Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > >

Sagen aus Franken

: Sagen aus Franken - Kapitel 33
Quellenangabe
titleSagen aus Franken
typelegend
created20010114
modified20170929
Schließen

Navigation:

Von der schönen Frau Huli aus Hasloch

Frau Huli ist der Sage nach eine holde, schöne Frau, in langes weißes Gewand mit weißem Schleier gehüllt, der ihr manchmal das Gesicht verdeckt. So erscheint sie in der Maingegend unweit Hasloch. Dort wohnt sie im Unteren Berge. Sie hilft gern frommen Mädchen und Frauen auf dem Feld, beim Spinnen und bei anderen häuslichen Arbeiten. Besonders mit alten, schwachen Frauen meint sie es gut. Wo sie geht, ist es strahlend hell in der finstersten Nacht; so leuchtet sie oft Verirrten und geleitet sie aus Bedrängnis und Not.

Nahe dem Mainufer, am Fuße des Unteren Berges, liegt ein flacher Stein, der »Frau-Huli-Stein.« Hier ruhte Frau Huli aus, wenn sie ermüdeten Mädchen die Gras-, Streu- oder Holzlast getragen hatte. Weil sie aber jedesmal an der gleichen Stelle Rast hielt, drückten sich im Laufe der Zeit von den Füßen der Körbe, den »Kötzenstollen,« Löcher in den Stein. Wer aber Frau Hulis Gebote nicht erfüllt oder ihre Hilfe verschmäht, dem tut sie ganz gewiß einen Schabernack an, daß er sein Lebtag dran denkt.

Die alte Klara Behringer aus Hasloch, das »Klärle,« trug einmal ihren Vettern, bei denen sie im Hause lebte, das Essen zu; die Männer arbeiteten im Wald am Unteren Berg. Dort, wo der Weg steil emporführt, konnte sie vor Müdigkeit fast nicht mehr weiter. Da kam Frau Huli aus ihrem Berg und erbot sich, der Alten den schweren Korb zu tragen. Klärle wollte aber nichts davon wissen und meinte, sie werde schon allein mit ihrem Korb fertig werden, sie habe ihn so lange getragen, da werde sie ihn auch noch länger tragen können; und überhaupt wolle sie mit Hexen nichts zu tun haben.

In demselben Augenblick war Frau Huli verschwunden, Klärle aber wußte plötzlich gar nicht mehr, wo sie war; sie kam vom Weg ab, kletterte ganz irre über Felsen und Steinhaufen und fand keinen Ausweg mehr. Die Vettern sahen den Vorfall von weitem mit an und sprachen untereinander: »Was hat denn nur heute unser Klärle vor?« Als sie aber ganz gefährliche Pfade zu wählen schien und sich durch das dichteste Dorngestrüpp drängen wollte, schrien ihr beide aus Leibeskräften zu: »Klärle, wo,naus?« Da kam die Alte wieder zu sich, der Zuruf hatte den Zauber gebrochen. Sie erkannte sogleich, wo sie hingeraten war, und begriff nunmehr, warum sie durch Dornen und Nesseln geführt wurde.

Es ist wohl zu verstehen, daß Klärle sich vornahm, ein andermal klüger zu sein und Frau Huli nie wieder durch ein Schmähwort zu kränken. Ob sie Gelegenheit hatte, ihren Vorsatz auch auszuführen, darüber weiß man nichts zu berichten.

Schlimmer erging es einem Manne aus Röttbach, der unterwegs im Wirtshaus zu Hasloch sitzengeblieben war und sich betrunken hatte. Als er endlich weitertorkelte, war es schon ganz dunkel. Der Weg führte stellenweise so nahe am Fluß entlang, daß einer leicht in den Main hätte fallen können. Auf einmal aber war es ganz hell vor ihm, so daß er das kleinste Steinchen auf der Straße sah. Das Licht spendete Frau Huli. Aber der Betrunkene schrie sie an: »Fort, du Lumpenmensch, du Hexe! Habe ich dich gerufen, mir zu leuchten?« Da war es gleich wieder finstre Nacht um ihn, und im Nu hatte er den richtigen Weg nicht mehr unter den Füßen. Plötzlich tat es hinter ihm einen Plumpser, als ob der ganze Untere Berg in den Main stürzte.

Der Schrecken machte den Mann ganz nüchtern. Er erkannte gleich, wo er sich befand: auf dem »Frau-Huli-Stein.« Noch einen Schritt weiter, und er lag im Main. Da machte er, daß er fort kam, aber nicht nach Faulenbach, wo er hinmußte, sondern zurück nach Hasloch in das Wirtshaus, das er vor kurzem verlassen. Die Wirtsleute sahen ihm gleich an, daß etwas Schreckliches geschehen sei.

Der Röttbacher getraute sich nicht mehr allein durch den Wald und bat sich einen Mann zur Begleitung aus. Als er zu Hause anlangte, legte er sich ins Bett und stand wahrhaft nicht mehr auf; schmerzhaftes Nervenfieber überfiel ihn, eines Tages trat der Tod ein.

 


 

 << Kapitel 32  Kapitel 34 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.