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Sagen aus Frankreich

: Sagen aus Frankreich - Kapitel 2
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Die Sage von Roland

Zwölf Recken hatte Kaiser Karl, der Herrscher über das Reich von dem Strand des Ozeans bis an die Waldgebirge der Elbe, von der Küste der Nordsee bis zu den Schneebergen der Alpen, als seine Paladine stets um sich. Unter ihnen ragte durch Jugendkraft und Kühnheit der heldenhafte Roland hervor. Er war der Neffe des Kaisers, denn dessen Schwester Berta war mit dem Herzog Milan von Anglant verheiratet gewesen, der bald nach Rolands Geburt in Hispanien im Kampf gegen die Ungläubigen gefallen war. Später hatte Frau Berta mit dem Ritter Ganelon die Ehe geschlossen, der zu den Paladinen Kaiser Karls gehörte.

Roland war einer der stärksten Heerführer des Frankenherrschers, und als Kaiser Karl, den man den Großen nennt, zu neuem Feldzug gegen die heidnischen Sarazenen rüsten mußte, vertraute er seinem herrlichen Neffen wiederum eine starke Heeresmacht an. So zogen sie ins sonnige Hispanien, der streitbare Erzbischof Turpin an der Spitze, neben Roland sein Freund Held Oliver, Gottfried von Anjou und Herzog Neimes von Bayern, der kühne Graf Walther und Graf Otto, Herzog Richard von der Normandie und der kluge Ogier von Dänemark, der listige Graf Ganelon und die vielen anderen Ritter aus dem Frankenland.

Sehr bald mußten sich alle festen Burgen und PIätze, die unter der grünen Fahne mit dem Halbmond des Propheten standen, der Gewalt des großen Kaisers beugen. Nur die Stadt Saragossa im fruchtbaren Tal des Ebro hatte dem Ansturm der Frankenkrieger noch widerstehen können.

Doch als Kaiser Karl seinen Heerbann zum Sturm ansetzte, ließ sich Marsilias, der König der heidnischen Mauren, einen arglistigen Rat eingeben, wie er dem überlegenen Gegner entgehen könne. Er bot dem Frankenkaiser die Unterwerfung an, gelobte Frieden und erklärte sich bereit, dem Glauben des Islam abzuschwören und mitsamt seinem Volke zum christlichen Glauben überzutreten.

»Wenn Kaiser Karl über die Pyrenäenberge ins Frankenland zurückzieht«, erklärten die Boten, »so bietet König Marsilias Euch siebenhundert Kamele und vierhundert Maultiere, alle beladen mit Gold und kostbarem Gerät, dazu dreitausend Faß Wein. In kurzer Frist wird er Euch sodann mit seinen Mannen ins Frankenland folgen und in der Kaiserstadt Aachen die christliche Taufe annehmen.«

Im Kreise seiner kampfbewährten, raterfahrenen Waffengefährten überdachte Kaiser Karl das Angebot des Heidenkönigs. »Laßt mich einen Rat hören, ihr Paladine«, rief er und blickte in die Runde.

Erzbischof Turpin hielt mit seinen Bedenken nicht zurück, und auch Roland, der aufrechte Held, wollte nichts wissen von einem Vertrag mit dem Sarazenenfürsten; er ahnte den Verrat. Oliver, sein getreuer Waffengefährte, stimmte ihm bei. Doch da trat Rolands Stiefvater, Graf Ganelon, den beiden Helden ungestüm entgegen. »Höret auf den Rat eines erfahrenen Mannes, Herr Kaiser«, rief er, »und verschonet Eure Getreuen vor weiterem Blutvergießen!«

Auch andere Reichsbarone, unter ihnen Herzog Neimes von Bayern, traten dieser Meinung bei. Man solle den blutigen Krieg beenden und die vielen Heiden zu Christen machen.

Da ließ sich der Kaiser von den Vorschlägen bestimmen. Als seinen Gesandten an den Heidenfürsten wählte er auf Rolands Rat sodann Graf Ganelon aus, der als Eifrigster den Plan befürwortet hatte.

Roland, der aufrechte Recke, ahnte nicht, daß er sich durch diesen Vorschlag seinen Stiefvater zum Todfeind gemacht hatte. Denn sosehr Graf Ganelon ein Ende des Feldzuges erstrebte, fürchtete er doch die Hinterlist des Sarazenenfürsten, der bereits einmal die Abgesandten des Kaisers getötet hatte. In seinem Zorn nannte er Roland einen Schurken, der ihn durch die Entsendung ins Kriegslager der Ungläubigen tödlicher Gefahr ausgesetzt habe.

Doch König Marsilias empfing den kaiserlichen Boten mit allen Ehren. Gar bald entdeckte der listige Sarazene die Schwäche des haßerfüllten Grafen für Wohlleben, Gold und kostbaren Schmuck, und beim festlichen Gelage ließ sich der geldlüsterne Ganelon durch eine Fülle ausgesuchter Gastgeschenke verleiten, heimtückischen Verrat zu begehen. Er verband sich mit den Feinden des Frankenkaisers zum Verderben des herrlichen Helden Roland: Beim Rückmarsch des Heeres durch die Bergtäler sollte er als Führer der Nachhut von den Sarazenen überfallen und mitsamt seiner Nachhut vernichtet werden.

