Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > >

Sagen aus Hessen

: Sagen aus Hessen - Kapitel 78
Quellenangabe
titleSagen aus Hessen
typelegend
created20020117
senderhille@abc.de
modified20170929
Schließen

Navigation:

Abwesender zitiert

Es lebte einst ein Graf von Erbach, der einen gar klugen Kanzlei-Direktor hatte. Derselbe vermaß sich eines Tages gegen seinen Herrn, daß er Tote und Lebendige zu zitieren verstehe. Als ihn der Graf aufforderte, ihm eine Probe seiner Kunst abzulegen, sagte er, einen Toten wolle er nicht zitieren, weil das zu schrecklich sei, doch wenn er einen weit entfernten Freund oder Bekannten habe, den er einmal zu sehen wünsche, so wolle er ihn bald zur Stelle geschafft haben. Der Graf ließ alle Türen und Ausgänge des Schlosses besetzen, mit dem strengen Befehl, niemanden einpassieren zu lassen, und teilte dann dem Kanzlei-Direktor mit, daß er seinen ehemaligen Jäger zu sehen wünsche, einen gar treuen, redlichen Menschen, der ihm lange und gut gedient habe und jetzt zweihundert Stunden von hier in Lothringen wohne. Der Kanzlei-Direktor bat den Grafen, sich in einen Kreis zu stellen, den er mit Kohle auf dem Fußboden gezogen hatte, und fing dann an, sein Wesen zu treiben. Plötzlich ging die Tür auf und derjäger kam herein -nicht mit langsam abgemessenen geisterhaften Schritten, sondern rasch, munter und lebhaft, wie es von )eher seine Art gewesen. Er machte dem Grafen die gebührende Reverenz und sagte, daß er sich gar sehr freue, seinen ehemaligen Herrn einmal wieder zu sehen. Aber gerade diese anscheinend so natürliche Art der Erscheinung erfaßte den Grafen mit eisigem Grauen, er erwiderte nichts und wurde totenbleich. Schnell fing der Kanzlei-Direktor wieder seine Künste an, der Jäger machte wieder seine Reverenz, empfahl sich gehorsamst und machte die Tür mit vielem Geräusch hinter sich zu. Am gleichen Tag noch schrieb der Graf nach Lothringen an seinem Jäger und fragte ihn, wie es ihm in der letzten Zeit gegangen sei? Sehr erfreut darüber, daß sein alter Herr sich seiner noch in Gnaden erinnere, erwiderte er, daß es ihm in der letzten Zeit, wie in jeder Beziehung so auch mit der Gesundheit, recht gut gegangen sei, nur an dem und dem Tag, zu der und der Stunde habe ihn mitten im Wald plötzlich eine so unerklärlich starke Schlafsucht befallen, daß er am Fuß eines Baumes umgesunken sei und dort eine Stunde lang bewußtlos gelegen habe. Wenn man nun weiß, daß der Jäger zehn Minuten lang bei dem Grafen war, so kann man hiernach leicht ausrechnen, wieviel Zeit ein zitierter Geist braucht, um einen Weg von zweihundert Stunden zweimal zurückzulegen. Der Kanzlei-Direktor durfte von der Zeit an dem Grafen nicht mehr ins Schloß kommen.

 


 

 << Kapitel 77  Kapitel 79 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.