Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > >

Sagen aus der Steiermark

: Sagen aus der Steiermark - Kapitel 26
Quellenangabe
titleSagen aus der Steiermark
typelegend
senderharald.aichmayr@netway.at
modified20170929
Schließen

Navigation:

Der Schatz der Stubenberger in der Schöckelhöhle

Auf der heute in Trümmer zerfallenen Burg Oberkapfenberg im Mürztal saßen voreinst zwei Brüder aus dem Geschlecht der Stubenberger. Sie waren gar wilde und unbändige Herren, die ein echtes Raubritterleben führten und auch den benachbarten Rittern manchen harten Strauß lieferten. Da sie auch dem Kloster Abbruch taten, wo sie nur konnten, wurden sie vom Papst in Acht und Bann getan. Sie ließen sich aber dadurch in ihren tollen Streichen nicht behindern und trieben es schließlich so arg, daß die ergrimmten Ritter sich zusammentaten und den beiden Schnapphähnen hart an den Leib rückten. Der aufgebotenen Übermacht aber waren die Stubenberger um so weniger gewachsen, als auch ein Teil ihrer reisigen Knechte von ihnen abgefallen war. Deshalb rafften sie ihre erbeuteten Reichtümer zusammen, verließen die Burg Oberkapfenberg und zogen, von wenigen Getreuen begleitet, in die damals fast unzugänglichen Waldschluchten am Nordfluß des Schöckels, wo sie sich die Feste Stubegg erbauten, deren Ruinen noch heute am Eingang der Raabklamm zu sehen sind.

Bald darauf rüstete Kaiser Friedrich II. zu einem Kreuzzug ins Heilige Land, an dem sich auch der Herzog von Österreich beteiligte. Da nach der Überlieferung ein Ahnherr der Stubenberger als römischer Hauptmann am Grabe Cbristi Wache gehalten hatte, wollten auch die beiden Brüder die heiligen Stätten mit eigenen Augen sehen und hofften zudem, sich durch den Kampf gegen die Ungläubigen vom Kirchenbann zu lösen. Daher beschlossen sie, am Kreuzzug teilzunehmen.

Bevor sie aber die Heimat verließen, wollten sie ihre Schätze in Sicherheit bringen. Sie begaben sich auf den Schöckel, um eine geeignete Stelle zu suchen, wo sie ihre Reichtümer verbergen könnten. Am Fuß des schon damals bestehenden Schöckelkreuzes fanden sie zwischen Klüften und hohem Geröll eine geräumige Höhle und schafften in stiller Nacht mit Hilfe einiger weniger Getreuen die Schätze und Kostbarkeiten in einer eisernen Truhe an diesen Platz. Den Eingang der Höhle verschlossen sie mit einer starken Eisentür, die sie mit Moos und Steinen bedeckten und unkenntlich machten. Die Schlüssel zur Truhe und Eisentür nahmen die Ritter an sich, übergaben die Burg der Obhut eines getreuen Vogtes und zogen mit allen Helfern und Mitwissern des Geheimnisses nach Welschland, wo sie sich dem Zuge der Kreuzfahrer anschlossen.

Mehrere Jahre waren seit dem Auszug der Schloßherren verstrichen. Da kam eines Tages ein Pilger aus dem Heiligen Land nach Stubegg und überbrachte dem Burgvogt die traurige Nachricht, daß beide Herren von Stubenberg im Kampf um das Heilige Grab ihr Leben gelassen hätten. Er selbst habe einem der Brüder die Augen zugedrückt, und dieser habe ihm vor seinem Tode das Geheimnis des verborgenen Schatzes anvertraut und ihm die beiden Schlüssel übergeben, damit der Burgvogt den Schatz den überlebenden Sprossen des Geschlechtes einhändigen könne. Der erstaunte Vogt machte sich mit dem Pilger auf den Weg, um die Höhle beim Schöckelkreuz aufzusuchen und den Auftrag seines Herrn auszuführen. Wochenlang forschten sie eifrig nach der Höhle und dem Schatz, doch alle Mühe war vergebens; sie konnte das Versteck nicht finden. Zu guter Letzt verloren sie bei ihrem Suchen auch die beiden Schlüssel. Sie gaben nun alle weiteren Nachforschungen auf; der Schatz der Stubenberger blieb unentdeckt, und allmählich geriet die Sache in Vergessenheit.