So klug war der arglistige Plan gesponnen, daß Kaiser Karl sich durch die Worte des treulosen Ganelon täuschen ließ. Dieser hatte dem Frankenherrscher im Auftrage des Königs Marsilias die Schlüssel der Stadt Saragossa zum Zeichen der Unterwerfung gebracht, dazu Geiseln und Maultiere mit kostbarem Tribut.

»So laßt uns heimwärts zur Pfalz nach Aachen ziehen«, gebot Kaiser Karl zufrieden, und er ließ Roland und dessen unzertrennlichen Waffengefährten Oliver zu seinem Schutz zurückbleiben, dazu den streitbaren Erzbischof Turpin und Graf Walther.

Da erklang froher Jubelruf, es wehten die bunten Kriegswimpel, und tausend Hörner begleiteten den Abmarsch des riesigen Heeres. Die Zurückbleibenden sollten das Tal von Ronceval überwachen, wo sich die Straße durch wilde Schluchten nordwärts windet.

Schon nach wenigen Tagen Marsch hatten die heimwärts ziehenden Heerscharen – der tapfere Ogier von Dänemark führte die Vorhut – die Pässe der Pyrenäen erreicht. Hoch und abschüssig ragten die Bergwände, die sie überqueren mußten, und dunkel und eng waren die Täler, die sie durchzogen.

Am letzten Paß ließ Kaiser Karl das Heer an sich vorüberziehen. Düstere Vorahnungen quälten ihn, denn ein Traum hatte ihn erschreckt: Es war ihm ein Engel des Herrn erschienen, der ihn vor Ganelon warnte. »Er riß mir den Speer aus der Hand und zertrümmerte ihn an einer Felswand, daß die Splitter zum Himmel hinaufflogen«, berichtete Karl voller Sorge seinem vertrauten Paladin, dem Herzog von Neimes. »Und als ich gleich darauf wiederum Schlaf fand, träumte mir nochmals: Ich war in Aachen, meiner guten Stadt, da sprangen ein Bär und ein Panther mich an, und der Bär zerfleischte mir den rechten Arm, daß der bloße Knochen zutage trat, und vergeblich versuchte mein getreuer Hund, das Untier zu verscheuchen. Und meine Franken schrien entsetzt: 'Welch gewaltiger Kampf!' Doch niemand eilte zur Hilfe herbei.«

Die Deutung des Traums war dem Kaiser naheliegend. Nun plötzlich wurde ihm klar, daß Ganelon auf Verrat sinne und den aufrechten Roland mit Hilfe der Sarazenen vernichten wolle. In bitterem Selbstvorwurf klagte er sich an, den Neffen ohne ausreichenden Schutz zurückgelassen zu haben.

Doch nun war es zu spät. Denn von der Höhe überblickte Graf Walther die weite Ebene am Fuße der riesigen Bergkette, und was er sah, ließ ihn erschauern: »Rüstet euch zum Streit, ihr Freunde«, rief er tief bestürzt und schnallte den Helm fester, »und nehmt sogleich die Waffen zur Hand! Marsilias naht mit einem riesigen Heere. Roß und Reiter strömen heran, zahllos wie die Sterne am Himmel. So weit das Auge reicht, blitzt es von Waffen!«

»Das ist Ganelons Werk!« stieß Roland voll Ingrimm hervor.

Marsilias, der Sarazenenkönig, hatte die Menge seiner kampffähigen Krieger aufgeboten, mehr als hunderttausend Mannen. Er besprach mit den Heerführern seinen Plan. »Wenn Allah mit uns ist«, rief er, »so muß der Sieg unser sein, denn wir sind in der Überzahl, und der Prophet Mohammed vermag mehr als Sankt Peter zu Rom. Ich selber will euch führen und in der Bedrängnis des Kampfes nicht von euch weichen, das schwöre ich euch bei meinem Schwerte! Seht hier die blanke Klinge aus Toledo! Sie werde ich im Kampfe mit Rolands Schwert kreuzen, und gar bald sollt ihr erkennen, wessen Waffe bessere Streiche führt!«

Weithin erklang die Luft vom Klirren der Sarazenenwaffen und vom Hörnerschall. »So reiten nicht Männer, die ihren Herrn nach Aachen zur Christentaufe geleiten«, rief Oliver; »das ist ein Kriegsheer, das heranstürmt, uns zu überwältigen.« Er stand mit seinem Waffengefährten Roland auf der Höhe eines Felsvorsprungs. Von dort blickten die beiden Recken über das Land hin und überblickten die weißgepanzerten Scharen, unabsehbar an Zahl.

»Blast Euer Horn, Freund Roland!« rief Oliver. »Kaiser Karl wird es hören und mit seinem Heere umkehren, um uns Hilfe zu bringen.«

Doch der Recke schüttelte ingrimmig den Kopf. »Nur ein Feigling täte so etwas« versetzte er. »Für immer wäre mein Ruhm dahin, wenn wir es nicht allein wagten, den Kampf mit den Heiden aufzunehmen!«

Oliver, der treue Waffengefährte, wiederholte seine Bitte. »Blast Euer gutes Horn Olifant!« mahnte er. »Kaiser Karl wird umkehren und uns zu Hilfe eilen. Seht doch nur, wie alle Berge von Feinden übersät sind und wie es ringsum von Heidenwaffen blinkt!«

Roland der Recke wußte, daß er sich auf sein gutes Schwert Durandal verlassen konnte. »Lieber sterbe ich den Tod auf dem Schlachtfelde hier im Pyrenäental, als daß ich den Maurenfeinden den Stolz lasse, mich für feige zu halten.« Jeden seiner Getreuen wies er an, wie sie ihre Heerhaufen gegen den übermächtigen Feind verteilen sollten. Segnend breitete der kampfgewaltige Erzbischof Turpin seine Hände über die Scharen der Krieger und bat den Himmel um Beistand; dann stiegen alle, zum Entscheidungskampfe entschlossen, zu Pferde.

