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Sagen aus der Pfalz

: Sagen aus der Pfalz - Kapitel 5
Quellenangabe
titleSagen aus der Pfalz
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Die Lilie zu Altenbaumberg

Zu Altenbaumberg an der Alsenz wuchs alljährlich mitten im Schloßhof an einer Stelle, wo der Boden unheimlich hohl klang, ein Lilienstengel auf, der immer nur zwei Blüten trieb. Selbst das Steinpflaster konnte ihm nicht hinderlich sein, und sooft man ihn auch abbrach, er kam immer wieder. Suchte man nach der Zwiebel, so fand man im Boden nur Erdreich; aber Modergeruch stieg deutlich daraus empor.

Um die gleiche Zeit wohnte in einem kleinen Turmgemach des Schlosses ein uralter Raugraf, der schon über zweihundert Jahre zählte – es war als ob ihn der Tod vergessen hätte. Stumm und taub, konnte er niemand sein Leid klagen, das jedermann in seinen Zügen las. Allabendlich wankte er, auf seinen Stab gestützt, zu der wundersamen Lilie, mit deren Blüten sein langer Bart an Weiße wetteiferte, kniete nieder und weinte bittere Tränen.

Da kehrte einmal, als der Greis wieder bei den Lilien weilte und sie mit seinen Tränen begoß, ein Pilger im Schloß ein und wurde von dem Burgherrn, einem jungen Raugrafen, gastlich aufgenommen. Beim Anblick des leidenden Alten sprach der ehrwürdige Wanderer: »Dir soll bald Trost werden, du hast genug gebüßt.« Neugierig fragte der Burgherr nach dem Sinn der dunklen Worte. Darauf erzählte der Fremdling:

»Vor langer Zeit ging ein Raugraf auf Abenteuer aus. Auf seinen Unternehmungen lernte er ein ebenso schönes als edles Fräulein kennen und führte es als seine Frau heim. Bald darauf zog er ins gelobte Land zum Kampfe gegen die Ungläubigen. Während seiner Abwesenheit erschien auf Altenbaumberg ein ehemaliger Verehrer der schönen Frau und flehte heiß um ihre Gunst. Doch alle Versuche, ihre Treue zu erschüttern, blieben vergebens. Da schwur ihr der abgewiesene Ritter Rache und machte sich auf den Weg nach Jerusalem. Er fand dort den Raugrafen und ließ gelegentlich einige Worte über die Untreue seiner Gemahlin fallen. Scheinbar widerstrebend erzählte er dann, daß die schöne Frau einem Burgknappen ihre Liebe schenke. Sogleich verließ der erzürnte Raugraf das Heer der Kreuzfahrer und eilte der Heimat zu.

Im Pilgergewand kam er unerkannt auf seine Burg und bis ins Gemach seiner Gemahlin, in dem gerade der bezeichnete Knappe Dienst tat. Der Dolch des wütenden Ritters streckte den Knappen sogleich nieder, und mit einem Schrei des Entsetzens, der dem Rasenden nur die Untreue der Gattin zu bestätigen schien, stürzte auch die Burgfrau erdolcht zusammen. Als bewaffnete Diener herbeieilten, riß der Fremde die Kutte vom Leib und stand als ihr Herr vor seinen Leuten.

Sogleich ließ er eine Grube ausheben, die beiden Leichen ohne Sarg und ohne kirchlichen Segen bestatten und befahl, die Öffnung fest zu vermauern. Aber schon am nächsten Morgen bezeugten ihm zwei Lilien über dem Grab die Unschuld der Ermordeten, wofür auch alle Burgbewohner eintreten konnten.

Die tiefe Reue des Alten und sein täglicher Gang zum Grabe vermochten bis heute die Greueltat nicht zu sühnen, und so wandelt er seit Jahrhunderten als lebendiger Leichnam umher. Nur wenn ein ›glückliches Ehepaar‹ aus seiner Nachkommenschaft die Gebeine dieser Schuldlosen auf christliche Weise bestattet, löst sich der Fluch.

Da sahen sich der Burgherr und seine Gemahlin mit einem seligen Blick an. Sie ließen noch zur selben Stunde die Gebeine der Unglücklichen ausgraben und auf feierliche Weise beisetzen. Sogleich verwelkten die Lilien über der einstigen Ruhestätte.

Und als der alte Raugraf wieder in den Schloßhof kam, löste sich das Band seiner Zunge. Freudig erschüttert rief er mit einem Blick zum Himmel: ›Ewiger Richter, sei mir gnädig!‹ Dann sank er tot nieder.«

Ein ehrenvolles Begräbnis neben den Opfern seines Jähzornes blieb ihm nicht versagt.

 


 

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