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Sagen aus der Steiermark

: Sagen aus der Steiermark - Kapitel 28
Quellenangabe
titleSagen aus der Steiermark
typelegend
senderharald.aichmayr@netway.at
modified20170929
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Der Untergang des Silberbergwerks in Zeiring

In Zeiring wurde ehemals ein reicher Silberbergbau betrieben. Große Mengen reichhaltigen Silbererzes wurden zutage gefördert, und die Knappen erhielten nicht nur ausreichenden Lohn, sondern auch einen Anteil an der Ausbeute. Da sie also Geld in Überfluß hatten, konnten sie ein gutes Leben führen, wurden bald übermütig und verübten allerlei tolle und lustige Streiche, waren auch manchmal so ausgelassen, daß sie selbst vor bösen Taten nicht zurückschreckten.

Gewöhnliche Kleider aus Tuch oder steirischem Loden genügten ihnen nicht, sie gingen in Samt und Seide gekleidet; die kostbarsten Weine, die sonst nur auf die Tafeln von Fürsten und Grafen kamen, mußten aufgetischt werden; das beste Wildbret aus den herrschaftlichen Wäldern war ihnen gerade gut genug und die verbotenen Fischwässer lieferten ihnen die schönsten Forellen und Saiblinge. Schmausereien und Zechgelage, an die sich übermütige Streiche schlossen, waren gang und gäbe. Trunk und Würfelspiel entweihten Sonn- und Festtage. Und so versanken die ausgelassenen Gesellen von einem Laster in das andere und waren um keine Schandtat verlegen.

Als die Knappen wieder einmal in das Bergwerk eingefahren waren und sich zur Arbeit begaben, traten vierzehn von ihnen, anstatt ihrer Pflicht nachzukommen, zur Seite, unterhielten sich miteinander und schwatzten vergnügt lachend über die Tollheiten, die sie tags zuvor ausgeführt hatten. Da stand unversehens ein altes, silberweiß glänzendes Männlein vor ihnen. Ein silbern schimmerndes Mäntelchen umhüllte seine kleine Gestalt, auf deren schmalen Schultern ein mächtiger Kopf saß, den ein breitkrämpiger silbern leuchtender Hut bedeckte. Haar und Bart waren weiß und reichten bis an den Gürtel; ein paar feurige Augen schauten finster aus dem faltigen Gesicht, das wie silbernes Mondlicht strahlte.

Erschrocken starrten die Knappen die Erscheinung an, das Männchen aber erhob drohend die Hand und rief mit furchtbarer Stimme: »Ich bin der Beherrscher der Gruben; alle Schätze, die hier im Berge liegen, sind mein Eigentum. Wenn ihr nicht ablaßt von eurem nichtswürdigen Tun und euren Anteil an meinen Schätzen zu gottlosen Taten benützt, anstatt ihn zum Nutzen und Frommen eurer Mitmenschen zu verwenden, wird euch meine Strafe furchtbar treffen. Die Gewässer der Berge, die ich bisher gehütet habe, werden die Gruben überschwemmen und den ganzen Bergbau zerstören. Ihr selbst aber werdet dann ein grausiges Ende im Berg finden. Sieben Jahre gebe ich euch zur Bekehrung und Besserung Zeit. Setzt ihr aber euer lasterhaftes Treiben fort, dann wird mein Fluch sich schrecklich erfüllen.«

Nach diesen drohenden Worten entschwand der Berggeist. Die schreckensbleichen Knappen gingen an ihre Arbeit und erzählten ihren Kameraden von der Warnung des Alten. Eine Zeitlang taten der ausgestandene Schrecken und die Furcht vor einem kommenden Unheil noch ihre Wirkung. Die Knappen hielten ihre bösen Gelüste in Zaum, und die Zustände in Zeiring besserten sich.

Aber die Besserung hielt nicht lange an. Schon nach wenigen Monaten verfielen sie wieder in ihr altes ausgelassenes Treiben, ja, sie gebärdeten sich bald noch toller und wilder als zuvor. Tagelang hielten sie sich in den Schenken auf; mit erhitzten Köpfen saßen sie streitend und fluchend ganze Nächte hindurch beim Würfelspiel; sie schoben mit silbernen Kugeln nach silbernen Kegeln; denn hölzerne genügten ihrem Hochmut schon lange nicht mehr. In ihrem frevelhaften Übermut gingen sie in der Trunkenheit so weit, ein blondlockiges Büblein zu morden. Jammernd mußten das arme Großmütterchen, das mit dem Kind des Weges gekommen war, die grausige Untat mitansehen. In Schmerz und Entsetzen entfiel ein Gefäß mit Mohnsamen der zitternden Hand der sprachlosen Alten, so daß die Mohnkörnlein weit verstreut auf der Erde umherlagen. Dann aber murmelte ihr zahnloser Mund eine gräßliche Verwünschung: »So viele Mohnkörner hier auf der Erde liege, so lange Jahre soll der Bergsegen in Zeiring gänzlich versiegen!«

Als diese entsetzliche Feveltat geschah, waren gerade sieben Jahre vergangen, seitdem der silberne Herr des Berges seine warnende Worte gesprochen hatte.

Am andern Tag furchen die Bergleute wieder zur Arbeit im Bergwerk ein. Eintausendvierhundert Knappen stiegen in das nächtliche Dunkel des Berges, um nie wieder in das helle Sonnenlicht zurückzukehren. Vor ihrer Einfahrt hatte ihnen ein tauber alter Bergmann mitgeteilt, daß er ein unheimliches Rauschen der Bergwasser höre, und sie ermahnt, die Einfahrt zu unterlassen. Sie aber verlachten die Warnung des Mannes und fuhren lustig und übermütig in die Grube hinab; nur der Alte blieb heroben.

Kurze Zeit darauf erbebte die Erde; ein tosendes Rauschen und Gurgeln wurde vernehmbar. Aus allen Wänden, aus unbekannten Schlünden, aus Boden und Decken brachen mit furchtbarer Gewalt ungeheure Wassermassen hervor, ergossen sich mit unheimlicher Schnelligkeit in alle Schächte und Gruben und vernichteten das Bergwerk mit allen Knappen, die eingefahren waren.

So strafte der Berggeist die übermütigen Frevler. Eintausendvierhundert Knappen mußten ihr Leben lassen, und reiche Schätze ruhen, von den Wassern bedeckt, ungehoben im Innern der Berge. Noch aber hat die Zahl der Jahre, die seitdem verflossen sind, die Anzahl der Mohnkörnlein nicht erreicht, und niemand weiß, wann dies eintreten wird.

 


 

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