Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > >

Sagen aus Franken

: Sagen aus Franken - Kapitel 60
Quellenangabe
titleSagen aus Franken
typelegend
created20010114
modified20170929
Schließen

Navigation:

Die Sensenschmiede von St. Jakob

Im 13. Jahrhundert war eine Siedlung von Sensenschmieden außerhalb der Nürnberger Stadtmauern neben dem weissen Turm um die Kapelle von St. Jakob herum. Die Sensenschmiede waren hitzige Leute. Sie gehörten nicht zur Nürnberger Bürgerschaft, sondern waren nur Schutzverwandte, d. h. sie durften sich neben der Mauer ansiedeln und konnten sich im Notfalle hinter die Mauen zurückziehen, wenn ein Feind allzu nahe herankam. Ihr ständiger Umgang mit scharfem, hartem, langem Eisen machte sie Stolz und heftig. Dabei waren sie aber fürsorgliche Vater und hingen an Weib und Kind. Jeder, der einem der ihren zu nahe trat, mußte sich sehr in acht nehmen, auch wenn er zum Herrenstande gehörte; sonst ging's ihm schlecht. Die Sensenschmiede wurden durch ihre Fürsorge für Weib und Kind und durch ihre Hitzigkeit einmal zu einer schweren Bluttat verführt, von der noch mancher Alte erzählt.

Es war in der Zeit, als die Wölfe im Reichswald überhand genommen hatten. Niemand außer den Herren durfte jagen im Wald So wurden die Untiere immer zahlreicher und frecher. Der Wald war damals größer und dichter als heute. Viele Laub Bäume, besonders Eichen und Linden, standen darin. Draußen in Wald lebten die Zeidler, d. h. Bienenzüchter, ein Völklein, das dem Kaiser selber untertan war, sein eigenes Zeidlergericht in Feucht hatte, in kleinen Dörflein und Einzelhöfen mitten im Wald lebt und jedes Jahr den Honig beim Burggrafen für die kaiserlich Tafel und bei den Lebküchnereien der Nürnberger Stadt abliefert Damals gab es ja im ganzen Abendland noch keinen Zucker. Was an Zucker durch die Kaufleute über Arabien und Venedig nach Deutschland kam, war teuer und mußte oft mit Gold aufgewogen( werden. Selbst für die reichsten und größten Herren war der Zucker für täglichen Gebrauch unerschwinglich. So mußten der Kaiser und sein Hof, wenn sie ihre Speisen süßen wollten und das wollten sie oft Honig dafür nehmen. Den Honig aber liefert die Zeidler aus dem Reichswald um Nürnberg herum und deswegen waren sie angesehen und besonders geschätzt beim Kaiser bei allen Herren und sogar bei den Nürnberger Bürgern, denn die hatten durch ihre Lebkuchenbäckereien, zu denen sie Honig brauchten, bei dem allgemeinen Mangel an Zuckerwaren, einen sehr großen Verdient. Im Oktober des Jahres 1264 – es war gerade wieder eine Zeit, in der ganze Rudel von Wölfen die Gegend unsicher machten kam ein Zeidler mit seiner Frau, mit einer schweren Honiglast beladen, nach Nürnberg. Ihre Hütte draußen im Wald mit ihren beiden Kindern Emma und Wolfgang hatten sie allein lassen müssen. Sie hatten streng befohlen, daß Wolfgang die Türe nicht öffnen und besonders auf sein kleine Schwesterlein Emma acht geben solle. Dafür hatten die Eltern versprochen, daß sie den Kindern Lebküchlein aus der Stadt mitbrächten. Die Kinder spielten in der Hütte bis gegen Abend. Da kam der Sohn eines anderen Zeidlers, der genau so alt war wie Wolfgang, d. h. etwa zehn Jahre, und in der Nähe wohnte. Er klopfte an das Fenster und es gelang ihm wirklich, den Wolfgang aus der Hütte herauszulocken. Die Tür blieb offen stehen und das vierjährige Schwesterlein lief dem Bruder nach ins Freie. Wie sie so spielten, hörte man plötzlich ein Fauchen in der Nähe, dann ein Bellen, zwei Wölfe sprangen daher. Der Nachbarsbub kletterte geschwind auf einen Baum und rief dem Wolfgang zu: »Schnell, Wolfgang, komm auch herauf zu mir, sonst fressen dich die Wölfe!« Aber Wolfgang erschrak bis ins Herz hinein. Er dachte zuerst an sein kleines Schwesterlein, nahm es auf den Arm und rannte, so schnell er konnte, auf die nahe Haustür zu. Und fast waren sie hineingekommen! Auf der Schwelle packte ihn ein Wolf an der Schulter und riß ihn zu Boden. Gleich darauf bissen die scharfen Zähne in seinen Leib und rissen ihm die Eingeweide heraus. Der andere Wolf biß einstweilen das kleine Mädchen unbarmherzig. Es rief noch ein paar mal: »Vater, Mutter, lieber Gott!« Zuletzt wimmerte es nur ein wenig. Die hungrigen Wölfe fraßen solange, bis nur noch die blutigen Knochen übrig waren. Da kamen die Eltern durch den Wald daher gewandert. Mit lautem Schreien verscheuchten sie die Wölfe. Sie sahen wohl die Knochen vor der Haustür liegen, dachten aber nicht daran, dass das ihre lieben Kinder seien. Sie suchten im ganzen Haus und riefen immerzu: »Emma, Wolfgang! Wo seid ihr denn? Kommt her! Die Wölfe sind fort. Wir haben euch Lebküchlein mitgebracht!« Da hörten sie drunten an der Haustüre die Stimme eines Knaben. Aber es war nicht ihr Wolfgang, sondern der Nachbarsbub, der vom Baum heruntergeklettert war und den armen Zeidlersleuten von dem Tod der Kleinen erzählen mußte.

