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Sagen aus Hessen

: Sagen aus Hessen - Kapitel 80
Quellenangabe
titleSagen aus Hessen
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Die Zauberpfeife

In der Gegend von Lorsch, da wo jetzt der Seehof steht, lag vor Zeiten ein großer See. Die rings gelegenen Dörfer traf einst eine arge Plage, ein Emsenregen, der so dicht war, daß die Felder von Ameisen wimmelten und in wenigen Tagen kein grünes Hähnchen mehr zu sehen war. Die Bewohner wandten sich in ihrer Not an den Bischof von Worms, daß er durch seinen Segen und sein Gebet die Plage abwende. Der Bischof hieß sie in Prozession die Felder durchwandeln und Gott um Abwendung der Plage anflehen. Dies geschah. Als aber die Prozession in der Nähe des Sees an einem Feldaltar stillehielt, da trat ein Einsiedler in die Reihen und sprach: »Mich schickt der Herr zu euch, und wenn ihr gelobt, zu tun wie ich euch sage, dann sterben die Einsen im nächsten Augenblick. Gebt mir, jedes Dorf, welches die Plage traf, hundert Gulden; ich werde davon dem Herrn eine Kapelle bauen.« Das gelobten alle gern und willig und sogleich zog der Einsiedler ein Pfeifchen aus seiner Kutte und pfiff. Da flogen alle Ameisen herbei, so daß sich der Himmel von ihnen verdunkelte, und bald standen sie wie ein schwarzer Turm vor dem Einsiedler, der sie mit einem letzten Pfiff sämtlich im See versenkte. Als aber der Einsiedler zu den Gemeinden kam und den Gotteslohn verlangte, da schrien sie, er sei ein Zauberer und verdiene eher, verbrannt zu werden. So machten es alle zehn Dörfer, doch das schreckte ihn nicht. Er sagte ihnen kurz, sie würden ihre Strafe schon erhalten. Als er aber am letzten Haus des letzten Dorfes war, zog er sein Pfeifchen aus der Kutte und pfiff und siehe da, die Schweine der ganzen Gegend brachen unwiderstehlich aus Stall und Hof und folgten dem Einsiedler, der so rückwärts die Runde in den zehn Dörfern machte, ohne daß jemand gewagt hätte, ihn zu halten oder auch nur ein Wort an ihn zu richten. So führte er die Herde bis zum Lorscher See, wo er mit ihr verschwand.

Im nächsten Jahr verheerte ein Grillenregen die ganze Gegend. Da sahen die Bauern wohl ein, wie groß ihre Sünde gewesen und sie wandten sich wieder an den Bischof von Worms um Rat und Tat, doch dieser wollte nichts mehr mit ihnen zu schaffen haben und sagte, sie hätten die Strafe wohl verdient. Von neuem gingen sie in Prozession durch die Felder, um durch Gebet den Zorn des Himmels zu versöhnen. Als sie so am Lorscher See anlangten, da kam ein Köhler vom Gebirge daher, neigte sich tief vor dem Venerabile und sprach zu der Menge gewandt: »Die Strafe, die euch getroffen hat, wird alsbald von euch genommen sein, so ihr mir gelobt, daß jedes Dorf mir fünfhundert Gulden zum Bau eines Klosters zahle.« Damit waren die Dörfer gern einverstanden und sie gelobten es feierlich. Zugleich langte der Köhler ein Pfeifchen aus dem Sack und pfiff und überall erhoben sich die Grillen und folgten ihm nach dem Tannenberg, wo bald ein riesiges Feuer sie sämtlich verzehrte. Doch als der Köhler seinen Gotteslohn forderte, erging es ihm in allen zehn Dörfern nicht besser als dem Einsiedler; er erhielt nicht einen roten Heller. »Nun, wie ihr wollt«, sprach er ruhig und setzte sein Pfeifchen wieder an und hinter ihm her zog alles Wollenvieh der ganzen Gegend und die Bauern standen wie gebannt, so daß keiner ein Wort wagte. Er aber zog zum Lorscher See, wo er mit der Herde verschwand.

Das folgende Jahr kam und mit ihm ein solches Heer von Mäusen, als ob sie vom Himmel geregnet wären. Nun wo wieder Not am Mann war, konnten die Bauern auch wieder beten und bereuen und die Felder flehend und klagend durchziehen. Als die Prozession wieder am Lorscher See hielt, stand plötzlich ein Bergmännchen in ihrer Mitte, das sprach: »Ich will die Plage schnell von euch nehmen, aber dafür muß jedes Dorf mir tausend Gulden zahlen. Und wenn ihr denn euer Geld nicht Gott zulieb geben wollt, so gebt es wenigstens für euren eigenen Nutzen. Ich baue euch dafür einen Damm an der Bergstraße von Hendesheim (Handschuhsheim bei Heidelberg) bis Ramstadt, so daß die Gebirgswasser euren Fluren ferner nicht mehr schaden können.« Wie schnell die Bauern wieder mit ihrem Eide waren! Ebenso schnell griff auch das gelbe Bergmännchen nach dem Pfeifchen und dem Pfiff folgten die Mäuse zu Millionen. So ging's nach dem Tannenberg, der sich öffnete und als er sich wieder schloß, war weder vom Bergmännchen noch von den Mäusen eine Spur zu sehen. Aber Undank ist der Welt Lohn und den erntete das Bergmännchen nicht weniger als der Köhler und der Einsiedler; doch ließ es wie jene die Strafe auch auf dem Fuße folgen, und was war das für eine Strafe! Als es wieder pfiff, da folgten ihm alle Kinder, selbst bis zu den Säuglingen, die sich von der Brust der Mütter losrissen und hinter ihm drein trippelten. Als der Zug am Tannenberg anlangte, öffnete sich ein großes Felsstück, das Bergmännchen trat in den Berg, die Kinder mit ihm und der Felsen schloß sich wieder und nie sah man mehr eine Spur von den Kindern. Da waren die Bauern mürb, sie trugen, um nicht im nächsten Jahr eine neue Züchtigung zu erfahren, schnell das Geld zusammen und schickten es dem Bischof gen Worms. Seitdem erfuhren sie keine derartigen Plagen mehr.

 


 

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