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Sagen aus Franken

: Sagen aus Franken - Kapitel 56
Quellenangabe
titleSagen aus Franken
typelegend
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modified20170929
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Der Schuß nach dem eisernen Christus

Vor dem Neutor, neben der kleinen Kirche ›Zum Heiligen Kreuz‹, steht ein Wirtshaus, das im Nürnberger Volksmund nur das ›Kreuzle‹ heißt, wurden einmal im Schwedenkrieg neue Söldner angeworben, die zur Besatzung für die benachbarten Schanzen bestimmt waren. Ungefähr 50 Soldaten saßen dort. Sie tranken und würfelten, sie fluchten und prahlten, daß es laut über die Straßen schallte. Jeder erzählte, was für Heldentaten er schon getan. Der größte aller aber war ein Riesenkerl mit starken Knochen, mit schwärzlichen Gesicht und tiefliegenden, stechenden Augen. Der schrie immer wieder: »Ich nehm's mit jedem auf. Mir ist kein Franzose, kein Schwede, kein Bayer zu stark!«

Um neun Uhr abends kamen die Streifen und geboten das Ende der Zeche. Das Wirtshaus wurde geräumt und die angeheiterten Soldaten zogen miteinander die Straße entlang der Schanze zu. Dabei mußte man am Johannisfriedhof vorbei. Der nächste Weg wäre mitten durch den Friedhof gegangen. Die Kameraden aber wollten einen weiten Bogen außen herum machen. Da rief der Riesenkerl: »Feiglinge, ihr fürchtet euch sogar noch vor den Toten! Ich fürchte mich nicht vor Tod und Teufel. Auch vor dem Herrgott fürchte ich mich nicht!« Und als einer von den andern ihm die Hand auf die Schulter legte und sagte: »Nimm nur dein Maul nicht gar so voll!«, da schrie er, daß seine Stimme kreischte: »Seht ihr dort der gekreuzigten Christus? Ich hab' keine Angst, ich schieß auf ihn und, daß ich ihn treff', das weiß ich!« Da rief einer der Kameraden aus dem Dunkel heraus: »Ein Geldstück gilt's! Du Prahlhans läßt es wohl bleiben!« Alle lachten, daß es über den Platz hallte. Aber der Betrunkene stürmte vorwärts auf das Kreuz zu. Erst lachten die Kameraden noch und rissen ihre Witze; dann aber wurden sie still und warteten. – Wirklich der Riesenkerl hob seine Pistole, richtete sie auf die Stirn des Heilands und schoß. Ein furchtbarer Schlag folgte. Ein Schrei war zu hören, der aus dem Mund des Schützen kam. Allen erstarrte das Blut in den Adern. Da sah man im Dunkel den Riesenkerl zusammenstürzen. Voll Entsetzen liefen die Soldaten in die Nacht. Sie kamen zur Schanze und meldeten der Wache, was geschehen war. Der Kommandant sandte eine Streife, und die fand den Soldaten, die Pistole in der Hand, tot liegen. In seiner eigenen Stirne saß die Kugel, die er auf den Heiland gerichtet hatte. Von der Tafel über dem Haupt des Gekreuzigten war sie zurückgesprungen! Heute noch zeigt man in der Tafel ein Loch, das von der Kugel herstammen soll.

 


 

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