Am Tag darauf, als der Burggraf Friedrich mit seiner Gemahlin, mit seinen sechs Kindern und seinem Gefolge bei Tische saß, entstand auf einmal großer Lärm an der Saaltüre. An den Wachen verbei bei, die sie aufhalten wollten, stürzte der Zeidler mit seiner Frau Die arme Mutter warf die blutigen Knochen ihrer Kinder auf den Boden vor die Gesellschaft hin und der Vater schrie: »Herr Reichsvogt, da ist meine letzte Steuer. Es sind meine Kinder! Gesten haben sie die Wölfe zerrissen, während ich und mein Weib euch den Honigzehnten brachten.« Erst war die ganze Tafelrund ganz erstarrt vor Schreck. Dann stand die Burggräfin auf und tröstete die arm Mutter; die Herren aber machten sogleich aus, daß sie am andern Tag eine große Wolfsjagd im Reichswald halten wollten, um da Untier auszurotten Am frühen Morgen bliesen die Hörner zur Jagd. Unter den sechs Kindern des Grafen Friedrich waren zwei junge Herrlein. Hans war 18 und Sigmund 16 Jahre alt. Beide waren schlank und kräftig herangewachsen; sie waren gut geübt in den Waffen und hattet schon oft bewiesen im Kampf und im Turnierspiel, daß sie Mut und Entschlossenheit besassen. Die grösste Freude war für die bei den jungen Herren, wenn sie im groBen Reichswald Bären und Wölfe jagen durften. Die beiden waren auch heut mit großem. Eifer dabei, und als die Jagd voranging, ritten sie allen voraus. Sie waren unbesorgt, wenn auch. am Morgen beim Auszug plötzlich ihre Mutter, die Burggräfin, bleich und mit rot geweinten Augen erschienen war und ihren Mann herzlich gebeten hatte die beiden Söhne nicht mit zur Jagd ziehen zu lassen. Sie habe einen so schrecklichen Traum gehabt. Die beiden hatten ihre Mutter ausgelacht: »Sei doch nicht abergläubisch!« Und auch der Burggraf Friedrich hatte sie beruhigt: »Dein Traum kommt nur von dem Schrecken und der Aufregung durch die beiden Zeidlersleute gestern mittag. Fürchte dich nicht, ich werde auf die beiden Jungen aufpassen, so gut ich kann!«

