandtnis es mit diesen Gaben habe, und verschloß das Geschenk der Frau Holle in ihrer Lade.

Am nächsten Morgen waren die Knoten in lauter blanke Dukaten verwandelt. So arm die Frau auch war, dies Geld legte die sorgsame Mutter zurück; denn ihre Jungen sollten einmal was Rechtes damit beginnen.

Solcherart hatten die Brüder bisher ein gleiches Geschick. Aber sie waren doch allzu verschieden geartet. Der ältere strebte einem ehrsamen Handwerk zu und lernte seinem Meister mit Fleiß die Geheimnisse seiner Kunst ab. Der jüngere machte sich lieber bequeme Tage. So kam die Zeit der Wanderschaft heran. Der ältere ließ sein Vermögen zu Hause in Mutters Kasten, tat sich fleißig in der Welt um, lernte noch manchen Kunstgriff in seinem Handwerk dazu, war tüchtig und sparsam und kehrte drei Jahre später geachtet als Meister zurück.

Der jüngere Bruder zog auch in die Welt, steckte aber das Gold der Frau Holle in die Tasche, lebte auf großem Fuß und hatte sein Geld bald in lustiger Gesellschaft vertan. Als er dann unbelehrt zurückkam, dachte er: »Gleich gehst du wieder ins Schicksalsstübchen und holst dir Nachschub,« lief auf den Burgberg, suchte in allen Winkeln die verborgene Kammer, rief nach der Spinnerin und wollte und wollte nicht unbeschert weichen. Als er aber gar nicht aufhörte mit seinem Bettelgeschrei, knallte ihm plötzlich eine Backpfeife in das Gesicht, daß ihm alle Sinne vergingen und er den Abhang hinunterkollerte. Zu Hause erschien ein roter Fleck auf der geschlagenen Wange; der wollte vor keiner Seifenlauge vergehen und hat sich auch auf Kinder und Kindeskinder fortgeerbt als ein Zeichen der Torheit.

 


 

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