Roland und Oliver, die kampfbewährten Waffengefährten, ritten Seite an Seite. Mit Sorge beobachteten sie, wie der Ring der Feinde sich eng und enger um die Franken schloß. ,»Mir will scheinen«, stieß Oliver bitter hervor, »dies ist die letzte Nachhut unseres Lebens, die wir führen werden.«

König Marsilias hatte als Führer des Vortrupps seinen Neffen Adolart in den Kampf geschickt. Der kühne Heidenritter hatte in früheren Kämpfen schon manchen Feind aus dem Sattel geworfen und brannte nun vor Kampfbegier, auf die Frankenkrieger zu stoßen. »Ich werde dir Rolands Haupt vor die Füße legen!« hatte er seinem Oheim versprochen.

»Allah, il Allah!« brauste der Schlachtruf der Sarazenen über die Ebene hin, als Adolart auf feurigem Berberhengst gegen die Reihen der Franken sprengte. »Heute wird Kaiser Karl seinen Kriegsruhm schmählich verlieren!« schrie er wild. Seine Krieger folgten ihm in blinder Kampfbegeisterung.

»Reitet an, ihr Freunde!« befahl auf der andern Seite Roland seinen Getreuen, gab seinem edlen Streitroß die Sporen und stürzte mit eingelegter Lanze auf den prahlerischen Gegner los. Furchtbar war der Zusammenprall. Roland rannte dem Heiden den Speer so tief in den Kettenpanzer, daß Adolart mit gebrochenem Rückgrat auf die Felsen stürzte. »Kaiser Karl wird seinen Ruhm nicht verlieren!« rief Roland voll ingrimmiger Kampfeswut. »Schlagt mit euren Schwertern drein, ihr Freunde!« feuerte er dann die Waffengefährten an. »Nur uns winkt der Sieg!«

Jubelnd nahmen die Franken seinen Ruf auf. Mit dem Schlachtgeschrei des Kaisers stürzten sie sich in die Reihen der feindlichen Mauren. Doch wenn diese auch erbitterten Widerstand leisteten, so hatte Rolands Vorbild den Kampfesmut der Frankenkrieger aufs höchste angestachelt. In dem furchtbaren Kämpfen, das nun anhub, hatten sie die Oberhand. Der sarazenische Heerführer Falfaron, ein Bruder des Marsilias, drang auf den kühnen Oliver ein, doch er sank leblos in den Staub, als der Held ihm seine Lanze durch das doppelringige Kettenhemd stieß. »Unser ist der Sieg!« schrie Oliver wild.

Viele Stunden lang währte der grausige Kampf. Das ganze Tal hallte wider von Waffengetöse und wildem Kampfgeschrei, von Rossegewieher und vom Schmerzenslaut der Verwundeten. Wer von den Feinden nicht weichen wollte, starb unter dem unwiderstehlichen Ansturm der Frankenhelden; ihre Rosse traten bis über die Knöchel in Blut.

Doch immer neue Kämpfer drangen nach, und auch manch tapferer Franke mußte der Übermacht erliegen.

Karls Paladine, Roland und Oliver und der Erzbischof Turpin, kämpften Schulter an Schulter. Roland selber vollführte mit seinem guten Schwerte Durandal Wunder der Tapferkeit. Als die Sonne auf der Mittagshöhe stand, brach den Sarazenen der Mut. Sie wandten sich zur Flucht und überließen den Frankenhelden das Schlachtfeld.

Rasend vor Wut empfing König Marsilias seine flüchtenden Krieger. »Beim Barte des Propheten«, rief er ingrimmig, »die grüne Fahne mit dem Halbmond soll zum Siege voranwehen!«

Sogleich bei Sonnenaufgang standen frische Kämpfer in unendlicher Zahl zum Kampfe bereit. Mit Sorge hörten die Franken, die todmüde nach dem schweren Ringen in den Schlaf gesunken waren, den Klang der tausend Kriegshörner, und mit Bestürzung sahen sie die Höhen und Felder ringsum von Sarazenen bedeckt, die in wildem Ungestüm und in hundertfacher Übermacht heransprengten.

Der Kampf war ungleich geworden, denn die Franken waren geschwächt von dem lang währenden Kampfe des Vortages, und ihre Waffen waren zerbrochen oder schartig.

An der Spitze der Angreifer ritt Climorin von Saragossa, ein starker, hochgemuter Held. Sein brauner, sehniger Arm wog die wurfgerechte Lanze, und er richtete sie auf den Herzog Engelir, einen der kampfbewährten Paladine des Kaisers. Sein Panzerhemd war in den Kämpfen des Vortages mehrfach durchlöchert. Nun traf ihn die Waffe des Sarazenen und warf ihn tot zur Erde.

