Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > >

Sagen aus Griechenland

: Sagen aus Griechenland - Kapitel 10
Quellenangabe
titleSagen aus Griechenland
typelegend
senderjuergen@redestb.es
modified20170929
Schließen

Navigation:

Ödipus und sein Geschlecht

In Theben herrschte vorzeiten als Nachkomme des Kadmos, der die siebentorige Stadt gegründet hatte, König Laïos mit seiner Gemahlin Iokaste. Sie hatten keine Kinder. Als der König das Delphische Orakel nach einem Erben befragen ließ, erhielt er jedoch eine erschreckende Antwort: »Dir wird, o König, ein Sohn geschenkt werden; aber es ist dir bestimmt, durch ihn dein Leben zu verlieren!«

Bald darauf gebar Iokaste einen Sohn, und in Erinnerung an den delphischen Spruch ratschlagten die Eltern, wie sie dem angedrohten Verhängnis entgehen könnten. Sie ließen schließlich nach drei Tagen dem Neugeborenen die Fersen durchstechen und zusammenbinden und beauftragten einen Hirten, ihn im wilden Waldgebirge Kithairon auszusetzen.

Der Hirte empfand jedoch Mitleid mit dem unschuldigen Kinde, das er dem sicheren Tode ausliefern sollte, und übergab es einem Hirten des Königs Polybos von Korinth, dessen Viehherden in der Nähe weideten. Der brachte es seinem Herrn. Die Eltern glaubten, das Kind sei von wilden Tieren zerrissen, und vergaßen den drohenden Orakelspruch.

Indessen wuchs der Knabe am Hofe des korinthischen Königs, der sich – selbst kinderlos – des Findlings erbarmt hatte, als dessen rechtmäßiger Sohn heran. Nach den schrecklichen Wunden an den Fersen hatte man ihm den Namen Ödipus, »Schwellfuß« gegeben.

In glücklicher Jugend entwickelte sich Ödipus zu einem kraftvollen, schönen jungen Mann. Eines Tags bei einem Festmahl geschah es, daß ein trunkener Korinther ihn im Streit als Bastard beschimpfte.

Tief bekümmert forderte Ödipus von seinen Eltern Auskunft. Obwohl es ihm unfaßbar schien, daß er nicht ihr echtes Kind sein solle, vermochten König und Königin doch nicht, den Sohn mit frommer Lüge zu beschwichtigen.

Seitdem nagten Zweifel und Mißtrauen an Ödipus, Herzen, und heimlich wanderte er nach Delphi, um im Heiligtum des Apollon die volle Wahrheit zu erfahren. Keineswegs fand Ödipus hier die Beruhigung, die er suchte; denn statt einer Antwort verkündete die Priesterin ihm den Seherspruch: »Deinen Vater wirst du ermorden, und du wirst deine Mutter heiraten und fluchwürdige Nachkommen haben.«

Voll unaussprechlicher Angst vor solchem Schicksal verließ Ödipus die geweihte Stätte. Er war fest entschlossen, nimmermehr in die Heimat zu seinen Eltern zurückzukehren. Sein ganzes Leben wollte er den korinthischen Königshof meiden, um dem verheißenen, unheilvollen Geschick auszuweichen.

Ziellos wanderte der Jüngling durch das Land. Da geschah es auf der Straße zwischen Delphi und der Stadt Daulia auf dem Wege nach Böotien, daß ihm an einem Kreuzweg ein Reisewagen begegnete. Der Lenker drängte ihn mit so herrischen Worten an den Wegrand, daß Ödipus ihm mit seinem Wanderstabe wütend einen Schlag versetzte. Es gab ein heftiges Handgemenge, und als der vornehme Greis, der mit zwei Dienern im Wagen saß, gar seinen Pferdestachel zum Schlage erhob, wurde der junge Wanderer vom Zorn überwältigt. Er erschlug den Wagenlenker, den Greis und einen der Diener, der andere konnte entweichen.

Ödipus litt sehr unter der Antwort des Orakels und hatte deshalb das Abenteuer am Kreuzweg bald vergessen. Er glaubte überdies, in Notwehr gehandelt zu haben, und ahnte nicht im geringsten, daß der Greis, der durch ihn den Tod gefunden hatte, niemand anders war als König Laïos von Theben, sein eigener Vater!

Während Ödipus ziellos und heimatlos durch die Lande zog, herrschte in Theben tiefe Trauer über den Tod des Königs, der, so berichtete der Bote, von Wegelagerern erschlagen worden sei. Iokastes Bruder Kreon übernahm an Laïos Statt die Königswürde.

