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Sagen aus Franken

: Sagen aus Franken - Die blaue Agnes
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titleDie blaue Agnes
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Die blaue Agnes

Heute noch steht auf der Burg der Sinwellturm (sin-well ganz rund); die Nürnberger nennen in einfach den Simpel. Das ist der Turm, nach dem der Nürnberger zum Spaß fragte: »Welcher Turm ist zugleich der dickste und der dünnste von allen Nürnberger Türmen?«. Das ist der Sinwellturm, denn er steht auf einem breiten Felsen, und so ist er unten der dickste von allen Türmen. Er selbst ist aber viel dünner als die andern Türme. Daher ist er zugleich der dickste und der dünnste. In seinem Innern ist nur eine enge Wendeltreppe, die in vielen Windungen und unzähligen Stufen hinaufführt bis zur Plattform, über der ein Stübchen für den Türmer gerichtet war. Dort wohnte Jörg Kohler, der Wächter, viele Jahre. Frau und Kinder waren ihm gestorben, und er lebte wie ein Einsiedler da droben in luftiger Höhe als Höchster der Stadt. Wenn es brannte, blies er das Feuerhorn, und sein Horn war gewöhnlich das erste von allen Turmwächtern, wenn irgendwo eine Flamme aufzüngelte. Er vertrieb die Zeit am Webstuhl und verdiente manchen Kreuzer damit. Er webte ein grobes Leinen und konnte es mit schöner, blauer Farbe färben. Wenn er einen Packen fertig hatte, dann stieg er hinunter und verkaufte drunten sein »Selbstgewobenes«. Von dem Geld, das er dabei bekam, kaufte er allerhand ein, was er sich wünschte für seine Einsamkeit da droben, und dann stieg er wieder in seine Einsiedelei hinauf. Als er wieder einmal mit seiner Last aus der Stadt heraufgestiegen kam und das hohe Stiegenhaus durch den Gang betrat, hörte er droben in der Finsternis ein menschliches Wimmern. Erschrocken blieb er stehen. Aber als das Wimmern wiederkam, stieg er mutig weiter und fand droben vor der verschlossenen Tür seines Kämmerleins ein kleines Mägdlein liegen. Er öffnete die Tür, machte Licht und sah, dass es ein armes Wesen war, halb verhungert, die Kleider zerrissen. Mit letzter Kraft war es die steilen hohen Treppen hinaufgekrochen und konnte nicht mehr weiter.

Jörg Kohler nahm das Mägdlein behutsam in seinen Arm, trug es in seine Kammer und bettete es dort weich. Es hatte die Augen aufgeschlagen, und seine zitternde Angst rührte den rauhen, alten Einsiedler. Der Jörg hatte manch guten Bissen und auch ein wenig Wein in der Stadt gekauft und in seinem Packen heraufgetragen. Er rieb dem Kind die Schläfen ein und gab ihm ein wenig zu knabbern. Bald wurde das Mägdlein munter. Es wußte aber seinen Namen nicht. Auch konnte es nicht sagen, wer seine Eltern waren. Es erzählte nur, dass es von bösen Leuten, die sich »Christen« nannten, aus der Heimat vertrieben und nun mit Eltern und Bekannten nach langem Wandern hierher nach Nürnberg gekommen war. Da war es den Eltern und den andern noch schlechter gegangen und das Kind war davongelaufen und hatte sich irgendwo verkrochen. Jörg merkte, dass es ein Judenkind war. Es hatte so freundliche Augen und sein Gesichtlein war schmal, aber feingeschnitten. Er beschloß, es bei sich zu behalten und nannte es Agnes. Jahrelang wußte kein Mensch von seinem Schatz. Das Kindlein blieb droben auf dem Turm und kam nie herunter in die Stadt. Jörg besorgte alles. Das Mägdlein wuchs heran, wurde 8, 10, 15 Jahre alt und erblühte schließlich zu einer wunderschönen Jungfrau. Der alte Einsiedler hatte nichts anderes, was er ihr als Kleid geben konnte, als seine selbstgewebte Leinwand. So trug das Mädchen nichts als blaue Kleider. Weil sie aber blond war, so standen ihr die Kleider besonders gut und es wollte später gar nichts anderes mehr tragen. Allmählich freilich sprach es sich herum, dass bei dem alten, weißhaarigen Jörg ein schönes, blondes Mädchen hauste, und man erzählte da und dort von der schönen, blauen Agnes. Das störte aber die beiden nicht Sie lebten glücklich zusammen, als wären sie wirklich Vater mit Tochter. Ungefähr zehn Jahre waren vergangen, seit Jörg das Mädchen im Dunkeln vor seinem Stübchen gefunden hatte. Agnes war ein fröhlicher Mensch. Von früh an hörte man ihre Lieder vom Turm herunterklingen. Dann saß sie am Spinnrad und später webte sie mit großem Geschick.