Für die Franken war dieser Tod des Helden ein schlimmes Vorzeichen. Zwar blieb dem Sieger der Ruhm nicht lange, denn Oliver gab sogleich seinem Streitroß die Sporen und ritt gegen den Überwinder seines Freundes an. So furchtbar sauste sein berühmtes Schwert Alteklere auf Climorins Haupt nieder, daß er lautlos vom Pferde sank. Noch sieben arabische Fürsten, die Oliver umdrängten, sanken unter seinen gewaltigen Schwertstreichen entseelt zu Boden.

Weiter wogte das grausige Morden mit wechselndem Kriegsglück hin und her. Wie wilde Löwen stürmten Oliver und sein Waffengefährte, der Herzog Sansun, über das Schlachtfeld, Tod und Schrecken verbreitend; reihenweise sanken die Sarazenen zu Boden. Doch da drang Valdabrun aus dem Araberland, einer der stärksten Kämpfer aus König Marsilias, Reihen, gegen Herzog Sansun an.

»Jetzt gilt es Mohammed oder Sankt Peter!« schrie der Heide. Er überraschte Karls Paladin beim Kampf mit einem Saragossaner und durchbohrte ihn mit der Lanze, daß Sansun leblos vom Pferde sank. Aus der Ferne hatte Roland den Fall des Kampfgefährten beobachtet. In wilden Sätzen trug ihn sein Streitroß herbei, und mit einem unwiderstehlichen Schlag seines Wunderschwertes Durandal rächte Roland den Tod des erschlagenen Freundes an dem starken Sarazenen. Auch die andern Paladine, voran der Erzbischof Turpin, taten es Karls streitbarem Neffen gleich an Tapferkeit.

Wieder wurde der Boden von Blut getränkt, wieder konnten die Sarazenen nicht der fränkischen Heldenkraft widerstehen. »Mohammed, hilf uns!« erklang es aus den Reihen der Heiden, und dann wälzte sich ein Strom von Flüchtenden zu der Höhe, wo Marsilias mit erlesenen Helden auf seinem andalusischen Streithengst hielt und die Schlacht lenkte.

Mit bösem Ingrimm sah der König, wie seine Sarazenen dem wütenden Ansturm der Frankenkrieger weichen mußten und von den erbarmungslosen Schwertern dahingerafft wurden. Da ließ er die Kriegshörner blasen und führte selber seinen riesigen Heerbann den Kämpfern des Frankenkaisers entgegen. Marsilias' Krieger waren trefflich gerüstet und wohl ausgeruht. Diesen ausgewählten frischen Kämpfern konnten die zu Tode erschöpften Frankenkrieger nicht widerstehen. Reihenweise sanken sie erschlagen in den Staub. Auch vier der Paladine fanden den Tod auf dem Schlachtfelde.

Aus dem dichten Kampfgewühl hatte sich Roland mit seinem Freund Oliver und dem Erzbischof Turpin auf eine Höhe zurückgezogen, um die Kampflage zu beraten. Ihn trieb die Verzweiflung beim Anblick der vielen erschlagenen Kampfgefährten. Sollte er nicht sein Horn blasen, um den Kaiser mit der Hauptmacht des Heeres zur Hilfe herbeizurufen?

Er wollte den Rat der Freunde. »Es ist nun zu spät«, sagte der Erzbischof dumpf. Und doch riet er ihm zu, das Horn zu blasen. »Kaiser Karl wird unsern Hilferuf vernehmen und herbeieilen, uns zu rächen. Ob uns die Sarazenen auch das Leben rauben – uns wird in geweihter Heimaterde eine Grabstätte, und mancher Franke wird an unserm Grabe ein frommes Gebet verrichten.«

Da setzte Roland sein Horn an die Lippen. Und so gewaltig blies er den Olifant, daß ihm das Blut aus dem Munde quoll und seine Schläfenadern fast zersprangen.

Der Klang des Wunderhornes schwang sich weit über die Berge hin und erreichte das Ohr des Kaisers, der mit seinen Getreuen nordwärts zog. »Roland ist in Not«, sagte Karl dumpf. »Daß er das Horn so bläst, zeigt mir an, daß er einen Kampf auf Leben und Tod zu bestehen hat.« Sogleich wollte er Befehl geben, den Heereszug umkehren zu lassen.

»Wer sollte es wohl wagen, deine starke Nachhut anzugreifen?« rief der treulose Ganelon. »Wir haben ja Frieden mit den Männern unter dem Halbmond geschlossen. Was Ihr vernehmt, Herr Kaiser, ist das Jagdhorn Eures Neffen. Sicherlich hat er in den Waldbergen einen starken Bären erlegt und bläst vor Freude über sein Jägerglück.«

Doch Karl hatte Ganelons Arglist durchschaut und drängte auf Umkehr. Den Verräter ließ er fesseln und auf ein Maultier binden. In aller Eile strebte das Frankenheer zurück ins Tal von Ronceval.

Die Frankenhelden hatten sich dort enger zusammengeschart und erwehrten sich mit verzweifeltem Mut der feindlichen Übermacht. Wie grimmige Löwen wüteten Roland und Oliver unter den Angreifern.

Da kam Marsilias über das Schlachtfeld gesprengt, ihm zur Seite sein Sohn Jurfalu. Der Maurenkönig wies ihm den starken Frankenkrieger: »Das ist Roland, der tapferste der Paladine des Kaisers. Wenn er in den Staub sinkt, so wird die grüne Fahne unseres Propheten weiterhin über Spanien wehen.«

Der junge Sarazene ritt mit eingelegter Lanze gegen den mächtigen Recken an. Roland stieß sie mit seinem Schild kampfgeübt beiseite und ließ sein Wunderschwert Durandal auf den Helm des Königssohnes niedersausen, daß Jurfalu lautlos aus dem Sattel fiel.

