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Sagen aus Griechenland

: Sagen aus Griechenland - Kapitel 13
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titleSagen aus Griechenland
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Phaëthon

Phaëthon, der bei seiner Mutter Klymene lebte, litt bitter darunter, daß sie nur eine Sterbliche war; denn er durfte sich rühmen, der Sohn des Sonnengottes Helios zu sein. Die Menschen aber, unter denen er aufwuchs, glaubten nicht an seine göttliche Abstammung und verspotteten ihn als eitlen Prahler.

Da faßte Phaëthon den Entschluß, sich Gewißheit über seine Herkunft zu verschaffen. Er wollte aus dem Munde seines göttlichen Vaters die Wahrheit erfahren und machte sich zu ihm auf den Weg.

Staunend stand er vor Helios' herrlicher Königsburg. Auf goldenen Säulen ruhte der Palast, die Giebel waren in Elfenbein gefaßt, und im Silberglanz strahlten die Tore.

Nur zögernd wagte Phaëthon , sich zu nähern, so sehr blendete der Widerschein der lichterfüllten Wunderpracht die Augen.

Helios, der Sonnengott, saß, von einem Purpurgewand umhüllt, auf seinem mit Edelsteinen verzierten Throne. Als er Phaëthon gewahrte, nahm er den Strahlenkranz vom Haupt und hieß den Jüngling näher treten. »Was führt dich zu mir, mein Sohn Phaëthon?« fragte er.

Die freundlichen Worte des Sonnengottes gaben Phaëthon neuen Mut.

»O du strahlendes Weltenlicht«, begann er zögernd, »Vater Phoibos, wenn du mir erlaubst, dich so zu nennen . . .« Und dann berichtete er von den Zweifeln, die ihn quälten. »Gib mir ein sicheres Zeichen als Unterpfand, göttlicher Vater, damit ich als dein echter Sohn gelte!«

»Deine Mutter Klymene hat wahr gesprochen. Ich bin dein Vater«, versetzte Helios. »Damit du aber künftig nicht mehr zu zweifeln brauchst, will ich dir einen Wunsch gewähren. Beim Styx, dem Flusse der Unterwelt, schwöre ich, ihn dir zu erfüllen.«

Kaum hatte Helios so gesprochen, da nannte der Sohn seine Bitte: »Gib mir für einen Tag den Sonnenwagen!« rief er freudig. »Laß mich deine geflügelten Rosse lenken!«

Wie bereute der Gott nun sein Versprechen! »Könnte ich doch mein sinnloses Wort zurücknehmen!« stieß er hervor und suchte den Sohn mit allen Mitteln zu überreden, auf sein Vorhaben zu verzichten.

»Nicht einmal Zeus selber vermöchte diese Aufgabe zu meistern!« versicherte er.

Phaëthon indessen beharrte auf seinem Wunsch.

»Laß dich doch belehren, mein Sohn!« bat Helios bekümmert und beschrieb, wie gefährlich der Weg sei: »Hoch auf der Himmelskuppe packt mich selbst oftmals schreckliche Furcht, wenn ich in den schwindelnden Abgrund hinabschaue! Und bedenke, daß der Himmel sich beständig dreht und daß ich diesem rasenden Kreislauf entgegenfahren muß. Verlange, geliebter Sohn, nicht ein solch schreckliches Geschenk von mir. Ändere deinen Wunsch, noch ist es Zeit.«

Doch Phaëthon ließ sich nicht überzeugen. »Laß ab von deiner Bitte!« beschwor ihn der Gott. »Begreifst du nicht, daß mein Geschenk dir den Tod bringen kann? Sieh doch, wie mich der Gram verzehrt!«

Vergeblich waren alle mahnenden und bittenden Worte, und schweren Herzens gab Helios seine Zustimmung: »So sei es! Ich habe es ja bei dem Wasser des Styx geschworen.«

Phaëthon ließ sich den Sonnenwagen zeigen, den Hephaistos kunstfertig aus Gold und Silber gebaut und mit Edelsteinen verziert hatte.

In diesem Augenblick öffnete Eos, die Göttin der Morgenröte, ihr Purpurtor und die rosenduftende Vorhalle: vom Himmelsrund wichen langsam die Sterne.

Behende schirrten die Horen, die göttlichen Dienerinnen des Zeus, auf des Gottes Befehl die feuersprühenden Rosse an. Helios, das Herz von Kummer und Sorge zerrissen, bestrich dem Sohne behutsam mit heiliger Salbe das Antlitz, um ihn gegen die sengende Flamme zu schützen, und legte ihm seinen Strahlenkranz ums Haupt.

