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Sagen aus der Pfalz

: Sagen aus der Pfalz - Kapitel 9
Quellenangabe
titleSagen aus der Pfalz
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Der Rabe auf der Burg Stolzeneck

Einst zog der Ritter von Stolzeneck ins Heilige Land. Seine Schwester, eine blühende Jungfrau, ließ er unter dem Schutze treuer Diener auf der Burg zurück. Ein Ritter aus der Nachbarschaft verliebte sich in das Burgfräulein und warb um seine Hand. Doch die Jungfrau wies ihn ab und schenkte auch allen späteren Werbungen des Ritters kein Gehör. Erzürnt schwur dieser bittere Rache. Er berannte die Burg, eroberte sie ohne großen Widerstand, da die Hauptverteidiger fern waren, und ließ alle Bewohner töten, nur das Burgfräulein nicht. Als es sich aber nach wie vor weigerte, seine Braut zu werden, befahl er, es in den Turm zu werfen, und gelobte, das Fräulein dort verhungern und verdursten zu lassen, wenn es ihn nicht erhöre.

Auch nach dem zahmen Raben, dem ständigen Begleiter des Fräuleins, hatte der Ritter sein Schwert geschwungen. Doch dieser war ihm entkommen. Täglich stellte sich der Ritter nun beim Gitterfenster am Burgturm ein, wo die Jungfrau schmachtete, und fragte, ob sie ihm noch immer ihr Jawort nicht geben wolle. Doch stets erhielt er die gleiche Absage. Voll Zorn entfernte er sich jedesmal. Am meisten wunderte es ihn, daß das Burgfräulein, dem doch nie eine Speise gereicht wurde, sich noch immer aufrecht halten konnte. Er wußte natürlich nicht, daß der treue Rabe ihr täglich Beeren und Früchte brachte. Auch entwendete der Vogel manchmal in einer Küche eine Schnitte Brot, ein anderes Mal ein Stück Fleisch und legte es seiner geliebten Herrin vor.

Jahre vergingen, bis die Kämpfe im Heiligen Lande beendet waren, und nun kehrte der Ritter von Stolzeneck wieder heim. Seine Burg fand er verlassen, auf Bäumen und Dächern lärmte eine Schar Raben.

»Schwester, liebe Schwester«, rief der Ritter laut, als er über den öden Burghof schritt. Leise antworteten ihm schmerzliche Laute hinter dem Turmgitter. Nun eilte er dorthin und erfuhr, was geschehen war.

Starr vor Entsetzen über diese Untat stand der Heimgekehrte noch am Gitter. Da kam der Urheber all dieses Übels herangeritten, um sich heute das Jawort des Burgfräuleins zu holen. Als er aber den Kriegsmann am Kerkergitter stehen sah, zog er sein Schwert, um den Unbekannten zum Kampf zu fordern. Plötzlich krächzte der Rabe des Burgfräuleins laut auf, flog dem Ankömmling wütend entgegen und hackte auf seine Augen los. Wie eine schwarze Wolke schossen nun all die andern Raben herbei und kratzten dem Bösewicht die Augen aus. Der Frevler stürzte zu Boden, und der Ritter von Stolzeneck stieß ihm sein Schwert in die Brust. Dann öffnete er den Kerker seiner lieben Schwester, die ihm freudetrunken um den Hals fiel.

Das Bild des treuen Raben wurde in Stein gehauen und in einem Bogen der Burg angebracht. So verkündet dies Bildnis der Nachwelt die Treue und Liebe des Stolzenecker Raben.

 


 

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