Dieser Zweikampf war so schnell beendet, daß König Marsilias kaum Zeit fand, die grausame Wahrheit aufzunehmen. Voller Entsetzen starrte er auf den im Staube Liegenden. Doch dann senkte er die Lanze, um seinen tapferen Sohn blutig zu rächen. Aber Rolands Schwert sauste mit gesteigerter Wucht auf ihn nieder. Mit wendiger Kraft wich der Sarazene den Schlägen aus und brachte den Gegner mit seinen Wechselhieben in Bedrängnis. Lange stand die Entscheidung aus. Doch da sah der Frankenheld seinen Vorteil, ließ sein Schwert Durandal niederfahren und traf des Königs Hand, daß sie, am Gelenk abgehauen, mit dem Speer zu Boden fiel.

Mit heulendem Wehruf wandte der schwerverwundete Sarazenenfürst sich ab, und auf seiner Flucht riß er den Rest seiner Krieger, die noch den Franken widerstanden hatten, mit sich.

Es mochte scheinen, daß den ausdauernden Kämpfern der fränkischen Nachhut, die das grausige Gemetzel überstanden hatten und das Schlachtfeld behaupteten, nun doch noch der Sieg zufallen sollte. Doch da rückte ein neues Heer zum Angriff gegen Karls Krieger heran, das zugleich die flüchtenden Sarazenen aufnahm. An der Spitze der neuen Kämpfer, die mehr als fünfzigtausend Mann zählten, erschienen die Könige von Äthiopien und von Karthago. Sie hatten mit ihren Scharen von Afrika her das Meer überquert und waren wild entschlossen zum Kampf gegen den verhaßten Frankenkaiser.

Mit Entsetzen sah Roland die Übermacht der kampfesfrischen Krieger gegen seine todmatten Gefährten andringen. Bald waren die Überlebenden des Frankenheeres ganz von Feinden umringt.

Da ritt Morganich, der König von Äthiopien, gegen den tapferen Oliver an. Er traf ihn von hinten in den Rücken, daß der Speer zur Brust herausdrang. Doch der riesenstarke Held hielt sich im Sattel. Blitzschnell wandte er sich um und ließ sein Schwert Alteklere auf den Gegner niedersausen, daß es ihm den Schädel zerschmetterte. Noch an die zwölf Sarazenen erschlug der Held, bis seine Kraft erlahmte. Roland erschrak auf den Tod, als er des Freundes entfärbtes, geflecktes Gesicht sah; Olivers Hände zitterten wie die eines Greises. Behutsam ließ Roland den treuen Paladinen aus dem Kampfgetümmel herausführen.

Doch die Not, in der Oliver seine Kampfgenossen wußte, ließ ihn keine Ruhe finden. Er hatte sich die Wunden verbinden lassen, hatte sich nach der Kampfeshitze an stärkendem Trunk gelabt und verlangte nach seinem Streitroß. »Ich bin stark genug, um mit dem Schwerte dreinzuschlagen«, wies er die Einwände seiner Freunde zurück, »und ich will nichts als einen ehrenvollen Tod auf dem Schlachtfeld.«

So stürzte er sich wieder ins Kampfgetümmel. Doch sein Blick war so umwölkt, daß er nicht mehr Freund noch Feind unterscheiden konnte. Wahllos schlug er dort auf dem Schlachtfelde mit dem Schwerte drein. Laut klang es wider, als seine Waffe auf die Brünne eines Streiters einhieb, den er nur undeutlich erkannte. Oliver hob den Schild, den erwarteten Gegenschlag abzuwehren, aber da rief ihn eine Stimme an: »Erkennet Ihr mich denn nicht, Freund Oliver? Warum greift Ihr mich an?«

Es war Roland selber, den er mit seinen Streichen getroffen hatte.

Behutsam führte Roland den Freund zum zweiten Male aus dem Schlachtgetümmel und bettete ihn in dem nahen Wäldchen sicher ins Moos.

Dort lag der kühne Oliver und faltete die Hände zum Gebet. Laut beichtete er seine Sünden und bat Gott um Gnade und Sühne. Sein letzter Segenswunsch galt seinem Freunde Roland. Dann stockte ihm der Atem. Friedlich schied der wackere Held aus der irdischen Welt. In unendlichem Schmerz sah Roland den Freund sein Leben aushauchen; so stark war sein Kummer, daß er ohnmächtig neben dem Toten niedersank.

Als er sein Bewußtsein zurückfand, sah er den Erzbischof Turpin mit Graf Walther vor sich stehen. »Nur wir drei sind noch am Leben«, berichtete der tapfere Graf, den Roland vorher zum Schutz der anliegenden Höhen ausgesandt hatte. Er war vor der Übermacht der Feinde zurückgewichen. Die ganze Nachhut hatte auf der Ebene und den Bergabhängen ringsum den Tod gefunden.