Zu jener Zeit lebten die Thebaner in großer Bedrängnis; denn vor den Toren ihrer Stadt lagerte auf einem Felsen ein geflügeltes Ungeheuer, die Sphinx, die halb wie eine Jungfrau, halb wie eine Löwin gestaltet war. Allen Vorüberziehenden gab sie ein Rätsel auf, und sie zerriß mit ihren Pranken erbarmungslos jeden, der es nicht zu lösen vermochte.

Nun geschah es, daß der ruhelose Ödipus auf seiner Wanderung in die Nähe der Stadt kam und von dem Aufruf hörte, den Kreon verbreiten ließ: »Wer Theben von der Sphinx befreit, der erhält zur Belohnung die Königskrone und die Hand der verwitweten Königin Iokaste.«

Der heimatlose Jüngling, dem sein Leben wegen der bedrohlichen Weissagung nicht viel wert schien, erklärte sich sogleich zum Wettkampf mit dem Ungeheuer bereit. Er trat entschlossen vor die Sphinx und forderte sie auf, ihm ihre Frage auf Leben und Tod zu stellen.

»Am Morgen ist es vierfüßig, am Mittag zweifüßig und am Abend dreifüßig und ist doch nur ein Wesen. Aber wenn es mit den meisten Füßen geht, kommt es am langsamsten vorwärts. Sag an, wer ist dieses Wesen?«

So lautete das Rätsel der Sphinx. Ödipus bedachte sich nicht lange.

»Dein Rätselwesen ist der Mensch«, versetzte er lächelnd, »denn am Lebensmorgen kriecht er auf allen vieren, auf der Höhe des Daseins bewegt er sich auf zwei Beinen, und am Abend des Lebens benötigt er als Stütze den Stock.«

Zum ersten Male hatte ein Mensch das Rätsel gelöst. Die Sphinx hatte ihren Meister gefunden, und in Scham und Verzweiflung stürzte sie sich selber vom Felsen in den Abgrund.

Mit lautem Jubel über die glückliche Befreiung führte das Volk seinen Retter in die Stadt. Als König von Theben bestieg Ödipus den durch Laïos, Tod verwaisten Thron, und Iokaste, die verwitwete Königin, wurde ihm vermählt.

Viele Jahre lebte der neue König von Theben mit Iokaste in glücklicher Ehe und zeugte mit ihr, die seine Mutter war, vier Kinder: ein Zwillingspaar, Eteokles und Polyneikes, und zwei Töchter, Antigone und Ismene.

Doch es kam eine Zeit, da wurde das Land, das unter Ödipus, weiser und tatkräftiger Regierung zu blühendem Wohlstand aufgestiegen war, von der Pest heimgesucht. Zu Tausenden siechten die Menschen unter großen Qualen dahin.

Vergeblich flehte das Volk zu den Göttern. Da sandte Ödipus seinen Schwager Kreon zum Delphischen Orakel, und bald vernahm alles Volk den Spruch des Gottes: »Der Tod des Königs Laïos lastet als schwere Blutschuld auf der Stadt. Erst wenn man den Täter gebührend bestraft hat, weicht die Pest.«

Da verfluchte Ödipus den Schuldigen unter schauerlichen Schwüren, und in seinem Eifer, dem bedrängten Volke zu helfen, bot er alles auf, den Mörder aufzuspüren. Aber alle Mühen waren vergeblich, trotz der hohen Belohnung, die er jedem gelobte, der ihm Kunde gäbe. Schließlich ließ er den greisen Teiresias kommen, der die Gabe der Weissagung besaß.

Nur ungern erschien der blinde Seher vor dem König, und entsetzt hob er die Hände zur Abwehr, als Ödipus ihn nach dem Schuldigen fragte. »Laß mich schweigen, König«, bat er, »verlange nicht von mir eine Antwort, die ich nicht auszusprechen wage!«

Immer wieder drang Ödipus in ihn, und schließlich ließ sich der König im Jähzorn zu ungerechter Verdächtigung hinreißen, als habe Teiresias selber Anteil an dem Königsmorde. Diese Beschuldigung löste dem blinden Seher die Zunge: »So erfahre die Wahrheit, König Ödipus! Du selber bist der Mörder! Du selbst schufst Greuel, die diese Stadt besudeln!«

In höhnischem Zorn fuhr Ödipus auf; denn sein Geist war mit Blindheit geschlagen. Er nannte Teiresias, Worte freche Verleumdung und ihn einen schändlichen Lügner.

