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Sagen aus der Steiermark

: Sagen aus der Steiermark - Kapitel 27
Quellenangabe
titleSagen aus der Steiermark
typelegend
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modified20170929
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Der Wechselbalg von Wildon

Am Fuß des Schloßberges von Wildon entspringt zwischen grünenden Wiesen eine klare Quelle, die im Volksmund das Trudenbrünnlein heißt. Hier sollen zu gewissen Zeiten allerlei geheimnisvolle Geschöpfe, wie Hexen, Kobolde, Irrwische, ihr böses Unwesen treiben. Lange Zeit war diese Quelle auch der Lieblingsaufenthalt einer boshaften Trude, die stets von einem kleinen, dicken koboldartigen Wesen von abschreckender Häßlichkeit begleitet war.

Einst ritt ein Ritter von Wildon in einer mondhellen Nacht den steilen Burgweg herab. In tiefes Nachsinnen versunken, bemerkte er nicht, daß am Trudenbrünnlein hart neben dem Weg ein häßliches altes Weib saß, das, stumpfsinnig in das Wasser der Quelle starrend, Blumen abriß und vor sich hinwarf und mit einem Stäblein das Wässerchen zu trüben versuchte. Des Ritters Pferd hätte unfehlbar das alte Weib niedergetreten, wenn nicht ein kleiner, häßlicher Junge aus dem nahen Gesträuch hervorgesprungen und dem Pferd in die Zügel gefallen wäre, so daß es knapp vor der Alten zum Stehen kam.

Erschrocken blickte der Ritter um sich, das Weib aber erhob sich, trat, auf ihren Stab gestützt, ganz nahe an den Ritter heran und sprach in drohendem Ton: »Viel Glück auf dem Weg, Herr Ritter; denkt an mich wenn Ihr zu Eurem Kind kommt, und reitet fortan etwas vorsichtiger umher!« Ihre Miene verzog sich zu einem widerlichen Grinsen, und der häßliche Bube lachte laut auf; dann waren beide verschwunden, Schaudernd setzte der Ritter seinen Weg fort.

Bald darauf beschenkte die Schloßherrin ihren Gemahl mit einem liebreizenden Knäblein. Als der glückliche Vater sein Kind das erstemal in die Arme nahm, ertönte ein gellender Pfiff, und es dünkte den Ritter, als sähe er das häßliche Weib vom Brunnen her durch den Vorhof heranschleichen. Doch die Erscheinung verschwand wieder, und er freute sich, daß es eine Täuschung war. Mit festlichem Gepränge wurde nach einiger Zeit die Taufe des Kindleins begangen. Da war es dem Ritter abermals, als husche die unheimliche Alte durch den Saal und entschwinde gegen das Schlafgemach seiner Gemahlin. Von Unruhe erfaßt, eilte der Schloßherr ihr nach, konnte sie aber nirgends mehr erblicken. Bei Nacht, als der Ritter in tiefem Schlaf lag, schlüpfte das Trudenbüblein beim Fenster herein, setzte sich auf die Brust des Schlafenden und drückte ihm die Kehle zu. Nach Atem ringend, erwachte der Ritter aus beklemmenden Träumen, und tiefe Besorgnis um Mutter und Kind erfaßte ihn; Angsterfüllt lief er in das Schlafgemach seiner Gemahlin, wo Mutter und Sohn ruhig schlummernd im Bett lagen. Aber als der Ritter näher herantrat, sah er mit Schrecken, daß anstatt seines lieblichen, blondköpfigen Söhnleins ein derbes, rothaariges Kind am Herzen der Mutter ruhte.

Der Ritter dachte sogleich an die drohenden Worte der alten Hexe vom Wiesenquell und war sich darüber im klaren, daß sie ihre Hand im Spiel gehabt und das Kind ausgetauscht habe. Erzürnt wollte der den abscheulichen Wechselbalg packen und beim Fenster hinauswerfen, aber die sanfte Schloßfrau ließ es nicht zu; ihr erbarmte das Kindlein. Sie weinte dem eigenen Kind bittere Tränen nach, pflegte und erzog aber den fremden Knaben wie ihren eigenen Sohn.

Die Kunde von diesem Geschehnis verbreitete sich bald überall. Man forschte allerorts nach dem Söhnlein des Schloßherrn, und dieser schickte Knappen und Diener aus, die nach dem verschwundenen Kind überall suchen sollten. Aber keine Spur war zu finden, die ausgesandten Boten kehrten unverrichteter Dinge zu ihrem Herrn zurück.

Da machte sich der bekümmerte Ritter selber auf den Weg, um landauf und landab selbst in den entlegendsten Winkeln Nachforschungen nach dem Kind anzustellen. Auf seiner Fahrt suchte er eines Tages im tiefen Wald in einer rußigen Köhlerhütte Schutz und Obdach vor einem hereinbrechenden Unwetter. Freundlich trat ihm die Köhlerfrau entgegen, auf den Armen ein allerliebstes, blondgelocktes Knäblein. Mit einem freudigen Ausruf erkannte der Ritter sogleich sein eigenes Kind; denn es hatte auf der linken Wange ein kleines, ihm gar wohlbekanntes Mal. Das gleiche hatte auch sein Söhnlein getragen; er nahm der Köhlerin das Kind aus den Armen und herzte und küßte es mit überquellender Freude. Dann fragte er die Köhlersleute, wie sie zu dem Kinde gekommen seien. Da sagte die Frau, es sei nicht ihr eigenes Kind; sie habe ein kräftiges rothaariges Knäblein geboren, das sei aber bald nach der Geburt von unbekannter Hand gegen dieses zarte Geschöpf ausgetauscht worden. Nun erzählte der Ritter, daß auch sein Kind vertauscht worden sei und das rothaarige Büblein der Köhlerin sich wohlbehalten auf der Burg Wildon befinde.

Überglücklich nahm der Ritter sein geliebtes Söhnchen sogleich mit heim aus seine Burg, und glückstrahlend hieß die treue Gattin ihren edlen Gemahl mit dem wiedergefundenen Knäblein zu Hause willkommen. Der rothaarige Köhlerbub wurde seinen Eltern unverzüglich zurückgebracht, und die Freude in der Köhlerhütte war nicht geringer als im Ritterschloß. Als dann der Köhlerknabe zu einen stattlichen Burschen herangewachsen war, trat er in die Dienste des jungen Ritters und folgte ihm als treuester aller Knappen auf allen seinen Fahrten und Kriegszügen.

Von der bösen Alten vom Trudenbrunnen und ihrem häßlichen Jungen aber hat niemand mehr etwas gesehen oder gehört.

 


 

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