Roland, Turpin und Walther kämpften ihren letzten Kampf. Sie waren entschlossen, gemeinsam als Helden zu sterben. Die Felswand bot ihnen im Rücken und von der Seite her Schutz, so daß die Sarazenen nur von vorn angreifen konnten. Im Schutze des Gesträuchs schlichen diese herbei, schleuderten blitzschnell ihre Speere und schossen ihre Pfeile ab. Die Helden schützten sich mit ihren Schilden, und immer wieder sprangen Roland und seine Mitkämpfer in überraschendem Ausfall hervor und streckten einen der Verwegenen nieder. Zwar häufte sich rings um die einsamen Verteidiger ein Wall von erschlagenen Sarazenen, doch ihre Schilde und Brünnen klafften zerfetzt von den zahllosen Geschossen, und bald darauf traf den Grafen Walther so schwer eine feindliche Wurflanze, daß er todwund zur Erde sank. Roland fand im Kampfgewirr nicht die Zeit, dem Tapferen das Sterben zu erleichtern. Wortlos verschied der Waffenbruder, die Augen auf den starken Roland gerichtet. Auch der Erzbischof Turpin war zu Tode getroffen; drei Lanzen aus der Faust der Angreifer staken ihm im Panzer. Doch unerschütterlich stellte er sich den andringenden Feinden entgegen.

»Freund Roland« stieß er dann mit letzter Kraft hervor, »blast noch einmal Euer gutes Horn Olifant! Vielleicht vernimmt Kaiser Karl unsern Hilferuf.«

Der starke Paladin des Frankenkaisers blickte wehmütig über das Schlachtfeld hin, das von den Leichen der erschlagenen Mitstreiter bedeckt war. Er selber war zu Tode erschöpft. Doch dann tat er nach dem Geheiß des streitbaren Kampfgefährten und setzte das Horn an die Lippen. Und ob sie auch ausgedörrt waren nach dem erbarmungslosen Kämpfen, er blies so gewaltig, daß der Klang weit über das Schlachtfeld und weit in die Berge hinein drang. Er blies mit so markiger Kraft, daß sein ganzer Körper zitterte und daß die Schläfenader sprang. Wie der Seufzer eines Sterbenden drang der Hornruf durch die Lüfte – aber Karl vernahm ihn. Mit seinen schnellsten Reitern war er, von Sorge getrieben, dem Hauptheere vorausgeeilt und befand sich schon nicht mehr fern der grausigen Kampfstätte im Tal von Ronceval. Nun war ihm nicht mehr zweifelhaft, daß Roland, der beste seiner Paladine, in Todesnot war. Würde er noch rechtzeitig zur Rettung erscheinen?

»Blast mit Macht die Kriegshörner, damit meine Helden unsern Ruf vernehmen und wissen, daß Hilfe naht!« drängte der Kaiser die Seinen.

Doch nur noch die beiden überlebenden Frankenhelden, nur Roland und der todwunde Graf Turpin, vernahmen den Hornruf der Retter. Angsterfüllt aber hörten ihn zugleich die Sarazenen. Nur ein Gedanke trieb sie: Roland und seinen Waffengefährten zu Tode zu treffen und dann vor der Rache des Kaisers zu fliehen.

Vierhundert erlesene Sarazenenkrieger drangen auf Roland und Graf Turpin ein.

»Der Kaiser ist nah!« rief Roland seinem Kampfgefährten zu. Neue Kraft beseelte den herrlichen Helden. In wildem Kampfesgrimm bestieg er sein edles Streitroß und sprengte mitten in die Heidenritter hinein. Niemand konnte seinen wütenden Streichen widerstehen, doch unter der übermächtigen Zahl der feindlichen Speere, die aus der Ferne auf ihn wie Gewitterregen niederprasselten, brach sein starkes Streitroß Vaillantif leblos zusammen. Das Schwert in der Faust, stand der Held, aus ungezählten Wunden blutend, zu Fuß zu weiterem Kampf bereit.

Doch keiner der Sarazenen wagte dem unbezwinglichen Frankenkrieger entgegenzutreten. Da schritt Roland zu Graf Turpin, dem sterbensmüden Kampfgefährten, zurück. Sorgsam löste er dem Freund die beengende Rüstung, verband ihm die Wunden und reichte ihm zu trinken. Dann blickte er über das grausige Kampffeld hin. Scheu hielten die Sarazenen sich in sicherem Abstand. Da raffte Roland sich zu einer letzten Tat auf, die die Freundestreue ihm gebot. »Ich will die erschlagenen Paladine herbeitragen und sie hier vor Euch niederlegen«, sagte er zu dem todgeweihten Erzbischof, »damit sie aus Eurer Hand den heiligen Segen erhalten.«

So schritt er durch die Reihen der Gefallenen und hob sie auf. Leichnam auf Leichnam legte er vor dem Erzbischof nieder, und mit tränenerstickter Stimme hob Turpin die Hände und segnete sie: »Möge Gott eure Seele ins Paradies aufnehmen«, sagte er, »und auch meine dazu, denn noch heute werde ich mit euch vereint sein!«

Die unerbittliche Kampfeswut unter der glühenden Sonne und die unendliche Mühsal, der Schmerz um den Tod der Kampfgefährten und der Zorn über den Erfolg der Feinde waren zuviel für Rolands Ritterkraft. Zu Tode erschöpft, sank er neben der Reihe der gefallenen Frankenkrieger ins blutgeeränkte Moos des Felsengrundes. »Nur einen Schluck Wasser!« stieß er mit ausgedörrter Kehle hervor.

