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Sagen aus Hessen

: Sagen aus Hessen - Kapitel 81
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titleSagen aus Hessen
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Doktor Aphrasterus

Doktor Aphrasterus war ein grundgescheiter Mann. Seine Kunst und sein Wissen hatte er sich auf folgende Weise angeeignet: Er wanderte einmal im Walde umher; da hörte er unter einem Baum ein klägliches Wimmern und Stöhnen. Verwundert sah er nach, was das sein könne, fand aber nichts. Endlich schien es ihm, als töne die Stimme aus der Erde hervor, und als er mit seinem Stock ein wenig herumstocherte, kam eine Flasche zum Vorschein; darin stöhnte es kläglich. Neugierig öffnete Aphrasterus die Flasche. Gleich drang ein weißer Rauch heraus, der immer dichter wurde, und als er entwichen war, sprang aus dem Rauch ein riesiger Kerl, der schrie: »Jetzt bist du mein!«

Der Doktor Aphrasterus ließ sich aber nicht erschrecken, sondern sprach: »Jawohl, das bin ich, wenn du mich alle Zauberkunst der Welt lehren willst.«

»Da hast du sie«, rief der Riese und warf ihm ein paar Zauberbücher vor die Füße.

»Du bist ein drolliger Kauz« meinte der Doktor, »ich möchte nur wissen, wie du in die Flasche hast kriechen können.«

»Du hast ja gesehen, wie ich herauskam«, erwiderte der Kerl.

»Das warst du nicht, das war nur Dampf und Rauch«, widersprach der Doktor.

»Ich will dir's noch einmal vormachen«, entgegnete der Kerl grinsend und wurde wieder zum Rauch, der in die Flasche schlüpfte.

Nun war aber der Doktor rasch zur Hand, setzte den Stöpsel auf die Flasche und drückte sie so tief, als er nur konnte.

Er kümmerte sich auch nicht um das klägliche Geschrei des Kerls, der in der Flasche steckte. Darauf packte Aphrasterus die Zauberbücher zusammen und eilte nach Hause. Nun lernte er bald das Goldmachen, das Verwandeln und viele andere zauberhafte Dinge, die ihn zu einem reichen, angesehenen Mann machten. Eine Kunst, die er jetzt wußte, war ihm besonders lieb: er konnte sich nämlich gegen alles Gift sichern und dadurch am Leben erhalten. Oft sagte er zu seinem Diener: »Es gibt nur ein Gift, das mich töten kann, das ist das Magnetgift.«

Lange Zeit lebte Doktor Aphrasterus hoch angesehen in Ruhe und Frieden. Doch eines Tages kam ein anderer Zauberer in die Stadt, mit dem er bald in Streit geriet. Da suchte der Fremde ihn auf alle mögliche Art zu vergiften, aber Aphrasterus lachte darüber, trank und aß all das Gift wie den besten Wein und die schmackhafteste Speise. Endlich, als kein Mittel dem Doktor ans Leben ging, brachte ihm sein Gegner heimlich, ohne daß der Doktor etwas davon merkte, das Magnetgift bei. Aphrasterus spürte es bald in seinen Eingeweiden; da griff er zu seiner Pistole, lud sie mit einer Kugel und schoß sie durch das Fenster ab. Sodann rief er seinen Diener und sprach:

»Lauf schnell an das andere Ende der Stadt, wo der Zauberer wohnt, und frage, wie es ihm geht.«

Der Diener eilte so rasch er konnte und brachte die Antwort zurück, der Zauberer sei von einer Kugel getroffen worden, man wisse aber nicht, wer es getan habe.

»Ich will dir sagen, wer es war: ich hab's getan«, sprach Aphrasterus und gab dem Diener seine Zaubermixturen mit dem Befehl sie in den Rhein zu werfen, denn er fühlte sich seinem Ende nahe.

Der Diener ging wohl an den Rhein, warf aber die Gläser nicht ins Wasser, sondern steckte sie ein, um später von der Kunst seines Herrn zu profitieren.

Als er zurückgekehrt war, fragte der Doktor: »Hast du alles ins Wasser geworfen?«

»Ja«, antwortete der Diener.

»Was hast du denn an dem Wasser bemerkt?«

»Nichts«, sagte der Diener.

»Willst du wohl schnell die Gläser ins Wasser werfen, oder möchtest du, daß ich dich erschieße, wie ich jenen Zauberer erschossen habe?« rief der Doktor in höchstem Zorn.

Da lief der Diener, was er laufen konnte, an den Rhein und warf die Gläser in das Wasser, das sogleich unruhig wurde und gewaltige Wellen zu schlagen begann. Als der Mann dies seinem Herrn meldete, lobte er ihn und schenkte ihm soviel Geld, daß der Diener auf Lebenszeit genug daran hatte. Zwei Stunden später hatte Doktor Aphrasterus sein Leben beendet.

 


 

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