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Sagen aus der Steiermark

: Sagen aus der Steiermark - Kapitel 14
Quellenangabe
titleSagen aus der Steiermark
typelegend
senderharald.aichmayr@netway.at
modified20170929
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Die Bewährungsprobe auf dem Masenberg bei Pöllau

Zwischen den Orten Pöllau und Vorau erhebt sich der waldige Masenberg. An seinen mit Geröll und dürftigem Gras bedeckten Hängen weidete einst ein armer Schäferjunge Tag für Tag die ihm anvertraute Herde. Oft lag er bäuchlings auf einem Felsblock und sah den kleinen Lämmchen zu, wie sie munter umherhüpften und sich hie und da ein saftiges Kräutlein zwischen den Steinen herausrupften. Wenn es dann dem Mittag zuging und die Sonne heiß auf ihn und sein vierbeiniges Völklein niederbrannte, trieb er seine Schützlinge zusammen und suchte mit ihnen den kühlen Schatten des nahen Waldes auf. Dort setzte er sich auf einen bequemen Stein unter einem buschigen Haselstrauch und verzehrte sein karges Mittagmahl, das zumeist aus einem Stück Schwarzbrot und einer Handvoll selbstgepflückter Beeren bestand. Eine klare Quelle, die in der Nähe aus dem Felsen brach, bot ihm und den Tieren erfrischenden Labetrunk.

Als er wieder einmal so dasaß und heißhungrig sein ärmliches Mahl zu sich nahm, überdachte er seine Armut und beklagte seine traurige Lage. »Ach«, sprach er vor sich hin, »ich und meine Schafe, wir sind wohl recht arm daran. Mein ganzer Lohn besteht in diesem Stückchen Schwarzbrot, das kaum ausreicht, meinen Hunger zu stillen, und meine armen Schafe müssen sich jeden Tag ihr knappes Futter auf dieser mageren Weide zusammensuchen und leiden sicher nicht weniger Hunger als ich. Wenn ich nur ein bißchen reich wäre, so sollte es mir besser ergehen, und meinen Schafen würde ich den fettesten Weideplatz verschaffen, den ich finden könnte!«

Kaum hatte der Knabe diese Worte zu sich gesprochen, als er einen alten Mann vor sich stehen sah, den er bisher noch nie getroffen hatte. Dieser blickte ihn eine Weile ernst und forschend an und sagte dann: »Liebes Kind, klage nicht! Du bist jung und kannst noch immer dein Glück machen, du braucht daher nicht zu verzagen. Schon mancher arme Junge ist zu Ansehen und Wohlstand gekommen, wenn er es nur verstanden hat, die gebotene Gelegenheit richtig zu erfassen und festzuhalten. Du hast bei deiner Klage nicht nur an dich, sondern auch an deine Tiere gedacht. Das gefällt mir: ich will dich für deine Gutherzigkeit belohnen und in die Lage versetzen, Reichtum und Glück, zu erlangen. Komm und folge mir!«

Der rätselhafte Alte führte den erstaunt horchenden Jungen mit sich in eine abseits gelegene Felsschlucht, aus der ein langer, dunkler Gang in den Berg führte. Der schmale Weg endete an einem düsteren Gewässer, über das ein e schmaler Steg gelegt war. An seinem Ende befand sich eine verschlossene Tür, die sich von selbst vor den Ankommenden öffnete. Als der Knabe mit seinem Führer über die Schwelle getreten war, sah er sich in einem weiten, lichten Gewölbe, in dessen Mitte eine große eiserne Truhe stand; sie war bis zum Rande mit glänzenden Goldstücken gefüllt.

»Schau her«, sagte der alte Mann, »hier ist der Schatz, der dich reich und glücklich machen kann. Nimm dir davon, so viel du willst; aber gebrauche ihn richtig und vor allem, sage niemanden ein Wörtchen darüber, wie du zum dem Gold gekommen bist!«

Mit freudeglänzenden Augen versprach es der Junge und füllte alle seine Säcke mit Gold so an, daß er kaum mehr zu gehen vermochte.. Dann verließ er mit seinem Begleiter den Raum, dessen Tür sich hinter ihnen wieder schloß, und gelangte über den Steig und durch den dunklen, schmalen Gang wieder ins Freie.

Als er sich, draußen angelangt, umsah, um sich den Weg zur Schatzhöhle fest einzuprägen, sah er nichts als steile Felswände; auch der geheimnisvolle Alte war verschwunden. Nun griff er in die Taschen, um sich zu überzeugen, ob sie wirklich mit Goldmünzen gefüllt seien und nicht etwa ein böser Traum ihn genarrt habe. Aber es waren wahrhaftig lauter glänzende Dukaten, die er aus den Säcken zog, und übermütig rief er aus: »Nun mag Schafe hüten, wer da will; mich sehen die dummen Tiere nimmermehr. Ich bin reich und weiß mir etwas Besseres zu tun, als Schafhalter zu sein.« Und schleunigst lief er in das heimatliche Dorf und erzählte, ohne an sein Versprechen zu denken, frohlockend den Leuten, was er erlebt hatte. Dabei griff er in die Taschen, um die Wahrheit seiner Erzählung zu beweisen, und zog – eine Handvoll Kieselsteine heraus. Lachend verspotteten ihn die einen, andere aber waren erbost über das lügenhafte Geflunker des Hirtenbuben, der sie nach ihrer Meinung zum besten halten wollte, und schickte ihn mit einer Tracht Prügel zu seinen Schafen zurück.

Heulend und voll Zorn rannte der Junge zu seiner Herde zurück, wo er den seltsamen Alten auf einem Stein sitzen sah. Mit groben Worten fuhr er auf ihn los und schalt über den Streich, den er ihm boshafterweise gespielt habe. Aber der Alte antwortete ihm in ernsten und verweisenden Ton: »Du hast die Probe nicht bestanden und dich im Glück nicht bewährt. Du ließest deine Herde im Stich und vergaßest auf das Versprechen, das du mir gegeben hast; deshalb verwandelten sich die Goldstücke in Kieselsteine!«

Nach diesen Worten erhob sich der Alte und verlor sich im Dunkel des Waldes. Der Schäferjunge aber mußte weiter seine Schafe hüten und hatte tagaus, tagein Zeit und Muße genug, sich über seinen Eigennutz und seine Dummheit zu ärgern und darüber nachzusinnen, wie schön es gewesen wäre, wenn er es verstanden hätte, die Gelegenheit zum Glück richtig zu fassen und festzuhalten.

 


 

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