»Höre auf meinen väterlichen Rat!« sagte er mahnend. »Nimm nicht die Stachelpeitsche und verlaß dich mehr auf die Zügel! Folge genau den Wagenspuren, die sich in weiten Bogen hinziehen. Steigst du zu hoch, so vermag der Himmel die Hitze nicht zu ertragen und muß verbrennen; kommst du der Erde zu nahe, so gerät auch diese in Brand. Halte immer den goldenen Mittelweg!«

So mußte der göttliche Vater Phaëthon seinem Schicksal überlassen. »Nimm die Zügel in beide Hände!« sagte er. »Oder darf ich noch hoffen, dich umzustimmen? Steh ab von deinem törichten Vorhaben und überlaß mir die Aufgabe, der Welt das Licht zu schenken!«

Aber Phaëthon stand schon unbekümmert oben auf dem Wagen, ergriff voller Glück die Zügel und ließ die vier Flügelrosse in die unendliche Weite des Himmels hineinstürzen.

In wildem Fluge rasten sie dahin. Offenbar spürten sie sogleich, daß der Wagen nicht die gewohnte Schwere hatte, und schon kündigte sich das Verhängnis an. In wilden Sprüngen rissen die Tiere den Wagen durch die Luft und schleuderten ihn hin und her, als sei er ohne Lenker. Immer verwegener gebärdeten sich die feurigen Rosse, und schon längst folgte das Gefährt den festen Spuren nicht mehr.

Phaëthon zitterte in ratloser Angst. Wie sollte er die Rosse bändigen? Lähmendes Entsetzen ergriff ihn, als er tief, tief unter sich die Erde ausgebreitet sah. Wie bereute er den verderblichen Wunsch und die eigene Torheit!

Unaufhaltsam rasten die Rosse dahin. Der unbesonnene Jüngling wagte weder die Zügel zu lockern, noch sie zu straffen. Ja er konnte die Rosse nicht einmal anrufen, da er ihre Namen nicht wußte!

In wildem Ungestüm jagten sie, an den Sternbildern vorbei, durch das All. Da verlor der Unglückliche alle Überlegung, und von großem Entsetzen gepackt, ließ er dann die Zügel fahren. Als die Riemen auf die Pferderücken fielen, gab es für die Tiere kein Halten mehr. Sie stürzten aus der Bahn, jagten in entfesselter Wut durch die Lüfte in unbekannte Weiten, rissen den Wagen hinab in die Tiefe und wieder jäh empor in die Höhe des Äthers. Dann erfüllte sich das Verhängnis. Der feuersprühende Wagen stieß in eine Wolkenschicht hinein und ließ sie in lodernden Flammen aufgehen. Sogleich griff der entfesselte Feuerbrand auf die Berggipfel über und raste nun, wie von Wut gepeitscht, über die Lande hin. Im Nu stand die ganze Erde in Flammen. Nicht Wälder noch Felder noch Städte blieben in dem wilden Flammenwirbel verschont. Das Meer trocknete aus, so daß hohe Berge auf seinem Grunde auftauchten. Die furchtbare Glut zwang sogar den Meeresgott Poseidon, die Tiefe des Meeres aufzusuchen.

Mit Entsetzen vernahm der unglückliche Phaëthon das wütende Tosen der Flammen. Wie aus einer Feueresse stieg die Hitze mit der hochgeschleuderten Aschenglut zu ihm empor und drohte ihm den Atem zu nehmen. Schon glühte der Wagen unter ihm.

Damals – hieß es – bekamen Afrikas Bewohner ihre schwarze Haut, und Libyen trocknete zur Wüste aus. Die ausgedörrte Erde klaffte auseinander und ließ durch die Risse so viel Licht in die Unterwelt dringen, daß die Seelen der Abgeschiedenen in Furcht erstarrten.

Erbarmungslos rissen die geflügelten Rosse ihren Lenker weiter durch den unendlichen Raum. Vom glühenden Wagen sprangen die Flammen auf seine Haare über, und jäh stand er in lodernde Glut gehüllt. Noch einen Augenblick hielt er sich aufrecht, dann ergriff ihn die wirbelnde Flamme und schleuderte ihn in den Himmelsraum hinaus. Wie eine Sternschnuppe fuhr Phaëthons brennender Körper in die Tiefe.

In ohnmächtigem Schmerz hatte Helios mit ansehen müssen, wie das Unheil sich vollendete. Ein breiter Strom nahm nun den Toten auf und wusch ihm das versengte Antlitz. Voll Mitleid hoben Najaden, die Göttinnen des Flusses, den Phaëthon, der für seine Vermessenheit mit dem Leben hatte büßen müssen, in ihre Arme, trugen ihn ans Ufer und bestatteten ihn.

 


 

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