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Sagen aus Franken

: Sagen aus Franken - Kapitel 72
Quellenangabe
titleSagen aus Franken
typelegend
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modified20170929
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Till Eulenspiegel als Professor der Medizin

Till Eulenspiegel kam auch einmal nach Nürnberg. Er hatte sich mit einer großen Perücke, mit einem samtenen Barett und mit einem schwarzen Mantel zu einem berühmten Doktor der Medizin verkleidet Er ging geradewegs auf das berühmte, große Nürnberger Spital zu und besuchte den Bader, der die vielen Kranken im Haus versorgen mußte, und von dem jeder wußte, daß er lieber hinter dem Becher saß, als seiner Arbeit nachging. Der Professor der Medizin bot an, daß er alle Kranken, die damals im Spital lagen, in ganz kurzer Zeit so heile, daß sie freiwillig das Haus verließen.

Mit Freuden ging der Bader darauf ein. Man versprach dem Herrn Professor 200 Goldgulden, wenn ihm sein Werk so gelinge, wie er es angekündigt hatte. Seine Bedingung war nur, daß er mit jedem Kranken einzeln unter vier Augen sprechen könne.  Der Professor ging also von Bett zu Bett und flüsterte den Kranken ins Ohr:,,Ich will euch allen helfen. Ich brauch dazu nur eine Kleinigkeit, ein Pulver, das man aus getrocknetem Menschenfleisch machen muß. Ich will mich also nachher auf den Tisch stellen und rufen: »Wer laufen kann, der soll so schnell wie möglich das Spital verlassen! Aus dem letzten aber will ich dann das Pulver machen, mit dem ich den andern helfe.« Die Kranken waren voller Angst, aber keiner konnte mit dem andern reden; denn der Professor hatte streng befohlen, daß alles geheim bleiben müsse, weil er sonst überhaupt niemandem helfen könne. Am andern Morgen kam der Professor, stieg auf den Tisch und rief: »Wer gesund ist, soll das Spital sofort verlassen!« Da sprangen die Kranken, was sie konnten, nach der 'Tür und auch die Schwachen und Lahmen krochen und humpelten, so schnell sie konnten, die Treppe hinunter und hinaus zum Tor. Jedermann wunderte sich: das Spital war leer. In den Sälen war kein einziger Kranker mehr, und man zahlte dem Till die Summe von 200 Goldgulden aus.

An diesem Tag wollte der Bader seinen Abendschoppen ein wenig früher anfangen; aber wie er zur Haustüre hinausging, da hing vor seiner Nase der schwarze Mantel unter dem Barett mit der weißen Perücke des Professors. Ein Stück Papier war dabei; auf dem stand gemalt: Eine Eule neben einem Spiegel. Da wußte der Bader, was es geschlagen hatte, und vor ihm stand dichtgedrängt, Kopf an Kopf, die ganze Schar seiner Kranken; die wartete auf den Professor, daß er ihnen helfen sollte. Der war aber über alle Berge. So blieb dem Bader nichts übrig, als die Kranken alle wieder in ihre Stuben zu lassen, und so kam es, daß er an diesem Tag seinen Abendschoppen nicht früher anfangen konnte, sondern viel später als sonst.

 


 

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