»Was machst du Agnes, wenn ich einmal gestorben bin, es wird nicht mehr lange dauern?« »Sei unbekümmert! Hat mich Gott to weit geführt, wird er für mich auch weiter einen Weg leiten!« Agnes fiel ihrem treuen, väterlichen Freud weinend um den Hals und bat ihn: »Sprich nicht von deinem Sterben, Vater. Bleib bei mir. Ich werde für dich sorgen, soviel ich kann« Als Jörg ganz alt geworden war, mußte Agnes für ihn hinuntersteigen in die Stadt und den Barchent verkaufen und dafür das Notwendige fürs Leben einhandeln. Dadurch wurde sie immer mehr in der Stadt bekannt Eines Nachts aber brach ein schwerer Brand in der Stadt aus. Alle Türmer hatten geblasen, nur der Sinwellturm blieb aus. Als der Brand gelöscht war, mußten ein paar Knechte hinaufsteigen und nachsehen, warum denn der Ruf des Feuerhorns vom Sinwellturm nicht erklungen war. Der »Feuerherr« (das war der Oberste der Feuerwehr in der Stadt) hatte sie geschickt Die Knechte fanden den alten Jörg tot Sein ganzes Stüblein war sonst in Ordnung und so als hätte eben jemand aufgeräumt. Die blaue Agnes aber war verschwunden, und niemand hat sie mehr gesehen. Nun beschloß der Rat, dass die Wache auf dem Sinwellturm nicht mehr besetzt werden sollte. Es wollte sich keiner finden, der bereit war, so weit von allen Menschen weg in die Einsamkeit zu ziehen. Fast 50 Jahre war kein Wächter mehr dort droben. Als aber im Jahre 1632, wie die Schweden im Land waren, wurde der Wächterposten neu besetzt, da war die »blaue Agnes« wieder da. Man hörte ihre Schuhe den Treppen auf- und ablaufen. In der Nacht hörte man ihre lustigen Liedchen und das Schnurren ihres Spinnrades. Zu sehen bekam man die Agnes nur selten. Aber wenn der Wächter einmal sich hingelegt hatte und gegen die Vorschrift seines Dienstes eingeschlafen war, dann kam die blaue Agnes und rüttelte ihm wach. Das ließ sich der Türmer gefallen. Außerdem waren die Treppen und das Zimmer jeden Morgen sauber gekehrt mit gewischt Aber bald erschien die blaue Agnes auch auf den andern Türmen und besuchte, warnte und bediente die Wächter der Stadt. Man hörte sie überall herumschleichen und geschäftig alles in Ordnung bringen, was durcheinander geraten war. Jeden großen Brand zeigte sie den Wächtern schon ein paar Tage vorher an. Sie hatte verschiedene Mittel, diese zu warnen: Bald läutete die Feuerglocke leise in der Nacht, ohne dass jemand den Strick berührt hatte; bald schwang das Feuerhorn an der Wand langsam hin mit her; bald blieben einmal alle Uhren stehen. So soll es noch heute sein. Die blaue Agnes ist der Schutzgeist aller Türme.

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