Mit übermenschlicher Kraft richtete Graf Turpin, zu Tode verwundet und sterbensmatt, sich auf. Er ergriff Rolands Horn Olifant und schleppte sich mit wankenden Knien zum nahen Bach, um es mit Wasser zu füllen. Doch die Mühe dieser edlen Freundestat ging ihm über die Körperkraft. Hier traf ihn der Tod: ein tiefer Seufzer entrang sich seiner Brust, und dann sank der fromme Gottesmann, der ein so wackerer Streiter seines kaiserlichen Herrn gewesen war, in das Moos.

So fand ihn Roland: die Hände friedlich über die Brust gekreuzt, lag der tote Erzbischof und hielt die gebrochenen Augen zum Himmel gerichtet, als wolle er Gott den Herrn bitten, ihn in sein ewiges Reich aufzunehmen. Weinend kniete Roland vor dem getreuen Mitstreiter. Dann bettete er ihn behutsam neben die gefallenen Paladine.

Er fühlte, daß nun auch ihm der Tod nahe war. Da schritt er, schwer sich stützend auf Durandal, sein treues Schwert, zur nahen Waldlichtung, wo vier mächtige Felsblöcke Schatten boten. Mit dem Rücken lehnte der Held sich dort an, um den Tod zu erwarten.

Unter den Gefallenen, die ringsum verstreut lagen, hatte sich einer der Maurenkrieger versteckt. Er hatte sich totgesteIlt, um in einer Kampfpause entfliehen zu können. Als er nun Kaiser Karls treuesten Paladin allein in seiner Nähe ruhen sah, glaubte er, es biete sich ihm eine leichte Gelegenheit, dem verhaßten Frankenhelden Schwert und Horn zu rauben. Katzengleich schlich er sich heran. Welchen Triumph würde es im Sarazenenlager bedeuten, wenn er Durandal und Olifant, Rolands berühmte Kampfbegleiter, heimbrächte!

Roland fuhr aus seiner Ohnmacht auf, als der heimtückische Mann ihm das Schwert abziehen wollte. Mit seinem Olifant traf Roland ihn so hart aufs Haupt, daß der Sarazene, zu Tode getroffen, hinsank. Traurig betrachtete der Held sein zersprungenes Horn: »Nie wieder wirst du bei froher Jagd oder auf dem Kriegszuge erklingen!«

In bitteren Gedanken wog er Durandal, sein gutes Schwert, in der Hand. Sollte er zulassen, daß es nach seinem Tode in Feindeshand falle? Da raffte er sich mit letzter Kraft auf und trat vor die Felswand. Mit einer Heldenkraft, wie sie ihm zu den besten Zeiten seines Kämpferlebens erfüllt hatte, führte er mit dem Schwerte einen furchtbaren Schlag auf den Stein, um die Klinge zu zerschmettern.

Doch war Roland der schwertgewaltigste unter Kaiser Karls Paladinen, so war Durandal das beste und härteste der Schwerter: es zerbrach nicht, ja es bekam unter dem wuchtigen Schlag nicht eine Scharte – anstatt zu zerspringen, spaltete Rolands Schwert den harten Felsen in zwei Teile!

»O Durandal«, rief der Frankenheld voll inniger Rührung, »du treuer Kampfgefährte! Kaiser Karl, mein Oheim, hat mich einst mit dir umgürtet, und wie viele Schlachten hast du mit mir siegreich bestanden – nun willst du auch auf dem letzten Wege nicht von mir lassen!«

Er ließ sich zu Boden gleiten und lag auf dem Rücken, den Blick zum Himmel gerichtet. Wie sollte er die Schmach verhüten, daß die herrliche Waffe den Heiden in die Hand falle? Mit schwindender Kraft raffte Roland sich auf seinem letzten Lager auf und legte das blanke Schwert unter sich, so daß er es ganz mit seinem Leibe deckte. Dann sprach er sein Gebet und bat Gott voll Demut um Vergebung seiner Sünden. Seine letzten Gedanken galten dem Kaiser, der mit seinen Franken bald von den Höhen herabsteigen würde.

In der Ferne, weit im Süden, wußte Held Roland die weichenden Sarazenen. Dorthin, nach Saragossa, richtete er das Haupt, um im Tode noch als Sieger feindwärts zu blicken.

So ereilte den Helden der Tod und entführte ihn in sein Reich; ohne Schmerzen verschied Roland, der treueste und tapferste von Kaiser Karls Paladinen. Wetterwolken zogen über den Abendhimmel, Blitze zuckten auf, und lautlos breitete sich dann milde die Nacht über die blutgetränkte Walstatt, über die Leichen so vieler erschlagener Krieger.

Mit dem Morgengrauen ertönte Hörnerschall von den nahen Waldbergen herüber. Mit Schrecken nahm Karl mit seinen heranrückenden Franken wahr, daß seine Paladine keine Antwort gaben. Warum ließ Roland nicht sein Horn erklingen? Entsetzen packte den Kaiser, als er mit seinen Helden ins Tal hinabspähte. Grauenvoll war der Anblick dieser Stätte des Todes. Der Kaiser wußte sich nicht zu fassen in Schmerz und bitteren Selbstvorwürfen. Warum hatte er dem Heere nicht zur Seite gestanden?