An die hundert Jahre waren darüber vergangen. Da lebte in Gschaid bei Weiz ein Stubenbergischer Untertan namens Georg Geßgruber, ein armer Bauer, der ein Häuflein Kinder und kein Brot in seiner Hütte hatte. Dieser suchte an einem kalten Wintertag kurz vor Weihnachten in der Nähe des Schöckelzuges nach Klaubholz, um seinen Kindern zu den Feiertagen wenigstens eine warme Stube bieten zu können. Während er murrend die dürren Aste und Zweige zusammentrug, bemerkte er nicht, daß plötzlich ein kleines Hirtenbüblein von etwa vierzehn Jahren aufgetaucht war; das ihn schon längere Zeit beobachtete. Da rief der Junge den Holzsammler an und fragte:

»Was murrst du da und mühst dich ab?«

Erschrocken wandte sich der Bauer um und erwiderte, als er den Knaben sah, unwirsch: »Soll ich nicht ärgerlich sein, wenn mir der Magen knurrt und zu Haus fünf Kinder auf Brot warten, während ich nicht weiß, woher ich es nehmen soll!«

»So komm doch mit mir«, meinte der Knabe, »das wird dir viel mehr helfen als das mühselige Holzsammeln.«

»Was soll mir das helfen?« brummte der Bauer und besah sich den Kleinen näher. Da bemerkte er, daß in der noch herrschenden Dunkelheit die Augen des Knaben wie feurige Kohlen glühten, und ein unheimliches Gefühl beschlich ihn.

Das Büblein erkannte die aufsteigende Angst des Mannes, faßte ihn bei der Hand und sagte: »Du brauchst dich nicht zu fürchten, es wird dir kein Leid geschehen. Wenn du mit mir gehst, will ich dir einen Schatz zeigen, der dich unermeßlich reich machen soll.«

Halb war es die Neugierde, halb die Überredungskunst des Knaben, die den Bauern schließlich doch bewogen, jenem zu folgen. Sie kamen nach kurzer Zeit zu einem Wacholderstrauch, hinter dem der Bauer zwischen Steinen und Moos eine eiserne Tür erblickte. Der Knabe zog zwei Schlüssel aus der Tasche und forderte seinen Begleiter auf, die Tür damit aufzusperren. Neugierig tat der Mann, wie ihm geheißen; knarrend bewegte sich die Tür in den rostigen Angeln, und eine Höhle tat sich vor ihm auf, aus der ihm tiefe Dunkelheit entgegengähnte. Da hielt der Knabe plötzlich eine flammende Fackel in den Händen, bei deren flackerndem Schein der Bauer nun schaudernd bemerkte, daß der Knabe ganz schwarz war und seine Augen noch feuriger und unheimlicher glänzten.

Zögernd folgte er seinem Führer. Sie betraten nacheinander drei hallenartige Räume. In der ersten und zweiten Halle lag je ein mächtiger Kohlenhaufen, im dritten Raum aber standen sieben große eiserne Truhen, die ein riesiger schwarzer Hund mit rollenden Augen knarrend bewachte. Jetzt sagte der kohlschwarze Knabe mit den unheimlich glühenden Augen, die immer größer und größer wurden, zu dem zitternden Bauern: »Hast du dir alles gut angeschaut?« Und als dieser wortlos nickte, fügte er hinzu: »Nun komm mit mir in die zweite Höhle zurück!« Hier machte er halt und befahl ihm: »Nun stecke dir zwei Hände voll Kohlen in die Taschen!« Der Mann gehorchte. Hierauf gingen sie wieder ins Freie hinaus, wo der Bauer auf Geheiß des Jungen die Kohlen bei Tageslicht beschaute. Da sah er, daß sich die Kohlenstücke in ebensoviel Goldstücke verwandelt hatten.