Die Hunde wurden losgelassen und im scharfen Ritt ging es den Teilen des Waldes zu, wo die Wölfe gemeldet waren. Viele Tiere wurden erlegt. Noch ehe die Sonne untergegangen war, waren achtzehn Wölfe und dazu sechs Eber, fünf Hirsche, zehn Füchse erlegt. Auf einer Waldwiese neben dem Schlößlein Lichtenhof wurde ein Tisch aufgeschlagen. Dort sammelten sich alle Jäger zum festlichen Schmaus. Der Weinbecher kreiste, fröhliche Lieder erklangen und in munteren Gesprächen ging die Zeit bis zum Abend hin. Burggraf Friedrich hatte schon an die in ängstliche Mutter Botschaft gesandt von dem guten Verlauf der Jagd. Als aber die Sonne unterging, mahnte er zum Aufbruch. In der Abenddämmerung kamen sie an die Stadtmauer. Der Vater ritt mit dem Gefolge gleich zur Burg; die Söhne ritten mit einigen Knechten zu einem Jagdschlößlein beim weissen Turm, um dort die Jagdbeute unterzubringen. Dabei mußten sie durch die Siedlung der Sensenschmiede reiten. Die beiden Junker waren bereits am Schlößlein angekommen und dort abgesessen. Da erscholl weit hinter ihnen in der Vorstadt der Sensenschmiede ein grässliches Geschrei; bald darauf war eine große Menschenmenge auf der Strasse und schob sich dort hin und her. Keiner wusste was geschehen war. Jeder fragte, aber keiner konnte Antwort geben. Die beiden Burggrafen warfen sich auf ihre Pferde und brachen sich Bahn durch die Menge. Plötzlich waren sie umringt von einem Haufen rußiger Sensenschmiede die mit Eisenstangen, mit Sensen und mit Beilen unter wildem Fluchen und Geschrei auf die Junker eindrangen. Sie kamen bis zum Tor eines Hauses. Da lag auf einer Bahre der blutige Körper eines Knaben. Die Mutter schrie wie wahnsinnig und warf sich über den Leichnam ihres Kindes und der Sensenschmiede Burkhard, der Vater, schwang ein schweres Beil gegen die beiden jungen Herrn. Die fragten umsonst, was denn das alles zu bedeuten habe. Die paar Knechte, die mit den Junkern die Jagdbeute in das Schlößlein hatten bringen sollen, wehrten mit starken Schlägen den wildenten Haufen ab und auch die Prinzen hatten ihre Schwerter gezogen. Burkhard war bereits so schwer getroffen, dass er am Boden lag und ringsherum lagen bald noch mehr. Aber die Sensenschmiede waren in zu grosser Übermacht. Nach tapferer Gegenwehr wurde 'Sigmund, der jüngere Sohn, von einem riesigen Schmied vom Pferde heruntergerissen und zusammengeschlagen. Hans wollte seinem Bruder zu Hilfe kommen. Plötzlich aber merkte er, dass sein Pferd an dem Bruder vorbei dahinstürmte. Mitleidige Leute hatten dem Pferd einen Hieb versetzt um den Junker zu retten. Aber schnell war er eingeholt und im nächsten Augenblick von den Schmieden ebenfalls umgebracht. Jetzt erst kam den wütenden Schmieden die Besinnung zurück. Ihr Gewissen erwachte. Ringsum hörte man Jammern der Reue und des Mitleids. Dann liefen die Leute auseinander. Keiner wollte mehr dabei gewesen sein. Die Knechte legten die Leichen ihrer jungen Herren auf ihre Spiesse, und traurig bewegte sich der Zug der Nürnberger Burg zu.

Jetzt erfuhr man auch, wie es zu der furchtbaren Bluttat gekommen war: Bei der Rückkehr durch die Vorstadt der Sensenschmiede hatten die Troßknechte die Hunde, die noch von der Jagd her wild und hitzig waren an zu langen Leinen geführt. Da dass ein vierjähriges Knäblein, der kleine Sohn des Meisters Burkhard, unter der Haustür, von seiner Mutter gegen den kühlen Abend vorsorglich in ein Wolfsfell eingewickelt. Kaum hatten die Hunde den Wolfspelz erblickt, da sprangen sie darauf los, und noch ehe die Troßknechte die Leinen angezogen hatten, hatten sie den »Wolf« gepackt und zerrissen. Es war aber das kleine Sensenschmiedsbüblein. Noch ehe die Knechte oder sonst irgend jemand zur Hilfe kommen konnte, war das Unglück schon geschehen Und gleich darauf hatte die hitzigen Sensenschmiede die furchtbare Wut gepackt.

Als der Zug mit den ermordeten Junkern auf die Burg kam, war dort der Schrecken groß. Die Ritter und die Knechte gerieten in den wildesten Zorn. Gleich machten sie sich auf, der Vorstadt der Sensenschmiede zu, um die Übeltäter furchtbar zu bestrafen. Aber der Burggraf Friedrich eilte ihnen nach und drunten auf der Pegnitzbrücke konnte er den Zug aufhalten. So weh ihm sein Herz tat, Er wollte nicht, daß noch weiteres Blut vergossen werde. Er versprach, daß er selbst ein strenges Strafgericht über die Schuldigen halten wolle.

Die Sensenschmiede aber warteten nicht auf die Folgen ihrer Bluttat. Als am nächsten Morgen Ritter und Knechte des Burggrafen vor den weissen Turm ritten, um die Schuldigen ausfindig zu machen, war die Vorstadt verlassen. Die Sensenschmiede waren noch in derselben Nacht mit Weib und Kind aufgebrochen und nach Donauwörth gezogen. Dort waren sie vor Strafe und Rache des Burggrafen sicher. In St. Jakob, neben. dem weisen Turm, liegen die Gebeine der beiden Junker Hans und Sigmund begraben.

 


 

 << Kapitel 59  Kapitel 61 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.