»Jetzt ist keine Zeit zum Klagen!« mahnte Herzog Neimes die Helden. »In der Ferne zeigt sich noch der Staub der flüchtenden Feinde. Wir müssen sie einholen, um den Verrat zu bestrafen und den Tod unserer Kampfgefährten zu rächen!«

Der Kaiser ließ zwei Grafen als Totenwache im Roncevaltal zurück und machte sich sogleich an die Verfolgung. Gräßlich war die Vergeltung, die seine Mannen übten; nur wenige Heiden entrannen dem Rachewerk.

Dann kehrten die Frankenkrieger zur Walstatt des Todes zurück und machten sich an die schmerzvolle, fromme Aufgabe, die Gefallenen zu bestatten. Das ganze Heer beweinte mit Karl die herrlichen Paladine und ihre vielen Getreuen, die ihr Leben geopfert hatten. Sie wurden alle mit Wein und Salben gewaschen und dann eingesalbt in alexandrinische Tücher gehüllt, damit ihre Leichen unverwest mit in die Heimat geführt werden konnten. Auf sein breites Schwert gestützt, stand Karl lange vor der Reihe der erschlagenen Paladine und vor seinem herrlichen Neffen, der wie schlafend im Grase ruhte. »Nie mehr wird es einen Helden für mich geben wie dich, stark und tapfer, treu bis in den Tod«, stieß er leise hervor. »Keinen besseren Freund hatte ich auf Erden als dich, lieber Neffe Roland!« Tränen schossen ihm aus den Augen, und der mächtige Kaiser schämte sich ihrer nicht. Mit inniger Rührung nahm er Rolands Schwert Durandal an sich, das der Held mit seinem Leibe geschützt hatte.

Aber noch standen die Franken vor einem schweren Strauß, denn dem König Marsilias, der sich mit wenigen seiner Sarazenenkrieger über den Ebrostrom gerettet hatte, eilte mit gewaltiger Streitmacht der Kalif Baligan von Babylon zur Hilfe. Hochfahrend verlangten seine Gesandten Unterwerfung und Tribut der Franken. Als Antwort stellte der Kaiser seine Krieger in zehn Heerbannen zum Kampf bereit und ließ die Kriegshörner blasen. Er selber setzte sich dem Heer an die Spitze. Die Kämpfer unter dem Drachenbanner Babylons glaubten leichtes Spiel zu haben, und in dem mörderischen Kampf, der zwei volle Tage in der weiten Ebene hin und her wogte, wurde auch mancher Frankenschild zerhauen und mancher Frankenkrieger leblos aus dem Sattel geworfen. Doch die Heidenkrieger unterlagen dem Siegesmut und dem Schwerte der Frankenhelden. Wild entschlossen suchte Kalif Baligan den Zweikampf mit Kaiser Karl selber, doch er war der Heldenkraft des Frankenkaisers nicht gewachsen. Erschlagen sank er mit Babylons Drachenbanner in den Staub, seine Mannen flohen voller Entsetzen.

Als Sieger zog Kaiser Karl in Saragossa ein. Nachsichtig verschonte er alle Feinde, die sich ihm unterwarfen.

Dann ging der reisige Zug heimwärts ins Frankenland nach Aachen. Mit Lorbeerzweigen bekränzt, hielten die Sieger ihren Einzug in die Kaiserstadt. In Fesseln wurde Ganelon mitgeführt.

Den Kaiser drängte es, Gericht zu halten über den Verräter, der aus Rachsucht und um schnödes Geld den edelsten der Frankenhelden samt zwanzigtausend Kriegern den Untergang gebracht hatte.

Mit trotziger Miene stand Ganelon vor der Gerichtsversammlung, zu der der Herrscher die Weisesten aus allen Teilen seines Reiches berufen hatte. Der Angeklagte bestritt hartnäckig jede Schuld. Da erkannten die beratenden Richter auf Gottesurteil. Der riesenstarke Graf Pinabal, ein Freund Ganelons, war bereit, für ihn einzutreten. Die Sache des erschlagenen Roland vertrat Gottfried von Anjou, schlank und von behender Gewandtheit. »Ganelon ist ein Verräter«, rief er, »und ich will Roland verteidigen, ob auch Pinabal ein hochberühmter Recke ist.«

Auf freiem Felde vor der Kaiserstadt Aachen standen die beiden Kämpfer einander gegenüber. Schon beim ersten erbitterten Zusammenprall zersplitterten die Lanzen. Da sprangen sie vom Pferde und setzten den Schwertkampf zu Fuß fort. Pinabal, seinem Widersacher an Kraft überlegen, konnte den von Anjou schwer am Halse verwunden und wollte ihm Gelegenheit geben, sich zu unterwerfen. »Gäbe ich nach, so wäre ich ein Schurke gleich Ganelon, den du schuldlos nennst«, rief Rolands Stellvertreter keuchend, und damit führte er einen so wuchtigen Schlag auf den Helm des Gegners, daß sein Schwert tief in Pinabals Haupt eindrang. Leblos sank der starke Recke zu Boden.

Auch die Ritter, die Ganelons Partei ergriffen hatten, mußten nun erkennen, daß ein Gottesurteil gesprochen war. Der Kaiser ließ die Gerichtsversammlung über die Vollstreckung entscheiden, und die weisen Richter erkannten für Recht, daß der verräterische Vasall, der so furchtbares Unheil über Kaiser Karls Getreue heraufgeführt hatte, von wilden Hengsten zu Tode geschleift werden sollte.

 


 

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