Nun sprach der Knabe in ernstem Ton: »Du darfst, solange du lebst, täglich hierherkommen und dir jedesmal zwei Hände voll Kohlen, aber nur von dem Haufen, der im mittleren Gewölbe liegt, mitnehmen. Aber sei verschwiegen und wahre das Geheimnis, sonst wird es dir schlecht ergehen! Wenn man dich aber einmal zwingen sollte, dein Stillschweigen zu brechen, dann übergib die beiden Schlüssel mitsamt dem daranhängenden Pergamentstreifen deiner vorgesetzten Obrigkeit!«

Der Bauer versprach, das Gebot zu halten. Als er die eiserne Tür wieder versperrt und den Schlüssel zu sich gesteckt hatte, war das unheimliche Büblein verschwunden, als hätte es der Erdboden verschlungen.

Nahezu anderthalb Jahre genoß der Bauer sein Glück. Täglich stattete er der Schatzhöhle auf dem Schöckel einen Besuch ab, entnahm dem Haufen zwei Hände voll goldener Kohlen und wurde ein wohlhabender Mann, dessen Kinder keine Not mehr zu leiden brauchten. Er kaufte Äcker, Wiesen und Weingärten; Kisten und Kasten füllten sich mit blinkenden Goldstücken. Aber als ein stattlicher Bauernhof, den er an Stelle seiner früheren armseligen Hütte erbaut hatte, seinen Reichtum besonders auffällig machte, begannen sich der Neid und das Mißtrauen der Leute mit seinem unerklärlichen Glück zu beschäftigen, und er kam sogar in den Verdacht eines Zauberers.

Schließlich drangen die Gerüchte über den zauberhaften Reichtum des Bauern auch seinem Grundherrn, Graf Ulrich von Stubenberg, einem Nachfahren der beiden Brüder Stubenberg, zu Ohren. Der ließ den stolzen Emporkömmling zu sich kommen und fragte ihn mit strenger Miene: »Woher rührt das Geld, mit dem du so herumwirfst?«

Trotzig erwiderte der Bauer: »Gestohlen habe ich es nicht! Woher es stammt, wird mein Geheimnis bleiben. Aber damit Ihr als Grundherr Euren Teil abbekommt, will ich Euch jeden Tag eine Handvoll Gold bringen.«

Und wirklich erschien der Bauer schon am nächsten Tag mit einem faustgroßen Goldklumpen und legte ihn vor den erstaunten Grafen hin. Da erinnerte sich der Stubenberger der Überlieferung vom verschwundenen Schatz seiner Vorfahren und fuhr den Bauern an: »Du hast den Schatz meiner Ahnen gefunden und raubst ihn nun aus! Ich werde dir dein Geheimnis schon entreißen!«

Georg Geßgruber wurde den Folterknechten überantwortet und mußte in der Folterkammer alle Qualen der Tortur erdulden. Unter furchtbaren Schmerzen gestand er endlich sein Geheimnis und versprach, dem obersten Grundherrn das Versteck des Schatzes zu zeigen. Als er wieder zu gehen imstande war, führte er, noch immer mit wankenden Knien, den Grafen Ulrich den Schöckel hinan zum Wacholderstrauch, wo der Zugang zum Schatz der Stubenberger sein sollte. Sie fanden den grünenden Strauch, sahen ringsum Gestrüpp und Geröll, doch die eiserne Tür war verschwunden; niemand konnte den Eingang der Höhle auffinden, niemand hat den Schatz bisher wiederentdeckt.

Die beiden Schlüssel, die der Bauer seinem Herrn übergeben hatte, werden von der Familie Stubenberg aufbewahrt bis zum heutigen Tag; denn die Schrift auf dem anhängenden Pergamentstreifen lautet »Die Herren von Stubenberg sollen die Pergamentstreifen und die Schlüssel behutsam aufheben, es wird ihnen dadurch einmal noch ein großes Glück beschert werden.«

 


 

 << Kapitel 25  Kapitel 27 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.