Iokaste kam hinzu und versuchte den Zorn des erregten Gatten zu beschwichtigen. »Laß dich nicht durch den falschen Orakelspruch beunruhigen«, sagte sie. »Es ist doch erwiesen, daß Laïos, mein erster Gemahl, an einem Kreuzweg den Tod gefunden hat. Es war am Ufer des Pleistos. Und unser einziger Sohn ist im wilden Gebirge umgekommen. Siehst du nun, daß alle Sprüche der Seher in den Wind geredet sind?«

Bei diesen Worten der Königin erwachte in Ödipus zum erstenmal eine furchtbare Ahnung. »Am Ufer des Pleistos, sagst du?« stieß er hervor. »Sprich mir davon! Wie sah Laïos aus?«

Mit wachsender Angst vernahm er die gräßliche Bestätigung. Der Greis, den er einst in dem längst vergessenen Abenteuer am Hohlweg erschlagen hatte, war Thebens König Laïos.

Er selber, Ödipus, war der Schuldige!

»Holt mir den Diener herbei, der einst die Trauerbotschaft überbracht hat!« befahl er.

In diesem Augenblick wurde ein fremder Bote vor den König geführt. »König Ödipus,« sagte er, »ich melde dir, daß dein Vater Polybos verschieden ist. Das Volk von Korinth wählt dich, Ödipus, zum König und Herrscher des Landes!«

Sosehr ihn die Trauerbotschaft bedrückte, so glücklich war Ödipus bei der Nachricht. Bestätigte sie nicht, daß das Orakelwort von einst nun vollends sinnlos geworden war? Noch zauderte er bei dem Gedanken, daß ihm ja angedroht worden war, er werde seine Mutter heiraten.

»Diese Sorge kann ich dir nehmen«, beruhigte ihn der Bote; »denn du bist ja nicht des Polybos und der Merope leiblicher Sohn. Ich selber habe dich einst als Kind von einem thebanischen Hirten zum Geschenk erhalten, der dich mit durchstochenen Fußgelenken im wilden Kithairon aussetzen sollte.«

Als Iokaste das hörte, verließ sie mit lauten Wehrufen ihren Gemahl und das versammelte Volk.

Nun erschien auch der greise Hirte, den Ödipus herbeizuholen befohlen hatte. Der Alte hatte damals die Botschaft vom Tode des Laïos überbracht, und zitternd gestand er, daß seine Meldung falsch gewesen sei. Aus Scham, daß ihrer vier von einem einzelnen Mann überwunden waren, hatte er von mehreren Wegelagerern gesprochen, denen Laïos erlegen sei. Auch der Korinther erkannte sogleich in ihm den Mann, der ihm vorzeiten den Knaben übergeben hatte.

Nun war das Unheil offenbar. Mit einem Wahnsinnsschrei der Verzweiflung stürzte Ödipus hinweg, irrte im Palast umher, und als er Iokastes Gemach verschlossen fand, erzwang er sich den Zugang mit dem Schwert. Vor Entsetzen taumelte er zurück. Die Königin, die ihm Mutter und zugleich Gattin und Mutter seiner Kinder war, hatte ihrem fluchbeladenen Leben selber ein Ende gesetzt.

Da riß Ödipus in tiefstem Schmerz eine Spange aus dem Gewande der Toten und stieß sie sich in beide Augen. Mit erloschenem Gesicht tastete er sich, der Sinne beraubt, auf die Treppe des Palastes und verlangte, daß er, der Vatermörder und Muttergatte, dem Volke gezeigt werde. »Seht her, ihr Thebaner«, schrie er, »auf euren fluchbeladenen, verworfenen König, der den eigenen Vater erschlagen und die leibliche Mutter geheiratet hat!« Schweigend schauten die Thebaner auf den Geblendeten. »Warum tötet ihr mich nicht«, schrie Ödipus wieder, »den Mörder eures Königs, den von allen Göttern Verstoßenen?«

Doch keine Hand regte sich gegen Ödipus, allzusehr waren die Thebaner ergriffen von dem Schicksal, mit dem die Götter ihn geschlagen hatten. Nicht Abscheu, sondern tiefstes Mitleid erfüllte ihre Herzen.

Als blinder Bettler zog der einst so mächtige und von allen geliebte König in die Verbannung. Nur eine Bitte hatte er ausgesprochen: daß man seiner unglückseligen Mutter ein Grab bereite. Kreon übernahm für Ödipus, unmündige Zwillingssöhne die Regentschaft.

Antigone aber, die äIteste der beiden Töchter, verließ den Vater nicht in seinem Elend. Sie lenkte behutsam die Schritte des Blinden, ertrug geduldig mit ihm Hunger und Durst und alle Unbilden der Witterung und des Weges, bis Ödipus nach langer, mühseliger Irrfahrt endlich von aller irdischen Qual Erlösung fand. Nicht weit von der Stadt Athen öffneten die Götter ihm in einem Hain bei Kolonos, der den Erinnyen geweiht war, den Weg zur Unterwelt. Sanft und ohne Schmerz wurde Ödipus der Erde entrückt und ins Schattenreich hinabgetragen.

 


 

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.