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Sagen aus Griechenland

: Sagen aus Griechenland - Kapitel 16
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Die Sieben gegen Theben

Als die Söhne des Ödipus, Eteokles und Polyneikes, herangewachsen waren, schwand bald ihre brüderliche Eintracht. Eteokles, der hart und herrschsüchtig war, wollte den Thron allein besitzen und trieb den Bruder außer Landes.

In Argos beim König Adrastos fand der Heimatlose Zuflucht und Waffenhilfe in dem unseligen Bruderzwist. Polyneikes heiratete hier die schöne Königstochter Argeia, und bald rüstete er mit seinem Schwiegervater Adrastos und fünf weiteren Fürsten aus dem Peloponnes eine gewaltige Heeresmacht zum Rachefeldzug gegen seine Vaterstadt.

Jeder der sieben Helden rückte mit einem Heer gegen eines der sieben Tore vor. Aber den Angreifern war das Kriegsglück nicht hold. Die beiden feindlichen Brüder begegneten sich auf dem Schlachtfeld, lieferten sich einen erbitterten Kampf und töteten sich gegenseitig. Nun brachen die Thebaner mit Siegesgeschrei aus den Toren und stürzten sich auf die Belagerer. Die feindlichen Heere mußten weichen, und ihre Führer wurden auf der Flucht getötet. Nur den König Adrastos bewahrte sein schnelles Streitroß vor dem gleichen Schicksal.

In Theben übernahm nun Kreon die Herrschaft wieder. Er ließ dem König Eteokles, der für die Verteidigung seiner Vaterstadt den Tod gefunden hatte, ein ehrenvolles Begräbnis richten, dem gefallenen Polyneikes aber versagte er diese Ehren. Unbestattet sollte nach Kreons Befehl der Leichnam des Mannes, der feindliche Heere gegen seine Heimat geführt hatte, den Tieren zum Fraße dienen. Wer gegen das königliche Gebot verstieß, sollte eines grausamen Todes sterben.

Antigone, die nach dem Tode ihres Vaters Ödipus in die Heimat zurückgekehrt war, wollte nicht, daß man ihrem toten Bruder Polyneikes, mochte er sich auch gegen die Vaterstadt Theben vergangen haben, die letzten Ehren versagte und die Grabesruhe verweigerte.

Die tapfere Jungfrau eilte auf das Schlachtfeld vor der Stadt, um den Leichnam des Bruders zu suchen und das Totenopfer darzubringen. Bei ihrer kühnen Tat wurde Antigone von Wächtern ergriffen und vor den König geführt.

Kreon bebte vor Zorn. »Wie konntest du es wagen, meinem Befehl zu trotzen?« herrschte er sie an.

Antigone bekannte sich frei und furchtlos zu ihrer Tat. »Du kanntest das Gesetz, das du übertratest?« fragte der König.

»Wohl kannte ich es, König Kreon«, sprach Antigone mit fester Stimme. »Aber meine Liebe zum leiblichen Bruder war stärker als dein Befehl. Es gibt Gesetze, die von Göttern herstammen und die höher stehen als alle irdischen. Kein Sterblicher wird göttliche Weisung ungestraft mißachten. So wurde mir befohlen, Polyneikes nicht unbegraben zu lassen!«

Solche Worte konnten Kreons Zorn nicht mildern: »Nun, so liebe den Hades, wenn du lieben mußt!« entgegnete er hart.

Vergebens bat Kreons Sohn Haimon um Milde für Antigone, die seine Verlobte war; vergebens berichtete er dem König, daß ganz Theben die Tat der frommen Jungfrau, die ihrer Schwesterpflicht gefolgt sei, als wert des Nachruhms preise. Kreons Herz blieb verstockt. Ohne Gnade ließ er Antigone in eine Felsengruft führen und dort lebendig einmauern. Nur wenig Speise gab man ihr mit ins Grab, denn nach des Königs Gebot sollte sie Hungers sterben.

Da trat Teiresias, der blinde Seher, vor Kreon hin: »Erzürne die Götter nicht noch mehr«, warnte er den König, »dir steht nicht das Recht zu, einem Toten den Weg ins Schattenreich zu verwehren und eine Lebende in ein Felsengrab einzuschließen.«

Doch Kreon hatte nur Hohn für des Sehers Mahnung. Wie einstmals Ödipus, kränkte er den greisen Teiresias und bezichtigte ihn der Lüge. Da verkündete der Seher, von Zorn entbrannt, schonungslos das göttliche Strafgericht und den Untergang des Königshauses. Dann ließ er sich, auf seinen Stab gestützt, hinwegführen. Kreon, von Furcht gequält, gab nun doch den Befehl, den Leichnam des Polyneikes feierlich zu bestatten. Er selbst eilte zu jener Stelle, wo er Antigone in das Felsengrab hatte einschließen lassen.

Schon von weitem vernahm er laute Wehklagen. Die Gruft war gewaltsam erbrochen. Sein Sohn Haimon war eingedrungen, um die Geliebte zu retten. Doch seine Hilfe war zu spät gekommen. Um dem Hungertode zu entgehen, hatte sich Antigone mit ihrem Schleier erwürgt. Bleich vor Entsetzen, wich Kreon vor dem grausigen Bild, das sich ihm bot, zurück. Als Haimon, der in wildem Schmerze den entseelten Leib der Geliebten umschlungen hielt, den Vater erkannte, riß er das Schwert aus der Scheide, und nur mit Mühe entging Kreon dem Tode. Dann stieß sich Haimon selbst das Schwert vor den Augen des Vaters ins Herz. Sterbend brach er über der Leiche der geliebten Antigone zusammen.

Noch war das Schicksal, das der Seher dem König verkündet hatte, nicht erfüllt. Als der tiefgebeugte Kreon in den Palast zurückkehrte, erwartete ihn neues Leid. Seine Gattin Eurydike hatte sich im Schmerz über den Tod ihres geliebten Sohnes mit eigener Hand das Leben genommen.

Da erkannte Kreon, daß er mit seiner Torheit den Untergang seines Hauses verschuldet hatte. In tiefer Verzweiflung flehte er zu den Göttern, daß sie auch ihm den Tod gewähren möchten.

 


 

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